Empfingen IM GESPRÄCH MIT DEKAN HALTER: Pfarreien im Umbruch

Dekanat Alexander Halter fordert ein Umdenken. Foto: Karl-Heinz Kuball
Dekanat Alexander Halter fordert ein Umdenken. Foto: Karl-Heinz Kuball
Empfingen / REINHARD SEIDEL 04.08.2012
Die 327 Seelsorgeeinheiten in der Erzdiözese Freiburg sollen ab 2015 zu 192 Seelsorgeeinheiten verschmelzen. Dekan Alexander Halter gibt über die Gründe und den aktuellen Stand der Planung Auskunft.

Verschmelzen werden im Dekanat Zollern die Seelsorgeeinheiten Bisingen-Grosselfingen mit Rangendingen, Eyachtal mit Haigerloch, Empfingen mit Dießener Tal und Fehla/Killertal mit Oberer Alb. Den Grund für diese gravierenden Veränderungen sieht Dekan Halter in den "Veränderungen der Gesellschaft". Der demographische Wandel mache auch vor den Pfarreien nicht halt. "Die Kirche ist keine Insel der Glückseligen und sie ist gut beraten, sich der gesellschaftlichen Situation zu stellen", sagt der Dekan. Hinzu komme, dass die Katholiken nicht mehr in dem Maße "christlich sozialisiert sind wie die vorangegangenen Generationen". Viele Menschen glaubten, ohne Gott auskommen zu können.

Außerdem sei die Gesellschaft zu einer "Büfett-Gesellschaft" geworden. Jeder kann sich das herauspicken, was er wolle. Durch individuelle Interessen gingen aber die verbindenden Klammern verloren. Dies habe Auswirkungen auf die Kirche und darauf, wie Menschen Kirche erleben wollen. Viele sähen in den kirchlichen Angeboten lediglich eine willkommene Befriedigung ihrer momentanen Bedürfnisse - ohne Nachhaltigkeit. So gebe es nicht nur einen Priestermangel, sondern auch einen Gläubigenmangel. Trotzdem besteht weiterhin der Anspruch, dass die Strukturen innerhalb der Kirche und den Pfarreien erhalten bleiben müssen. Das funktioniere aber nicht.

Neben dem, was die gesellschaftliche Veränderung der Kirche abverlangt, existiert für Halter also ein zweites Problem: die Einstellung einiger Gemeindemitglieder. Die Leute hätten zu oft die Verpackung, die Struktur im Blick, viel wichtiger sei doch der Inhalt, das gelebte Christsein.

Die Frage laute doch: "Wie können wir heute das, was uns als Christen wichtig ist - das Christsein zu leben in den Gottesdiensten und in der Caritas - erfahren?" Der Dekan zieht hier einen Vergleich mit der Liebe. "Wenn ich in meinem Herzen Sehnsucht nach Gott spüre und die Beziehung Gottes zu mir auch mit anderen Menschen erfahren möchte, da frage ich nicht, muss ich jetzt in den Gottesdienst? Nein, dann werde ich das einfach tun." Das ist dann keine Frage des "Müssens", sondern des "Wollens".

Auch dann, wenn nicht in jeder Pfarrei eine Sonntagsmesse mehr angeboten werden kann. Sollten manche Katholiken nicht die Möglichkeit haben, die Messe zu besuchen, etwa weil sie alt und nicht mehr mobil sind, dann müsse ein Fahrdienst organisiert werden.

Aufgrund dieser Entwicklungen habe die Erzdiözese Freiburg die Konsequenzen gezogen. Um diese Situation aufzufangen, will sie die Strukturen anpassen und verändern.

Halter betont aber, dass der Erzbischof, die Kirchenleitung und auch er vom Inhalt nichts zurück nehmen wollen. Man wird weiterhin getauft, kann heiraten.

Die neuen Seelsorgeeinheiten werden errichtet als eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dies bedeute eine verwaltungstechnische Erleichterung, denn bisher ist jede Kirchengemeinde in der Seelsorgeeinheit eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, eine juristische Person. Rechtlich gesehen, werden die Kirchengemeinden aufgelöst, die Pfarreien bleiben bestehen.

In der Praxis bedeute dies, dass es ab 2015 nur noch einen gemeinsamen Pfarrgemeinderat gibt, einen Haushalt und einen Anstellungsträger. Letzteres so Halter, sei beispielsweise im Bereich der Kindergärten von Vorteil, da es dann die Möglichkeit von Aushilfen untereinander gibt.

In diesem Jahr wurde eine Regel gefunden, wie diese neuen Seelsorgeeinheiten personell ausgestattet sein werden. Pro 3000 Katholiken soll es eine hauptamtliche Kraft geben. Damit die einzelnen Pfarreien in der größeren Seelsorgeeinheit künftig "im guten Sinne miteinander Christsein feiern können", ist ein Umdenken nötig, davon ist Dekan Halter überzeugt.

Das "Kirchturmdenken" nach dem Motto "wir sind wir und die sind die" müsse weiter überwunden werden, ein neues "Wir-Gefühl" müsse verinnerlicht werden. "Denn es geht doch nicht vorrangig darum, allein die Besitzstände zu wahren, sondern gemeinsam unseren Glauben in gesellschaftlichen sich verändernden Räumen zu leben", sagt Halter.

Dekan Halter betont, dass das "Leben vor Ort in den Pfarrgemeinden nicht eingeschränkt werden soll". Offen sei die Frage, inwieweit die Menschen vor Ort in den kommenden Jahren bereit sind, das Leben wie bisher aufrechtzuerhalten. Findet sich jemand, der die Kirche abschließt, die Außenanlagen pflegt oder ein Fest am Patrozinium organisiert? Blieben die Christen in der oben erwähnten Strukturdebatte stehen, dann, so befürchtet der Dekan "wird es in unserem Landstrich in 20 Jahren keine Kirche und keinen gelebten Glauben mehr geben, weil die äußeren Formen nicht mehr mit einem lebendigen Inhalt gefüllt sind".

Würde eine Aufhebung des Zölibats oder die Ordination der Frau den Priestermangel lindern? Der Zölibat ist ein von Menschen gemachtes Kirchengesetz, das man auch streichen könnte, sagt der Dekan fest. Den Zölibat - aus Überzeugung gelebt - hält der Dekan für "sinnvoll und wichtig".

Er weiß aber auch, dass Studienkollegen von ihm, die Pfarrer werden wollten, dies nicht getan haben, weil sie eine Frau kennen und lieben gelernt haben. Halter ist überzeugt, dass sie "gute Väter und gute Priester" geworden wären. Dennoch glaubt Halter nicht, dass eine Abschaffung des Zölibats zu einem Priesterboom führe.

Die Frage, ob Frauen zu Priestern geweiht werden dürften, habe Papst Johannes Paul II. mit einem deutlichen Nein beantwortet. Die Diskussion darüber hat aber dennoch nicht aufgehört. "Sie geht weiter und muss weitergeführt werden", betont Halter.

Er weist darauf hin, dass in dieser Diskussion oft eine "deutsche Brille" aufgesetzt wird. In der Weltkirche sei die Weihe der Frau zur Priesterin derzeit kein Thema. "Weltkirchlich gesehen ist die Zeit dafür noch nicht reif." Würde Rom heute die Weihe der Frauen erlauben, dann befürchtet Halter große interne Spannungen bis hin zur Kirchenspaltung.

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