Hut ab, ihr Junginger! Dass an einem Montagabend knapp 400 Bürgerinnen und Bürger die Festhalle füllen und das HZ-Wahlpodium zu solch einem Magneten machen, war nur zu hoffen, aber nicht zwingend zu erwarten. Es zeigt aber, wie groß das Interesse an der Bürgermeisterwahl und drei gleichermaßen aussichtsreichen Kandidaten ist.

Und Ernst Klett, den HZ-Redaktionsleiter mit Junginger Wohnsitz, ließen die Mitbürger auch nicht im Stich. Der Moderator musste nicht mal die Hälfte der 105 Minuten alleine bestreiten, den Rest besorgte das Publikum mit Fragen und hartnäckigem Nachfragen, wenn manche Gemeinplätze aus dem Mund der Bewerber doch gar zu allgemein waren.

Simmendinger: „Ich wäre meines Lebens nicht mehr froh...“

Dann gab es doch manche Offenbarung zu hören. So zum Beispiel von Oliver Simmendinger, dem gebürtigen Killermer im Kandidatenfeld. Auf die Bürgerinnenfrage, was ihn als Bürgermeister von Jungingen prädestiniere, betonte er seine Empathie und Sensibilität – und dass er niemanden enttäuschen möchte: „Ich wäre meines Lebens nicht mehr froh, wenn es so wäre wie in Burladingen, dass alle mit dem Bürgermeister unzufrieden wären.“

Michael Stehle, der Kandidat aus dem Haigerlocher Stadtteil Weildorf, hielt sich eine andere Qualität zugute: „Ich habe die klassische Bürgermeister-Ausbildung – wie Erwin Teufel und Heinrich Haasis“. Die Abgrenzung, die er wählte, war jedoch ganz ähnlich: In Haigerloch, sagte er, würde er nie Bürgermeister werden wollen. „Da habe ich acht neidische Ortschaftsräte, Schulden und einen schwierigen Gemeinderat.“

Jürgen Kleinmann, der Ur-Junginger im Feld, wählte naturgemäß die Innenperspektive: „Ich habe Lebenserfahrung hier im Ort von Geburt an.“ Und Bürgermeister zu sein, sei sein „versteckter Berufswunsch“. Er habe einfach „Lust auf das Amt“.

Kleinmann: „Arbeit ist Arbeit, Schnaps ist Schnaps“

Ob bei ihm als Einmal-Junginger-immer-Junginger aber nicht der „Stallgeruch“ zu intensiv sei, um Bürgermeister zu sein, hatte sich Kleinmann zuvor schon von Ernst Klett fragen lassen müssen. Die Antwort des 47-jährigen Polizeihauptkommissars darauf: Nein, auch ein „Eigengewächs“ könne sehr erfolgreich sein. Das zeige schon das Beispiel Rangendingen. Nicht um Distanz gehe es, sondern um Bürgernähe und Akzeptanz. Er wisse sehr wohl zwischen Dienst und Freizeit zu trennen: „Arbeit ist Arbeit. Schnaps ist Schnaps.“ Auch auf seiner Polizeidienststelle sei ihm wichtig: „Keine Kumpelei, keine Vetterleswirtschaft.“

Ein Killermer – warum nicht?

Oliver Simmendinger wurde von der HZ-Redaktion mit der These konfrontiert, die Junginger würden einen Killermer nur dann zum Bürgermeister wählen, wenn sein Konkurrent ein Schlattemer wäre. Der Lacher des Abends im Saal! Der Leiter des Peitschenmuseums konterte nonchalant: Wenn der Junginger Musikverein gute Erfahrungen mit einer Dirigentin aus Killer gemacht habe, wieso dann nicht die ganze Gemeinde?

Stehle: „In 20 bis 25 Minuten bin ich da!“

Bei Michael Stehle zielte die heikle Frage des Moderators auf die Absicht ab, nicht von Weildorf nach Jungingen umziehen zu wollen. Der 41-Jährige Diplom-Verwaltungswirt blieb dabei: Wenn er gerufen werde, sei er „in 20 bis 25 Minuten“ da. Schon eingangs hatte er das Thema aufgegriffen und gesagt: „Ich habe zwei kleine Kinder, die in die Schule gehen. Wenn das rum ist, können wir drüber schwätzen.“ Wichtiger ist ihm aber, „ein unabhängiger Kandidat mit neutralem Blick von außen“ zu sein.

Was das Publikum interessierte?

Das geplante Seniorenzentrum zum Beispiel. Zwei Rednerinnen betonten unisono: Der geplante Standort unterhalb der Kirche sei „der blödeste Platz“ und „absolut unmöglich“. Offene Türen rannten sie mit dieser Kritik aber nicht ein. Kleinmann entgegnete offensiv, er sehe das „Projekt auf dem richtigen Weg und am richtigen Standort“. Simmendinger wähnte den Standort zwar „nicht ideal“, würde ihn aber in Kauf nehmen, um das für ihn ganz wichtige Projekt nicht zu verzögern oder zu verteuern. Stehle bekannte derweil, dies sei eines der Sachthemen, in die er sich als Bürgermeister erst noch einarbeiten müsse.

Auch ein 200-PS-Pilot ist für Tempo 30

Wohler als seine beiden einheimischen Mitbewerber fühlte sich der Fachmann aus dem Kfz-Zulassungswesen dagegen bei den Verkehrsthemen. Tempo 30 auf der ganzen Ortsdurchfahrt bei Tag und Nacht? Stehle kennt den Verwaltungsweg: Mit den Nachbarbürgermeistern entlang der B 32 reden und dann beim Regierungspräsidium „Bretter bohren“. Da habe er seine „Connections“. Und ja: In seiner Vision „Jungingen in acht Jahren“ kommt „Tempo 30 im ganzen Flecken“ vor. Man staune: Da war mit Bürger Achim Bumiller sogar ein 200-PS-Sportwagenfahrer ganz auf seiner Linie.

Sehr zurückhaltend in diesem Punkt dagegen die beiden Platzhirsche: Simmendinger sieht in Tempo 30 „einen großen Eingriff in die Persönlichkeit“, Kleinmann meinte, eine 30er-Zone müsse auch akzeptiert sein. Deshalb gilt für beide: nicht ohne Bürgerbeteiligung. Bürgerbeteiligung war bei Simmendinger, 44-jähriger Diplom-Betriebswirt der Fachrichtung Informatik, ohnehin ein oft gehörtes Stichwort. Den „Publikumsjoker“ würde er auch als Rathauschef gerne öfter ziehen. Zum Beispiel, wenn er nach seiner Wahl ein langfristiges Gemeindeentwicklungskonzept auf die Beine stellen würde. Oder – noch ein Thema aus der Bürgerschaft – wenn es drum geht, ob man für den Hochwasserschutz doch noch ein großes Rückhaltebecken baut.

Ein „Vereinsmeier“ wird’s auf jeden Fall

Einen „Vereinsmeier“ – das lernten die Junginger – werden sie auf jeden Fall als Frick-Nachfolger wählen. Unterschieden haben sich die Bewerber auf diesem Feld nur darin, dass sie bekannte Missstände anpacken wollen (Simmendinger und Kleinmann die fehlenden Küchen in der Halle und im Gemeindesaal) oder wie Stehle aus der Außenperspektive auf andere hinwiesen: „Samstagabends ist das Dorf tot, das DRK hat kein Heim, der Musikverein auch nicht, und nach dem ersten Heimsieg der Fußballer steht man frierend auf dem Platz.“ Also spricht der Weildorfer: „Es muss das vornehmliche Ziel sein, allen Vereinen eine Heimat zu geben. Und die Gemeinde muss das unterstützen.“

Freibad-Preise nicht in Stein gemeißelt

Als vornehmliches Ziel gilt es in Jungingen auch, das Hallenbad und das Freibad als wichtige Stützen der familienfreundlichen Infrastruktur zu erhalten. Da waren sich alle drei Bewerber einig. Einig waren sie sich aber auch in einer eher konservativen Herangehensweise: bewahren, so lange es irgendwie geht. Von großen Investitionen sprach mit Blick auf die Finanzlage der Gemeinde keiner. Dass die Gestaltung der Eintrittspreise mit günstigen Dauerkarten und teuren Einzeltickets bei Unzufriedenheit nicht in Stein gemeißelt sein müsse, räumten auf Nachhaken aber sowohl Simmendinger als auch Kleinmann ein.

Und sollte doch eines Tages die Schließung des Freibades unvermeidlich sein? „Dann haben wir vielleicht falsch gewirtschaftet“, sagte Michael Stehle. Und Oliver Simmendinger würde im Notfall auch bei Unternehmern Klinken putzen: „Sponsoren wären eine Option. So wie bei der Trigema-Arena“. Aha, manchmal taugt dann doch eine Nachbarstadt als Vorbild!

Vorbildlich war am Montag allemal die Bewirtung durch den Musikverein und die Organisation der Halle durch den Gemeinde-Bauhof. Dafür ein dickes Vergelt’s Gott von der HZ! Und auf ein Wiedersehen bei der offiziellen Kandidatenvorstellung der Gemeinde am 9. Dezember.

Auch interessant:

„Rock für die 14“ in Jungingen 350 Gäste bei der Party für den guten Zweck

Jungingen