Hechingen HZ-Kulturkritikerin am Lesepult

Antonia Lezerkoss, bekannt als Kulturkritikerin der HZ, erwies sich in der Villa Eugenia als glänzende Vorleserin und präsentierte Geschichten von Rosegger, Thoma und Ringelnatz.
Antonia Lezerkoss, bekannt als Kulturkritikerin der HZ, erwies sich in der Villa Eugenia als glänzende Vorleserin und präsentierte Geschichten von Rosegger, Thoma und Ringelnatz. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 11.01.2019
Beim Ohrenkino in der Hechinger Villa Eugenia präsentierte Antonia Lezerkoss Werke von Rosegger, Thoma und Ringelnatz.

Angestaubte Geschichten? Triviale Erzählungen aus längst vergangenen Zeiten? Höchstens auf den ersten Blick. Denn das, was das Publikum am Mittwoch beim Ohrenkino in der Villa Eugenia zu hören bekam, war alles andere als belanglos oder überholt. Die Werke von Schriftstellern wie Peter Rosegger (1843-1918), Ludwig Thoma (1867-1921) oder Joachim Ringelnatz (1883-1934) beeindrucken auch mehr als ein Jahrhundert nach ihrer Entstehung durch sprachliche Anmut, Lebendigkeit und hintersinnigen Humor. Man muss sie nur wiederentdecken.

HZ-Autorin Antonia Lezerkoss ist dies gelungen. Sie hat aus den Tiefen ihres Bücherregals Geschichten zu Tage befördert, die auch im kollektiven Gedächtnis der deutschsprachigen Literatur sehr weit nach hinten gerückt sind. Etwa die des als „Waldbauernbub“ bekannt gewordenen österreichischen Schriftstellers Peter Rosegger, der in einer bäuerlichen Gesellschaft aufwuchs und einer der erfolgreichsten Schriftsteller seiner Zeit wurde. Mit den Waldheimatgeschichten gelang es ihm, die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse seiner Heimat einem breiten Publikum näherzubringen. „Seine Geschichten sind schon etwas angestaubt, aber doch mit einer bilderreichen Sprache und mit viel Lokalkolorit versehen“, unterstrich Lezerkoss.

Ihrem Publikum hatte sie die kurzweilige Erzählung „Als Großvater freien ging“ mitgebracht. Darin zeichnet Rosegger ein lebendiges Bild vom Leben der Bauern, Fuhrleute und Holzarbeiter und beschreibt, wie sich sein damals noch junger Ahn eine Braut suchte.

„So geht‘s auf der Welt, man meint in jungen Jahren, man hätte es fertig mit allem und ahnt nicht, welche Herzensgewalten noch in der Zukunft schlummern.“ Dies ist nur eine von vielen so unprätentiös wie prägnant in Worte gefassten Lebensweisheiten, die die Erzählung durchziehen. Dass der Großvater seinem „Heidelbeermädchen“ so viele Küsse abluchst, wie er einst einem listigen Holzhauer Haferkörner für eine silberne Uhr bezahlen sollte, ist die heitere Pointe am Ende der Erzählung.

Aus der Feder von Ludwig Thoma, der vor allem durch seine satirischen Alltagsgeschichten aus Bayern bekannt wurde, stammt die Geschichte „Assessor Karlchen.“ Thoma sei wohl ein ausgemachter „Obrigkeitshasser“ gewesen, was in seinem Werk immer wieder zum Tragen komme, erläuterte Antonia Lezerkoss. So beginnt die Geschichte auch mit der Anmerkung, dass es „keine angenehmen Erinnerungen“ seien, die der Erzähler mit Karlchens Namen verbindet. Der Junge mit schon früh ausgeprägter „Neigung zum Anzeigeerstatten“ war „der Dümmste in unserer Klasse – später wurde er Assessor in München.“ Einer von vielen Seitenhieben gegen die Obrigkeit, die Scheinmoral und das spießbürgerliche Milieu, die das Publikum zum Schmunzeln brachten.

Eine ganz unbekannte Seite des vor allem für seine humoristischen, teils skurrilen und stets geistreichen Werke populären Joachim Ringelnatz präsentierte Vorleserin Antonia Lezerkoss mit dessen Erzählung „Durch das Schlüsselloch eines Lebens.“

Unermessliche Menschheit

Darin führt der Zufall einen vornehmen jungen Herrn mitten hinein in die Gemächer einer ihm fremden Dame, lässt ihn eintauchen in deren Umgebung, was mit äußerster sprachlicher Eleganz beschrieben wird: „Ja, auch er, Berthold, hatte durch ein Schlüsselloch, durch das Schlüsselloch eines Lebens geschaut, und da er daran dachte, daß es Millionen solcher Leben gab, von denen jedes wieder seine eigene Gestaltung besaß, war es nicht nur Behagen, was ihn erfüllte, war es ein tiefes Ergriffensein vor der Unermeßlichkeit der Menschheit.“ Ein wunderbarer Schlusssatz am Ende eines unteraltsamen literarischen Abends.

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Autoren hat Antonia Lezerkoss fürs  Ohrenkino ausgewählt: Peter Rosegger, Ludwig Thoma und Joachim Ringelnatz. Alle Erzählungen haben inzwischen gut 100 Jahre auf dem Buckel.

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