US-Wahl Hohenzollerische Reaktionen

Hechingen / Hardy Kromer 10.11.2016

Fassungslos blickten am Tag nach der historischen Trump-Wahl nicht nur Laien der internationalen Politik gen Washington, sondern auch vermeintlich abgebrühte Profis vom Schlage eines Klaus Kinkel. Den ehemaligen Bundesaußenminister mit Hechinger Wurzeln erreichte die HZ gestern Mittag am Autotelefon, und der 79-Jährige bekannte frank und frei: „Ich bin – um ehrlich zu sein – geschockt.“ Nie, so der FDP-Politiker, hätte er mit diesem Ergebnis gerechnet. Die Überraschung sei vergleichbar mit dem Brexit.

Man könne, so Kinkel, jetzt nur hoffen, dass der neue Präsident in der Ausübung seines Amtes vom Repräsentantenhaus und vom Senat, von engen guten Mitarbeitern, durchaus auch von den Medien und von wichtigen gesellschaftlichen Gruppierungen „eingefangen und gesteuert“ werde. Und weiter: „Wir müssen darauf hoffen, dass Trump aus einem absolut unglückseligen Wahlkampf-Modus hinein findet in das wichtigste Amt der westlichen Welt.“ Ausdrücklich bedauert der Vizekanzler der Kohl-Ära, dass Hillary Clinton es nicht geschafft hat: „Ich kenne sie aus ihrer Zeit als Präsidentengattin. An Erfahrung wäre sie Trump haushoch überlegen.“

Das Wahlergebnis „mag enttäuschen“, aber es sei zu akzeptieren, betont die Hechinger Wahlkreisabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin Annette Widmann-Mauz (CDU). Wichtiger denn je seien nun ein kühler Kopf und die Frage, „was wir daraus lernen können“.

Bei den Wahlen habe die Sehnsucht vieler Amerikaner nach wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit im Zentrum gestanden, aber auch die Unzufriedenheit mit einer politischen Kultur, von der sich viele „nicht mehr repräsentiert fühlen“. Dass das einflussreichste Land der Welt nun von einem Präsidenten geführt werde, der sich bisher „durch einen launenhaften Politikstil“ ausgezeichnet und sein eigenes Land noch tiefer gespalten habe, beschäftige sie sehr, bekennt die Christdemokratin. Denn „auch bei uns gibt es Probleme, die den Zusammenhalt belasten und deshalb gelöst werden müssen“. Das sei harte Arbeit und nicht über Nacht mit einem Kreuzchen getan. Dazu brauche es Menschen, die konkret Verantwortung übernehmen und handeln. Geopolitisch, ergänzt die Parlamentarische Staatssekretärin, scheine die Lage unsicherer zu werden. Mit Blick auf Osteuropa und den Nahen Osten sei es umso wichtiger, dass Deutschland weiterhin eine partnerschaftliche, vertrauenswürdige und wertegeleitete Außenpolitik verfolge und Europa Geschlossenheit zeige. „Ich hoffe“, so Annette Widmann-Mauz, „dass Donald Trump den Wert dieser gewachsenen Freundschaft zwischen den westlichen Demokratien erkennt.“

Überraschung über den Wahlausgang räumt auch Dr. Thomas Ertl, Geschäftsführer des Hechinger Standorts (Gambro) des in den USA beheimateten Medizintechnik-Konzerns Baxter, ein: „Ich hatte das so nicht erwartet und insbesondere im Hinblick auf die Stabilität der deutsch-amerikanischen Beziehungen auch auf ein anderes Ergebnis gehofft.“ Aber, fügt Ertl hinzu: „So ist Demokratie, und wir haben das Ergebnis zu akzeptieren.“ Offensichtlich sei die Unzufriedenheit mit dem Establishment in der amerikanischen Bevölkerung so groß, dass der Wunsch nach einer Alternative, egal wie „verrückt“ diese auch erscheinen mag, stärker war. „Dass diese Wahl eine Protestwahl werden würde, war klar“, stellt Ertl fest, „das Ausmaß ist allerdings komplett unterschätzt worden.“ Den Deutschen und den Europäern generell sollte das zu denken geben: „Wir müssen die sich immer mehr abzeichnende Spaltung in unserer Gesellschaft viel ernster nehmen und handeln. So was darf bei uns nicht passieren.“

Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen USA und Europa würden durch die Trump-Wahl „sicherlich nicht begünstigt“, meint Ertl und sieht für ein Handelsabkommen wie TTIP „eher schwarz“. Allerdings erwartet er, „dass dies keinen Einfluss auf das Geschäft unserer Firma in Hechingen hat“.

„Trump ist keine Katastrophe“, meint der bekannteste Unternehmer des Zollernalbkreises, der Burladinger Trigema-Chef Wolfgang Grupp. Vielmehr sei seine Wahl zum Präsidenten „eine erwartbare Konsequenz der amerikanischen Politik der vergangenen Jahre“. Diese habe das eigene Volk, die einfachen Leute, nicht beachtet, sondern links liegen gelassen. Diese Leute hätten nun in Trump die Chance gesehen, daran etwas zu ändern.“

Für Deutschland könne die Trump-Wahl durchaus ihre guten Seiten haben, glaubt Grupp:„Ich habe immer kritisiert, dass die Bundesregierung Amerika hörig ist. Wir sollten nicht nur die Amerikaner, sondern auch die Russen schätzen.

Letzterem neigt auch Trump zu. Damit gibt es für Deutschland endgültig keinen Anlass mehr, sich vor den Karren der Amerikaner gegen Russland spannen zu lassen.“

Dass Trump sich stärker um die Interessen der Gefährdeten und potenziellen Verlierer kümmern werde, dafür müsse man Verständnis haben, so der Burladinger Textilunternehmer.

Auch die von Trump angekündigte Hinwendung Amerikas zu sich selbst hält Grupp für sehr positiv: „Ich fand es immer schlecht, dass die Amerikaner meinten, die ganze Welt regieren zu müssen und ihre Verbündeten zwingen, sich diesem Ziel unterzuordnen.“

Grupp gibt schließlich zu, dass es ihn „sogar ein wenig freut, dass Trump gewonnen hat“, nämlich wenn er auf die Bundestagswahl im kommenden Jahr schaue. Denn Trump habe – anders als das saturierte Establishment und die Gewinner der Globalisierung – im Grundsatz die Interessen des Volkes vertreten. „Ob die Methoden populistisch waren oder nicht, lasse ich einmal dahingestellt.“ Grupp erwartet zwar, „dass die AfD versuchen wird, den Erfolg Trumps als Rückwind für sich zu nutzen.

Dass die AfD dadurch stärker wird, muss aber nicht sein – wenn die Regierenden in Berlin den Sieg Trumps als Warnschuss begreifen.“

Denn die AfD, so meint Grupp, sei „erstarkt, weil die Regierung Fehler gemacht hat, vor allem in der Flüchtlingspolitik, wo sie die Bevölkerung mit den Problemen alleine gelassen hat. Hier muss sie mehr auf des Volkes Stimme hören, soll es ihr nicht wie Hillary Clinton und ihren Demokraten gehen soll. Die Zeit dafür ist noch da.“

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