So harmonisch kann es zwischen Boll und Stetten zugehen – und das in Sichtweite des auf historische Fehden verweisenden Hasenwedel-Denkmals: Die Musikkapellen beider Gemeinden spielten am späten Mittwochnachmittag gemeinsam zur feierlichen Inbetriebnahme des großen Hochwasser-Rückhaltebeckens zwischen den beiden Dörfern auf. Und auch Bürgerinnen und Bürger aus Stetten, Boll und Hechingen feierten gemeinsam (bei Bewirtung durch die Hagaverschrecker und den Bürgerverein Boll) das gewaltige Bauwerk, das im guten Miteinander nach dreijähriger Bauzeit verwirklicht worden ist.

Den bürgerschaftlichen Anteil am Gelingen würdigte Hechingens Bürgermeister Philipp Hahn als Vorsitzender des Zweckverbandes Hochwasserschutz Starzeltal ausdrücklich: Ohne die Mitwirkung der zahlreichen Grundstückseigentümer, die ihre Wiesen für das Gemeinwohl verkauft haben, wäre alles nicht möglich gewesen, stellte das Stadtoberhaupt fest.

Und ohne das entschlossene Zusammenwirken der Stadt Hechingen und der Gemeinde Rangendingen, die 2013 gemeinsam des Zweckverband ins Leben riefen, hätte sich das 4,83 Millionen Euro teure Großprojekt auch nicht verwirklichen lassen. Denn ohne einen Zweckverband hätte das Land nicht 70 Prozent der Kosten übernommen. Deshalb galt Hahns Dank seinem Kollegen Johann Widmaier und dessen Gemeinderat. Gemeinsam habe man das Bündnis konstruktiv und erfolgreich gemacht, insgesamt 9,5 Millionen Euro für den Hochwasserschutz verbaut und nun „das Herzstück des Konzeptes“, das Becken und den Damm am Reichenbach, zum Abschluss gebracht.

Ein gezielter Seitenhieb galt an dieser Stelle den starzelaufwärts liegenden Kommunen Jungingen und Burladingen, deren Bewohner unter dem Extrem-Hochwasser von 2008 nicht minder zu leiden hatten. Darüber, dass diese beim Zweckverband damals „überraschend“ nicht mitgemacht haben, „waren und sind wir nicht begeistert“, stellte Hahn fest: „Denn was oben ist, betrifft auch uns unten.“

Auf den Klimawandel Bezug nehmend, stellte Hahn fest, dass Hochwasser-Ereignisse immer häufiger werden und auch in ihrem Ausmaß zunehmen. „Dafür“, so betonte der Bürgermeister, „sind wir ab heute mit dem Reichenbachbecken besser gewappnet. Wir haben nun das Machbare getan, um das Leben und das Hab und Gut der Anrainer des Reichenbachs und der Starzel vor der Gewalt des Wassers zu bewahren.“

Von einem „Tag der Freude“ sprach auch Dietmar Enkel, zuständiger Abteilungspräsident im Regierungspräsidium. Es sei aber ebenso ein Tag, der schmerzlich in Erinnerung rufe, was sich im Juni 2008 an Dramatischem ereignet hat. Ein kurzes Gedenken galt den drei Menschen, die in den Starzelfluten in Jungingen und Hechingen ihr Leben verloren. Garantien gegen Hochwasser, so Enkel, gebe es auch in Zukunft nicht. Man habe aber die Möglichkeit, bestmögliche Vorsorge zu treffen. Und genau das hätten die Stadt Hechingen und die Gemeinde Rangendingen in den vergangenen Jahren getan: „Sie haben zugepackt, geplant, sie setzen um.“

Markus Heberle vom federführenden Ingenieurbüro informierte über technische Details des Bauwerks, zum Beispiel darüber dass das normalerweise trockene und grüne Becken im Ernstfall 240 000 Kubikmeter Wasser aufnehmen kann. Das entspricht dem Inhalt von 2,4 Millionen Badewannen! Damit bietet es Schutz vor einem 100-jährlichen Hochwasser und darüber hinaus auch vor den Folgen des Klimawandels. Das Becken, so Heberle, erfülle mithin „eine Herkulesaufgabe“: Auch wenn die Starzel eine Welle gen Hechingen trage, könne das Becken den Reichenbach über die Fernüberwachung so regulieren, dass die Gesamtflut gedämpft werde.

Die Pfarrer Michael Knaus und Horst Jungbauer schritten dann zur Segnung des Bauwerks samt der Menschen, die von ihm profitieren, und der Natur. Jungbauer begann mit der biblischen Sintflutgeschichte, die in die sinnfällige Bitte mündete, „dass hinfort keine Sintflut mehr komme“. Knaus zitierte – mit Blick auf Hochwasserkatastrophen – die oft gehörte Frage: „Warum lässt Gott so etwas zu?“ Dahinter stehe ein Gottesbild, das längst überwunden sein sollte. Der Gott des Christentums, so Knaus, sei ein solidarischer, ein mitleidender Gott, der Menschen die Chance gebe, Lösungen zu finden. „Vor und auf so einer Lösung stehen wir“, sagte Pfarrer Knaus auf der Dammkrone, zwölf Meter über dem Reichenbach.

Gemeinsam sang die Festgemeinde zu den Klängen der Musikkapellen aus Stetten und Boll „Lobe den Herren“ und das Hohenzollernlied – und dann machte man es sich unter der Abendsonne gemütlich.

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Millionen Badewannenfüllungen Wasser kann das Hochwasser-Rückhaltebecken am Reichenbach im Ernstfall auffangen.