Hechingen Hindu-Dozentin auf Spurensuche

Die Hindu-Dozentin Tiwi Etika war drei Tage lang zu Besuch bei Martin Baier in Hechingen. Von dort reiste sie weiter mit dem Zug nach Leiden.
Die Hindu-Dozentin Tiwi Etika war drei Tage lang zu Besuch bei Martin Baier in Hechingen. Von dort reiste sie weiter mit dem Zug nach Leiden. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 28.08.2018
Auf ihrem Weg nach Holland macht die Hindu-Dozentin Tiwi Etika einen Abstecher bei Martin Baier in Hechingen.

Auf Einladung des Vorsitzenden des Freundeskreises Indonesische Außeninseln, Martin Baier, machte Tiwi Etika auf ihrer Reise nach Holland in Hechingen Station. Die verheiratete 42-jährige Indonesierin, Mutter einer Tochter und eines Sohnes, arbeitet auf ihrer Heimatinsel Borneo als Hindu-Dozentin: Sie  unterrichtet Lehramtsanwärter in ihrer Religion, einer indigenen Version des Hinduismus auf Borneo.

Um ihr Wissen über die Stammesreligion der indigenen Bevölkerung, den Dayak, zu vertiefen, will sie an der Reichsuniversität Leiden (vormals Rijksuniversiteit) in Holland anhand historischer Quellen, Dokumente und Niederschriften damaliger Forschungsreisender und Missionare neue Erkenntnisse gewinnen. Ihre wissenschftliche Tätigkeit wird duch das Erasmus-Prgramm der Europäischen Union gefördert.

Frau Etika was brachte sie dazu, diese Forschungsarbeit anzustreben?

Tiwi Etika Obwohl in Indonesien der Islam die meist praktizierte Religion ist, ist die Inselrepublik kein islamischer, sondern ein religiöser Staat: Laut der indonesischen Regierung muss sich jeder Bürger für einen der sechs offiziellen Glaubensbekenntnisse (Buchreligionen) entscheiden: Islam, römischer Katholizismus, Protestantismus, Buddhismus, Konfuzianismus oder Hinduismus, und dies wird in seinen Personalien festgehalten.

Daher geben die Dayak, die nicht zum Islam oder zum Christentum konvertiert sind, „Hindu Kaharingan“ als ihre Religion an, die offiziell als Variante des Hinduismus angesehen wird, aber ausgeprägte lokale Merkmale aufweist, die lokale Kultur reflektiert und in der Tradition des ursprünglichen Animusmus der Dayak steht. Auch wenn Hindu Kaharingan viele Elemente, Ausdrücke und Namen aus dem alten Stammesglauben enthält,  stellt sie dennoch eine neue, „mono­theistische“ Religion dar, die an die moderne Weltanschauung und den heutigen Zeitgeist angeglichen ist. Die Leitung der Religionsgemeinschaft liegt in Händen des „Großen Rates der Hindu Kaharingan-Religion“ in Palangka Raya, der Hauptstadt der Provinz Kalimantan/Borneo. Die dortige Hindu Kaharingan-Hochschule wurde offiziell zu einer staatlichen Bildungsanstalt. Hier werden staatliche Religionslehrer für Haupt- und Realschulen ausgebildet.

Demnach wollen Sie mit ihrem  Quellenstudium nach Zeugnissen der alten, traditionellen Religion forschen – eine Spurensuche also?

Ja, Von unseren Vorfahren wurde nichts schriftlich festgehalten, daher bin ich auf Berichte aus der holländischen Kolonialzeit angewiesen. Da die niederländischen Regierungsvertreter sehr selten in unsere Religionsangelegenheiten eingriffen, herrschte während dieser Zeit fast unbegrenzte Religionsfreiheit. Somit verspricht das Quellenstudium Aufschlüsse über weitere – heute nicht mehr erwähnte – Gottheiten, nicht mehr ausgeübte Riten und religiöse Praktiken.

Info Dayak ist ein Sammelbegriff für die indigene Bevölkerung der südostasiatischen Insel Borneo. Zu den Dayak werden dutzende verschiedene Volksgruppen gezählt.

Ein evangelischer Pfarrer in Rente

Martin Baier, Jahrgang 1934, in Stuttgart geboren, wohnt in Hechingen. Durch seine Eltern, einem Missionsehepaar, kam er schon als Zweijähriger zu verschiedenen Missionsstationen im damaligen niederländischen Borneo. Später studierte er in Tübingen Theologie, war als Vikar der Württembergischen Landeskirche in Reutlingen, Münsingen und Oberesslingen eingesetzt.

Missionseinsatz Zusammen mit seiner Ehefrau nahm er einen Missionseinsatz in Indonesien an, arbeitete in der Evangelischen Kalimantan-Kirche im südlichen Kalimantan/Borneo. Das junge Paar bekam zwei Kinder. Als der Erstgeborene die Schule besuchen musste, kehrte die Familie nach Deutschland zurück.

Autor Baier wurde Pfarrer in Balingen und Truchtelfingen, promovierte nebenbei in Tübingen in Ethnologie. Indonesien aber ließ ihn nicht los. Schließlich folgte er dem Ruf an die Theologische Hochschule der Evangelischen Kalimantan-Kirche in Banjamarsin als Lehrbeauftragter, unterrichtete bis 2018 in Ost-Kalimantan und Sumba/Ost-Indonesien. Baier veröffentlichte Bücher und Aufsätze über die Missionsgeschichte.

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