Hechingen Hemingway auf die Ohren

Vorlesen ist eine Kunst, die Ilona Heukamp wunderbar beherrscht. Beim Ohrenkino unterhielt sie mit spannenden Kurzgeschichten.
Vorlesen ist eine Kunst, die Ilona Heukamp wunderbar beherrscht. Beim Ohrenkino unterhielt sie mit spannenden Kurzgeschichten. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 09.11.2018
Ilona Heukamp präsentierte beim Ohrenkino in der Villa Eugenia Geschichten zum Nachdenken, Schmunzeln und Genießen.

Ihre Stimme ist den Stammgästen in der Villa Eugenia wohlbekannt, ebenso ihr Talent, fesselnde Erzählungen und Geschichten gefühlvoll und pointiert vorzutragen: Ilona Heukamp, die das Ohrenkino in den Räumen der ehemaligen Fürstenresidenz einst initiiert hat, nahm schon oft im Sessel neben der Leselampe Platz, um ihr Publikum mit herzerwärmenden, tiefgehenden, vor allem aber auch humorvollen Werken aus der weiten Welt der Literatur zu erfreuen. Kein Wunder also, dass Organisatorin Anita Maultzsch beim Ohrenkino am Mittwoch wieder zahlreiche Gäste in der Villa begrüßen konnte, die sich auf einen unterhaltsamen Abend freuen durften.

„Vorleserin“ Ilona Heukamp hatte diesmal Kurzgeschichten im Gepäck, die allesamt mit einem überraschenden Ende aufwarten. „Zum Teil habe ich diese früher mit meinen Schülern im Unterricht gelesen, eine davon sogar für eine Klassenarbeit ‚missbraucht’“, erzählte die ehemalige Gymnasiallehrerin mit einem Augenzwinkern. Mit „Mamas Bankkonto“, der wohl bekanntesten Erzählung aus der Feder von Kathryn Forbes, eröffnete sie ihren Auftritt.

Geschildert werden darin die täglichen Kämpfe und Sehnsüchte einer norwegischen Familie im San Francisco des frühen 20. Jahrhunderts. Ein Bild, das diese Geschichte prägt, ist das der am Küchentisch sitzenden Mutter, die jede Woche den Lohn für die anstehenden Ausgaben aufteilt. „Ist gut. Wir müssen nicht zur Bank gehen“, sind die Worte, die alle Beteiligten stets herbeisehnen. Und sollte das „kleine Bankkonto“ zu Hause einmal nicht ausreichen, ist ja immer noch das „große“ in der Stadt vorhanden. Erst viel später kommt heraus: Es gab nie ein großes Bankkonto. Die Mutter hat es erfunden, um den Kindern Sorgen und Ängste zu ersparen. Die Erzählung beinhaltet das Portrait einer starken Frau und zeichnet dazu ein Gesellschaftsbild, das den alltäglichen Überlebenskampf von Einwanderern aus der Sicht eines Kindes gefühlvoll nachzeichnet.

Welch’ fatale Folgen das falsche Interpretieren einer an sich ganz harmlosen Situation haben kann, führte Ilona Heukamp mit zwei ganz unterschiedlichen Geschichten vor Augen. Die erste mit dem Titel „Ein Tag Warten“, spielt sich überwiegend am Krankenbett eines Jungen ab, der, an einer ungefährlichen Grippe leidend, durch ein Missverständnis glaubt, sterben zu müssen. Anstatt darüber zu sprechen, verschweigt er seine Angst und verbringt einen ganzen Tag damit, auf seinen Tod zu warten. Kurze, auf das Wesentliche reduzierte Sätze und Dialoge dominieren die Erzählung. Ein eher ungewöhnliches Werk des großen Ernest Hemingway. „Typisch für ihn ist darin eigentlich nur die kurze Jagdszene“, erläuterte Ilona Heukamp, die die eigentümlich ruhige Erzählart des Werks wunderbar umsetzte.

Lateinamerikanisch geprägt ist die in Montevideo spielende Episode „Taxi“, in der dieselbe Situation zunächst aus der Sicht des Fahrgasts, dann aus der des Taxifahrers geschildert wird. Beide schätzen eine ganz normale Alltagssituation völlig falsch ein – mit fatalen Folgen. „Die Erzählung ist das Werk eines 17-jährigen Schülers, der dafür zu Recht einen Preis erhalten hat“, unterstrich Ilona Heukamp.

Zum Schmunzeln brachte sie die Zuhörer mit „Die Geschichte einer Stunde“ von Kate Chopin. Die Nachricht vom Tod ihres Mannes lässt die Protagonistin im Gefühl der neugewonnenen Freiheit schwelgen. Als ihr totgeglaubter Gatte plötzlich wieder vor der Tür steht, stirbt sie an einem Herzschlag. Mit diesem Plot einer sich befreit fühlenden Frau eckte die Autorin im Amerika der 1890er Jahre gehörig an. Die bekannte Erzählung „Das offene Fenster“, in der die überbordende Phantasie einer 15-Jährigen für mächtig viel Wirbel sorgt, reihte sich wunderbar in die Riege der unterhaltsamen Kurzgeschichten ein, mit der Ilona Heukamp ihr Publikum unterhielt.

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