Mordprozess Hechinger Mordprozess: Auch im Gefängnis kriegen die Angeklagten noch Drogen

Spurensicherung am Tatort an der Staig: Vor Gericht trugen jetzt Kriminaltechniker ihre Ergebnisse vor.
Spurensicherung am Tatort an der Staig: Vor Gericht trugen jetzt Kriminaltechniker ihre Ergebnisse vor. © Foto: Hardy Kromer
Hardy Kromer 31.07.2017

Gedrückte Stimmung im Schwurgerichtssaal des Hechinger Landgerichts. Im Zuschauerraum fließen wieder Tränen, als ein Rottweiler Kriminaltechniker berichtet, wie er am Abend des 1. Dezember 2016 im Hechinger Bestattungsinstitut die Leiche des eben erschossenen Umut K. begutachtete. Der Vorsitzende Richter im Hechinger Mordprozess, Dr. Hannes Breucker, der durch eine angenehm sensible Verhandlungsführung auffällt, hat die Hinterbliebenen vorgewarnt: „Es ist nicht einfach, diese Dinge zu bewältigen.“ Doch die meisten Familienangehörigen und Freunde des Opfers bleiben, um Details von der Leichenschau zu hören.

Einer geht vor, einer bleibt sitzen

Erspart bleiben den Angehörigen die Bilder von der Leichenschau. Die Verfahrensbeteiligten schreiten zum Richtertisch, um sich die Aufnahmen zeigen zu lassen. Und was tun die Hauptangeklagten in diesem kritischen Moment? Der Ältere von beiden, der im Tatfahrzeug auf dem Beifahrersitz saß und von der Anklage des Todesschusses verdächtigt wird, rasselt mit seinen Fußfesseln mit nach vorne und schaut sich die Bilder aus der ersten Reihe an. Sein jüngerer Kumpel, der den roten Fiat gefahren hat, bleibt derweil sitzen und vergräbt für einen Moment das Gesicht in den Händen.

Psychologen mögen beurteilen, was aus diesen unterschiedlichen Verhaltensmustern abzulesen ist. Greifbare Erkenntnisse darüber, welcher der beiden jungen Italiener denn nun den Todesschuss abgegeben hat, brachte auch dieser achte Prozesstag nicht.

Dafür aber Augenblicke zum Schmunzeln, als ein Diplom-Chemiker vom Landeskriminalamt als Gutachter auftrat. Der 52-Jährige trug die Resultate von Urin- und Blutuntersuchungen vor. Die Proben waren den Angeklagten allesamt ein bis zwei Wochen nach ihrer Verhaftung im vergangenen Dezember abgenommen worden. Das Ergebnis, das einige im Saal kaum glauben wollten, andere dagegen grinsen ließ: Bei den beiden Hauptangeklagten war der Marihuana- und Haschisch-Wirkstoff THC nachgewiesen worden – zwar in geringer Menge, aber dem Gutachter zufolge eindeutig so, dass der Stoff in der Untersuchungshaft konsumiert worden sein muss. Eine Verunreinigung der Proben schloss der Chemiker ebenso aus wie einen Rückstand von früheren Tagen. Der Gutachter legte sich fest: Der Stoff müsse in der U-Haft geraucht worden sein, „sonst wär’s im Blut nicht mehr nachweisbar.“ Lakonischer Kommentar von Staatsanwältin Andrea Keller: „Es soll ja auch in der JVA Marihuana geben.“

In diesem Fall in Villingen-Schwenningen, wo der 22-Jährige einsitzt, in Stammheim, wo der 21-Jährige seine U-Haft verbüßt, und insbesondere in Hechingen, wo ein weiterer Italiener sitzt, der ebenfalls Anfang Dezember festgenommen wurde: Der 25-jährige Kumpel von Umut K., mutmaßliches Ziel des Schusses, hatte eine Woche nach seiner Verhaftung gar eine sehr stattliche Menge von frischem Cannabis-Wirkstoff im Blut.

Die Haaranalysen, um die es an diesem Montag ebenfalls ging, hatten die beiden Hauptangeklagten freilich als eher sporadische Marihuana-Konsumenten entlarvt. Ganz anders dagegen ihr 36-jähriger Bekannter aus Hechingen, der als mutmaßlicher Drogenhändler mit auf der Anklagebank sitzt. Dem Obst- und Olivenhändler wies die Toxikologin im Zeugenstand „regelmäßige und intensive Aufnahme von Kokain“ nach.

Außer um Drogenrückstände war es am Vormittag auch um das Vorleben der mutmaßlichen Todesschützen gegangen. Kollegen und Chefs schilderten beide nahezu unisono als „freundlich, zuverlässig, aufgeschlossen“ und in jeder Hinsicht angenehme Mitarbeiter. Der Burladinger Zimmermeister, bei dem der 21-Jährige beschäftigt war, äußerte denn auch Fassungslosigkeit, als am Abend des 2. Dezember plötzlich die Polizei in seiner Werkstatt stand: „Ich sagte, das kann nicht sein.“ Freilich musste der Meister zur Kenntnis nehmen, dass sein zuverlässiger junger Bauhelfer ihn am Tag der Tat offenkundig belogen hatte, als er sich unter dem Vorwand eines Zahnarzttermines früher von der Arbeit verabschiedete und stattdessen nach Hechingen fuhr, wo die Dinge ihren tödlichen Lauf nahmen. Eine Polizeibeamtin hatte alle Zahnärzte in der Region abgeklappert und bestätigte dem Gericht: Der 21-Jährige war an diesem Tag nicht beim Zahnarzt.

Kaum zu glauben fand man auch in dem Bodelshausener Industriebetrieb, wo der 22-Jährige schaffte, dass ihr „wirklich guter Mitarbeiter“ (so der Schichtleiter) in ein Tötungsdelikt verwickelt sein könnte. Freilich war die Bluttat in der Nachtschicht vom 1. auf den 2. Dezember ein Thema. Als der Italiener wie üblich mit seinem roten Fiat zur Schicht gekommen war, frotzelten die Kollegen die halbe Nacht durch, dass die Polizei eine rotes Auto wie das seine suche. Erst, so schilderten es zwei Kollegen, habe er sich noch nichts anmerken lassen. Aber als dann der Polizeihubschrauber über der Firma kreiste, sei er doch zunehmend nervös geworden. Morgens um 5 Uhr fuhr er heim ins obere Killertal, wo das Sonderkommando der Polizei schon auf ihn wartete.

Das Urteil wird wohl erst im Oktober gesprochen

Fortgesetzt wird der Hechinger Mordprozess an diesem Donnerstag, 3. August, um 9 Uhr. Es werden weitere Zeugen und Sachverständige gehört, unter anderem wieder Ermittlungsbeamte der Kripo.

Ein rasches Ende des Verfahrens ist nicht in Sicht. Außer den fünf bereits anberaumten Terminen 3. August, 24. August, 13. September, 20. September und 27. September hat Richter Dr. Hannes Breucker die Verfahrensbeteiligten gebeten, sich auch die Mittwoche 4., 11. und 18. Oktober freizuhalten. Im Oktober glaubt der Vorsitzende der Großen Jugendkammer dann aber ein Urteil sprechen zu können. hy