„Sein plötzlicher Tod hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen“, sagt der heute 21-jährige Bruder von Umut K. „Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Er war der wichtigste Mensch in meinem Leben.“ In einem Gefühlschaos zwischen Trauer, Verzweiflung und Ohnmacht und andererseits Wut und Hass habe ihm einzig der Gedanke, den Tod seines Bruders zu rächen, geholfen, sich besser zu fühlen. Das gesteht der junge Kurde ganz offen.

Revision eingelegt

Aber die Rachepläne, die er zusammen mit seinem drei Jahre älteren Kumpel und Mitangeklagten damals geschmiedet hat, haben den beiden Männern hohe Haftstrafen eingebracht. Ihr Vergehen: „Verabredung zum Mord“. Zu sechs Jahren und acht Monaten Gefängnis wurde Umuts Bruder verurteilt, zu fünf Jahren und acht Monaten sein Komplize. Das war vor genau einem Jahr.

Seit Mittwoch stehen die beiden verurteilten Täter nun aber erneut vor Gericht. Denn der Ältere der beiden hat gegen den Schuldspruch Revision beantragt, und dieser hat der Bundesgerichtshof (BGH) stattgegeben, so dass der Fall jetzt komplett neu verhandelt werden muss. Das BGH begründet seine Entscheidung damit, dass der mutmaßliche Rachemord „nicht hinreichend konkretisiert“ war, sondern noch in einem „allgemeinen Planungs- und Vorbereitungsstadium“ steckte. „Er waren weder die Waffen noch das Geld vorhanden“, argumentieren die Karlsruher Richter.

Das Revisionsverfahren wurde auch auf den Mitangeklagten, Umuts Bruder, ausgeweitet. Beide Angeklagten sind schon seit ihrer Jugend mehrfach straffällig geworden.

Vier Prozesstage angesetzt

Die 2. Große Jugendkammer des Landgerichts Hechingen unter dem Vorsitzenden Richter Volker Schwarz hat für die Neuverhandlung des Falles vier Prozesstage bis zum 8. Mai angesetzt.

Der Prozess findet – wie schon 2018 – erneut unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Jeder, der in den Gerichtssaal 168 wollte, wurde von Polizisten überprüft und gefilzt. Taschen mussten komplett abgegeben werden. Zirka ein Dutzend Sicherheitskräfte wachten vor und im Gerichtssaal über das Prozessgeschehen. Viele Zuhörer gab es am Mittwoch allerdings nicht.

Der Tod von Umut K.

Zum Prozessauftakt gab es zunächst einen Rückblick auf die Umstände, die zu der Ermordung von Umut K. am 1. Dezember 2016 auf offener Straße geführt haben. Dabei wurde erneut deutlich, dass der junge Kurde gar nicht das Ziel des Todesschützen war. Vielmehr war es Umuts damaliger Begleiter, ein polizeibekannter Drogenhändler, dem der Schuss aus dem fahrenden Auto an der Hechinger Staig gegolten hat. Ursache für die Schießerei war ein gescheitertes Rauschgiftgeschäft.

Spätestens im Juni oder Juli sollen dann der Bruder des Getöteten und sein Komplize zusammen mit weiteren Personen beschlossen haben, Selbstjustiz zu üben und sich zu diesem Zweck im Internet Waffen zu besorgen. Die Verschwörer hielten mit ihren Plänen auch nicht hinterm Berg. In der öffentlichen Gerichtsverhandlung um den Mordfall Umut K. haben sie die Angeklagten und deren Familien bedroht. Polizisten waren Zeugen unter anderem einer Kopf-ab-Geste und des Ausrufes „Du bist tot!“. In einer anderen Verhandlungspause sollen die beiden sogar versucht haben, unter den im Gericht anwesenden Freunden und Angehörigen des Mordopfers Geld für den Waffenkauf zu sammeln. 5000 Euro wollten sie zusammenkriegen, um zwei von einem Pforzheimer Händler im Internet angebotene Waffen zu kaufen. Aber ihr Plan scheiterte. Zu einer Übergabe von Waffen oder gar zu dem mutmaßlichen Racheakt ist es nie gekommen. Stattdessen wurden die beiden Männer verhaftet.

Angeklagte bestreiten Vorwürfe

Die Angeklagten schweigen zu den Vorwürfen. Deswegen verlasen die Richter Stellungnahmen der Angeklagten, die sie gegenüber ihren Anwälten im ersten Prozess gemacht hatten. Darin bestreiten sie die Vorwürfe.
Umuts Bruder versucht die Rachepläne als „Hirngespinst“, als „fixe Idee“ abzutun. Es sei ihm schnell klar geworden, dass sie allein schon aus finanziellen Gründen keine Waffen würden kaufen können. Die Erkenntnis habe er aber für sich behalten, um „nach außen nicht als Feigling dazustehen“.

Auch der ältere Angeklagte beteuert in seinen Einlassungen, dass er nur der Familie des getöteten Umut K. habe beistehen wollen. Umuts Bruder habe er überhaupt erst in dem Mordprozess kennengelernt. Darüber, den Mord zu rächen, habe man „unzählige Male geredet, ohne konkret zu werden“, habe seiner „Fantasie freien Lauf gelassen“, habe sich „in Rage geredet“. „Obwohl ich wusste, dass ich das nie machen würde, spielte ich weiter mit, um ihn nicht zu enttäuschen“, gab der 24-Jährige zu Protokoll.

Eindringlich bittet er in zwei Schreiben an den Bundesgerichtshof um eine Revision des Urteils, das vor einem Jahr in Hechingen über ihn verhängt wurde. „Ich flehe Sie an, alles noch einmal zu überprüfen“, schrieb der 24-Jährige, der inzwischen Vater geworden ist, vor vier Monaten an den BGH. Er hätte die ihm vorgeworfene „skrupellose, abscheuliche Tat“ niemals begangen, beteuert er.

Vielmehr habe er gute Absichten verfolgt, nämlich seinen verzweifelten Kumpel „unter Kontrolle zu halten“, ihn „vor Dummheiten zu bewahren“. Der Angeklagte fühlt sich zu Unrecht verurteilt. „Ich ging und gehe durch die Hölle, für etwas, das ich nicht getan habe“, heißt es in seiner Stellungnahme.

Zur Schuldfrage wurden am Mittwoch erneut vier Polizeibeamte sowie ein am Umut-Mordprozess Beteiligter gehört. Am Freitag, 12. April, um 9 Uhr wird der Revisionsprozess in Saal 168 fortgesetzt.

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