In einer U-Bahn-Station in den USA spielt ein Geiger Stücke von Bach und Schubert. In 45 Minuten bleiben von über 1000 Passanten nur sieben stehen, um kurz zu lauschen. Die anderen gehen achtlos vorbei oder werfen ihm schnell eine Münze hin. 32 Dollar sind es am Ende. Was niemand wusste: Der Geiger war der weltberühmte Virtuose Joshua Bell. Er spielte auf einer Millionen Dollar teuren Stradivari. Karten für eines seiner Konzerte kosten 100 Dollar. Bells Inkognito-Auftritt als Straßenmusiker wurde gefilmt und begleitet von der Washington Post. Mit dem Experiment wollte die Zeitung erforschen, ob Schönes in einem schnöden Umfeld erkannt wird.

"Wie viele Gelegenheiten verpassen wir, wenn wir durch unser Leben hasten?", lautete auch die erste Frage von Dr. Harald Banzhaf. Der erfahrene Allgemeinmediziner und Therapeut aus Bisingen stellte im Bildungshaus St. Luzen sein neues Buch "Meditieren heilt" vor, das er zusammen mit seinem Kollegen Prof. Stefan Schmidt geschrieben hat. Das Thema spricht sehr viele Menschen an, der Vortragssaal war bis auf den letzten Platz gefüllt.

Bis vor wenigen Jahren fristete Meditation in unseren Breitengraden ein Schattendasein, gehörte in die von Räucherstäbchen verqualmte esoterische Ecke. Aber seit Stress den Spitzenplatz unter den Krankmachern eingenommen hat, werden Techniken zum Stressabbau immer populärer. "Der Markt wird von Ratgebern regelrecht überschwemmt", stellte Banzhaf fest.

Banzhaf widmet sich schon seit 2007 der Lehre der Achtsamkeit. Seine achtwöchigen MBSR-Kurse (Mindfulness-Based Stress Reduction) sind meist weit im Voraus ausgebucht. Wie die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion funktioniert, erläutert Banzhaf in seinem neuen Buch anhand vieler anschaulicher Beispiele, darunter auch authentische Erfahrungsberichte ehemaliger Kursteilnehmer.

"Stress", erklärt der Arzt, "war für unsere Vorfahren ein biologisches Überlebensprogramm. Sie mussten sich in Lebensgefahr blitzschnell entscheiden: Flüchte ich oder kämpfe ich mit dem Säbelzahntiger?" Heute befinden sich viele Menschen permanent im Stress. Doch sie können weder flüchten noch kämpfen. Wer rennt schon aus dem Büro oder schlägt zu, wenn er vom Chef eine negative Beurteilung bekommt? Nicht abgebaute Stresshormone machen aber krank: Puls, Blutdruck und Atemfrequenz steigen. Die Leber mobilisiert Zucker und Fette. Dieses Notfallprogramm schaltet dann nicht mehr ab.

Zu den physischen Stressfaktoren kommen psychische. Jeder kennt das: Man sitzt hier und eigentlich ist alles in Ordnung. Trotzdem grübelt man über Vergangenes oder plant Zukünftiges. "Wir sind hier, wollen aber dort sein - das ist eine Spaltung, die uns innerlich zerreißt", verdeutlichte Banzhaf das Dilemma. Die Folge seien die typischen Burnout-Symptome: Schlaflosigkeit, Gereiztheit, Vergesslichkeit, Aggression, Passivität, Isolation.

Das Gegenmittel sei Achtsamkeit: "Das bedeutet, genau in diesem Augenblick zu leben, ihn wohlwollend und nicht-wertend anzunehmen. Alles andere tritt dann in den Hintergrund." Beim Achtsamkeitstraining spiele der Atem eine zentrale Rolle. Der Therapeut erläuterte warum: "Wir können nur in der Gegenwart, aber nicht in der Vergangenheit oder in der Zukunft atmen." In Kombination mit weiteren "Gesundmachern" - als da wären: Ernährung, Schlaf, Bewegung, Lieben und Lachen, Glaube, Mission und Vision - seien bewusste "Atempausen" das beste Mittel gegen Stress. Banzhaf: "Wir sollten das Nicht-Tun einüben."

Und noch ein heilsamer Tipp des "Meditation heilt"-Autors: "Richten Sie ihren Blick auf die Fülle und nicht auf den Mangel." Der Bisinger Arzt ist davon überzeugt, dass Achtsamkeit zwar kein Allheilmittel ist, "aber eine sehr starke Medizin".

Bildungshaus-Leiter Andreas Steiner stellte abschließend fest, dass der Vortrag mit Buchvorstellung gut in die Adventszeit passte: "Das ist doch gerade die Zeit, in der wir unser Leben wachsamer und achtsamer betrachten sollten." Den Erlös aus dem Verkauf seiner Bücher spendet Dr. Harald Banzhaf übrigens an die Tierschutzorganisation "Animals Angels".