Hechingen Interview mit Hannes Stöhr: „Fast alles ist neu“

Filmemacher Hannes Stöhr führt erstmals bei einer großen Theaterproduktion Regie.
Filmemacher Hannes Stöhr führt erstmals bei einer großen Theaterproduktion Regie. © Foto: HZ-Archiv
Hechingen / SWP 01.02.2018
Das Theaterstück „Global Player“ soll noch näher an der Region sein als der Film, sagt Regisseur Stöhr im Interview.

Viereinhalb Jahre nach dem Kinofilm kommt „Global Player – Wo mir sind isch vorne“ im Lindenhof auf die Theaterbühne. Was sind die inhaltliche Motivation und der Erzählansatz für das Theaterstück?

Hannes Stöhr: Es war eine interessante Aufgabe, mit Jahren Abstand das Drehbuch zum Film „Global Player“ für die Bühne umzuschreiben. Meine inhaltliche Motivation ist im Grunde die gleiche wie beim Film, und die Themen sind für mich auch heute noch genauso aktuell: Kriegsgeneration und Generationenkonflikt, Globalisierung in der Provinz, Herausforderung China, der Strukturwandel in der Textil- und Textilmaschinenindustrie in der Region Neckar Alb, der moderne Blick auf die Heimat und die Schwäbische Alb, Ethik unserer Wirtschaftsordnung und des schwäbischen Mittelstandes, Nachfolgeregelung im Familienbetrieb etc.

Inhaltlich fokussiert die Theaterfassung noch stärker als der Film auf die Figur des Familienpatriarchen Paul Bogenschütz und den Generationenkonflikt mit seinen Kindern. Ich nenne Paul Bogenschütz ja immer ironisch den schwäbischen King Lear, auch wenn der Original King Lear natürlich drei Töchter hatte und nicht wie im Theaterstück eine Tochter und zwei Söhne. Mein Erzählansatz zusammen mit dem Theater Lindenhof war, dass das Theaterpublikum den Film „Global Player“ nicht gesehen haben muss, um die Geschichte zu verstehen. Andererseits soll sich, wer den Film schon gesehen hat, im Theater auch nicht langweilen und die Geschichte neu erleben können.

Gibt es im Theaterstück neue Szenen, die im Film nicht vorkommen?

Ja. Sogar sehr viele. Ich würde sogar sagen: Fast alles ist neu, und ich will jetzt natürlich auch nicht zu viel verraten. Das Theaterstück ist jetzt auch inhaltlich stärker auf die Region Neckar-Alb zugeschnitten. Also sagen wir so: Es wird Überraschungen geben. Für diejenigen, die sich für die Achse Schwabenland – Berlin interessieren, gibt es ein paar inhaltliche Bonbons. Das Bühnenbild stammt von Claudia Rüll Calame-Rosset, und die Burg Hohenzollern spielt eine große Rolle.

Wie kam es zur Kooperation mit dem Theater Lindenhof?

Ich bin schon seit langem ein großer Fan vom Theater Lindenhof. Anfang der 90er-Jahre zu meinen Zivildienstzeiten, war ich oft in Tübingen. 1990 habe ich dann auch das erste Stück vom Theater Lindenhof gesehen. Im Ammerhof bei Tübingen: Jerg Ratgeb, Maler. Ich habe mich dann schon 2014, als der Film „Global Player“ gerade das Filmfestival in Ludwigshafen eröffnete oder beim internationalen Filmfestival Miami lief, mit den Intendanten vom Theater Lindenhof, Stefan Hallmayer und Bernhard Hurm, getroffen. Wir waren uns einig, dass wir unbedingt versuchen sollten, eine Theaterfassung umzusetzen. Uns war aber klar, dass ein zeitlicher Abstand zum Film gut tun würde, auch um etwas Neues zu schaffen. Wie gesagt: Theaterstück und Film unterscheiden sich deutlich.

Wie gestaltet sich die Zusammen­arbeit?

Die Begeisterung für das komödiantische Volkstheater teile ich mit dem Ensemble vom Theater Lindenhof, und ich erkenne bei diesem Theater einen ganz besonderen Humor. Das ist mir sehr wichtig. Wir interessieren uns gemeinsam für die Tonart tragikomisch. Außerdem teilen wir einen Begriff von Heimat. Heimat erforschen, aber nicht verklären. Es ist wirklich eine Ehre für mich, am Theater Lindenhof zu inszenieren. Die Spielfreude des Ensembles ist ansteckend. Vieles entsteht aus der spielerischen Improvisation heraus.

Was ist der Unterschied für Sie zwischen Film und Theater?

Theater kennt nur die Totale. Erzählerisch gibt es die Großaufnahme nicht, die man beim Film zur Verfügung hat. Großaufnahmen muss man im Theater in der Totale inszenieren. Die Stärke des Theaters liegt aus meiner Sicht im direkten Kontakt zum Publikum. Meine Liebe zum Varieté, zur Commedia dell´arte und dem modernen, komödiantischen Volkstheater kann man in der Theaterfassung vom „Global Player“ – hoffe ich – spüren. Dario Fo hat einmal gesagt: „Ich bin nicht mit der Idee zum Theater gegangen, Hamlet zu spielen, sondern mit der Ansicht, ein Clown zu sein.“ In diesem Sinne wünsche ich mir, dass die Figuren vom „Global Player“ auf der Bühne zu Clowns werden.

Die Magie des Moments gibt es beim Film und beim Theater. Aber Theater ist natürlich immer live, was ich toll finde. Und ein Theaterstück kann man nicht downloaden oder streamen. Darum glaube ich auch, dass das Theater eine große Zukunft hat. Live-Erlebnisse werden in der digitalen Welt immer wichtiger.

Konnten Sie Techniken vom Film beim Inszenieren am Theater anwenden?

Bei allen Unterschieden zwischen Theater und Film: Die Grundprinzipien des Geschichten Erzählens sind für mich sehr ähnlich. Alfred Hitchcock meinte: „Die entscheidende Frage bei jeder Geschichte ist: Wann gibst Du welche Information? Dramaturgisch gesehen sind diese Grundregeln alle auf das Theater und den Film anwendbar. Improvisationstechniken als effektive Methode, um Momente zu erfinden, Figuren zu vertiefen oder den richtigen Dialog zu entdecken, kann man beim Theater und beim Film anwenden. Die grundlegenden Regietechniken, wie zum Beispiel einen Schauspielvorgang zu ordnen, oder Schauspieltechniken, wie zum Beispiel „Wahrnehmen, bewerten, entscheiden, handeln“, gelten ebenfalls für Film und Theater. Die Grundideen der Regie zum Beispiel von Stanislawski, Strasberg oder eben Dario Fo gelten für Film und Theater gleichermaßen, denke ich. Ein kreativer Prozess ist für mich auch immer sehr stark von einem spielerischen Charakter geprägt.

Nochmal zum Inhaltlichen: Die Generationenfrage spielt im Stück eine entscheidende Rolle...

Viele Familienunternehmen haben mit dem Generationswechsel zu kämpfen. Die „Generation Wirtschaftswunder“ hat den Staffelstab an die Kinder übergeben, die oft ein anderes Lebenskonzept verfolgen und nicht immer bereit sind, Verantwortung für das Familienunternehmen der Vorfahren zu übernehmen oder diese anders definieren. Marlies Bogenschütz, die aus Berlin-Prenzlauer Berg anreist und selber Unternehmerin ist, erzählt natürlich von einer weiteren Facette. Die Textilmaschinen Firma „Bogenschütz & Söhne“ hätte möglicherweise auch von Marlies geführt werden können. Auch dieser Konflikt kommt vor. Stichwort: Gender und geschlechtersensibles Erzählen.

Warum bringen Sie gerade die Geschichte einer durch die Globalisierung in die Krise geratenen, mittelständischen schwäbischen Textilmaschinenfirma auf die Leinwand beziehungsweise jetzt auf die
Bühne?

Ich bin in Hechingen, dem Hauptschauplatz der Geschichte, aufgewachsen. Es war spannend, meine Heimatstadt und mein Heimatland Baden-Württemberg mit dem Film und jetzt mit dem Theaterstück neu zu betrachten. Vor über 25 Jahren bin ich aus Hechingen weggegangen, wollte die Welt entdecken. Natürlich besuche ich regelmäßig meine Familie und Freunde in der alten Heimat, ich lehre ja auch seit zehn Jahren regelmäßig als Gastdozent an der Filmakademie Ludwigsburg.

Aus Exil-Berliner Perspektive empfinde ich die schwäbische Provinz heute als sehr modern. Die Dächer sind voller Solarzellen, die Kommunen haben flächendeckend Städtepartnerschaften in ganz Europa, viele Menschen arbeiten bei mittelständischen Firmen, die auf dem Weltmarkt eine Rolle spielen. Viele meiner Freunde oder Abiturkollegen haben berufliche Erfahrungen in der ganzen Welt. Die Globalisierung findet vor allem auch in der sogenannten Provinz statt. So entstand die Idee, die schwäbische Provinz mal ohne Blaskapelle zu zeichnen, Hechingen gegen Shanghai antreten zu lassen, David gegen Goliath zu erzählen.

Warum ist Ihnen der Konkurrenzkampf mit China so wichtig?

Gerade in der Maschinenbaubranche zeigt sich seit einigen Jahren die chinesische Strategie, Know-how abzuziehen, um eigenes Know-how zu schaffen. Die Weltmacht China kauft generalstabsmäßig Maschinenbaufirmen auf (zum Beispiel den Betonpumpenhersteller Putzmeister in Aichtal), oder sie steigen bei Firmen ein (wie zum Beispiel beim Textilmaschinenhersteller Assyst Bullmer in Mehrstetten im Kreis Reutlingen), um nur zwei Beispiele aus Baden-Württemberg zu nennen. Kritiker befürchten, dass der Technologietransfer in der Zukunft als Bumerang zurückkommt, wenn die Chinesen die Hightechprodukte selber herstellen können. Ihre These: Der Aufstieg Chinas zur Supermacht stellt die deutsche Wirtschaft vor die größte Herausforderung seit dem Zweiten Weltkrieg. Die westliche Welt, die USA und Europa, sind auf dem Weg, den wirtschaftlichen Konkurrenzkampf mit China zu verlieren.

Ich war während der Recherche mehrmals in China. Einmal führte die Reise in einen Vorort von Shanghai, zu einem mittelständischen Unternehmen aus Baden-Württemberg, das dort ein Joint Venture hat. Der Geschäftsführer führte mich durch den Betrieb und erzählte mir von seinem Arbeitsalltag und den Anstrengungen, den Know-how-Transfer an die chinesischen Partner einzugrenzen. Sehr spannend. Man hätte zehn Filme drehen können aus den Informationen.

Und das Thema ist kom­pliziert. Chinesische Investoren sind nicht per se schlecht. Neue Studien belegen, dass chinesische Investoren auch eine Chance für deutsche Firmen sein können.

Neben der aktuellen welt­wirtschaftlichen Situation liegt – durch die Biographie des Seniors Paul Bogenschütz – auch eine starke Akzentuierung auf deutscher Geschichte.

In vielen Familienunternehmen gibt es diese Seniorchefs, die das Unternehmen wiederum oft schon von ihrem Vater geerbt haben. Natürlich ist mir bewusst, dass die Figur des 95-jährigen Paul Bogenschütz ein „bigger than life character“ ist, wie die Amerikaner sagen.

Es war für mich anfangs sehr schwierig, zur Figur Paul eine Haltung zu finden. Ich bin froh, dass ich nicht 1923 geboren wurde. Moralisch ist die Sache für mich als Nachgeborenen klar: Die Gräueltaten des Nazi-Regimes sind durch nichts zu rechtfertigen oder zu relativieren. Aber diese nachträgliche, moralische Bewertung darf nicht den menschlichen Blick verstellen für das Leben eines Paul Bogenschütz.

Als junger Mann zieht er voller Überzeugung in den Zweiten Weltkrieg, an der Ostfront und in russischer Kriegsgefangenschaft erlebt er Furchtbares, nach der Heimkehr baut er wie ein Besessener die Firma seiner Vorfahren wieder auf, er heiratet spät: die klassische Wirtschaftswunderbiografie. Über den Albtraum des Krieges wird mit den Kindern nicht geredet, aber das Foto als junger Mann mit selbstbewusstem Blick in Wehrmachtsuniform bleibt im Haus. Die letzten Vertreter der Generation Paul Bogenschütz treten jetzt von der Bühne ab.

Ich kann mich noch gut an die Zuschauerreaktionen auf den Film im Kino in Hechingen, Albstadt, Tübingen, Ludwigsburg, Stuttgart, Berlin und anderswo erinnern. Der ambivalente schwäbische King Lear polarisierte. Das größte Kompliment für die Figur gab es aus meiner Sicht im vollbesetzten Kino von einem Geschwisterpaar in Albstadt: „Saget Se mol... Waret Sie bei uns dahoim? Der Paul isch genau so wie onser Vater!“

Ein Blick in die Zukunft, über die
Theaterpremiere hinaus: Was ist Ihr nächstes Filmprojekt?

Ich habe mehrere. Meine zwei Hauptprojekte sind ein Western und ein Anti-Kriegsfilm. Beides sind große Schreibabenteuer und internationale Projekte, befinden sich in der heißen Finanzierungsphase, und ich hoffe, es geht bald los.

Hannes Stöhr – Leben, Filme, Preise

1970 in Stuttgart geboren, ist Hannes Stöhr in Sickingen aufgewachsen. 1989 machte er am Hechinger Gymnasium Abitur und anschließend bei der Lebenshilfe Zollernalb Zivildienst.

In Berlin studierte er von 1994 bis 1999 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Drehbuch und Regie. Sein Abschlussfilm war bereits sein erster großer Wurf: „Berlin is in Germany“ mit Jörg Schüttauf in der Hauptrolle hatte 2001 bei der Berlinale Premiere und wurde mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. 2002 erhielt Stöhr für sein Erstlingswerk den New Faces Award als bester Nachwuchsregisseur und den Deutschen Kritikerpreis.

Den Kölner WDR-Tatort „Odins Rache“ drehte er 2003. Mit dem Krimi, für den Stöhr auch das Drehbuch geschrieben hatte, wurde er für den ARD Civis Fernsehpreis nominiert. Sein zweiter Kinofilm „One Day in Europe“ wurde 2005 im Wettbewerb der Berlinale gezeigt und lief auf zahlreichen internationalen Filmfestivals. Stöhrs Berlin-Trilogie komplettierte der Kinofilm „Berlin Calling“, der 2008 beim Filmfestival in Locarno Weltpremiere hatte. Der Film, zu dem Paul Kalkbrenner die Musik komponierte, war 2009 in vier Kategorien in der Vorauswahl für den Deutschen Filmpreis. 2010 gewann der Film den Arte Publikumspreis.

Als Gastdozent lehrt Stöhr an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg und an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin. Er war Jurymitglied bei zahlreichen internationalen Filmfestivals.

Seine Heimatstadt Hechingen brachte Hannes Stöhr 2013 mit dem Film „Global Player – Wo wir sind isch vorne“ groß ins Kino. Denselben Stoff bringt er jetzt mit seiner ersten großen Theaterregiearbeit auf die
Bühne. hy

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