Durchstarten mit 90 Prozent: So lautete am Montag die HZ-Aufmacher-Schlagzeile zur Hechinger Bürgermeisterwahl. Philipp Hahn, der designierte neue Rathauschef der Zollernstadt, scheint allen zeigen zu wollen, was er darunter versteht: Schon zum 1. Juni, also zum nächstmöglichen Zeitpunkt, wenn seine Wahl rechtskräftig ist, möchte er die Nachfolge von Dorothea Bachmann auch offiziell antreten. Verpflichtet werden könnte er dann am Donnerstag, 7. Juni, in öffentlicher Gemeinderatssitzung – und zwar ohne Pomp und Umstände. Nein, jetzt einen großen Empfang in der Stadthalle vorbereiten zu müssen, würde ihm so gar nicht in den Kram passen. „Man muss ja auch was schaffen“, sagt er und nennt als Stichwort nur die Obertorplatz-Neugestaltung, die wirklich keinen längeren Aufschub mehr dulde.

Neugestaltet wird derweil das seit einem Jahr verwaiste Dienstzimmer des Bürgermeisters, in das Philipp Hahn im Laufe des Monats Juni umziehen will. Nach frischer Farbe riecht es bereits im ersten Stock des Rathauses, auch der Parkettboden ist renoviert, der Schallschutz wurde verbessert, die neuen Vorhänge und das neue Mobiliar lassen noch auf sich warten. Dabei soll schließlich der neue Bewohner das entscheidende Wort haben – und der steht erst seit Sonntag fest.

Neugestaltung der Verwaltung

Eine Neugestaltung will Philipp Hahn schließlich auch der Stadtverwaltung zuteil werden lassen. Und das wiederum ist ein ganz neues Thema. Eines, das im Wahlkampf keine Rolle gespielt hat. Eines, das der designierte Bürgermeister erstmals am Tag nach der Wahl im Gespräch mit der HZ öffentlich anschneidet: Ihm schwebt vor, die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen dem Bürgermeister und dem Ersten Beigeordneten neu zu ordnen. Der Grund: Hahn will als Bürgermeister zwei Ressorts behalten, für die er bisher als Beigeordneter zuständig war: zum einen den Breitbandausbau, zum anderen den ganzen Komplex der Stadtwerke, „weil da jede Menge Zukunftsthemen drin stecken“, unter anderem die Energie in Gestalt der Stromnetzgesellschaft mit der EnBW.

Derartige Veränderungen möchte Hahn freilich, wie es sich gebührt, „in Einvernehmen mit dem Gemeinderat“ in die Wege leiten. Erste Gespräche darüber will der designierte Bürgermeister schon am nächsten Dienstag führen, wenn er mit den Vorsitzenden der Gemeinderatsfraktionen zusammensitzt. Ein Thema wird dabei der Fahrplan zur Wahl eines neuen Ersten Beigeordneten sein – und in diesem Zusammenhang eben auch die Definition der Kompetenzen: Finanzen, Personalwesen, Schulen, Kindergärten, Kultur, Bürgerdienste – und was noch? Was die Zeitschiene angeht, stellt sich die Frage, ob der Gemeinderat noch vor der Sommerpause einen Hahn-Nachfolger (oder eine Hahn-Nachfolgerin) wählen kann. Der Noch-Beigeordnete selbst hält das für „eher unwahrscheinlich“.

Das sind wirklich die Themen, die den „Mister 90 Prozent“ am Tag nach seinem Wahltriumph umtreiben. Sämtliche Glückwunsch-Botschaften, die ihn am Sonntagabend per Mail, WhatsApp oder SMS erreichten, hat er noch längst nicht beantwortet. Wie auch? Es waren Hunderte. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Stefan Kaufmann, dessen Büro Hahn einst leitete, hat sich von den Spitzbergen gemeldet, Dorothea Bachmann hat ebenso gratuliert wie Baxter-Chef Thomas Ertl oder Landgerichtspräsidentin
Luitgart Wiggenhauser, und während des Gesprächs mit der HZ klingelt prompt der Landtagsabgeordnete Karl-Wilhelm Röhm „von der schwedisch-norwegischen Grenze“ durch.

Philipp Hahn freut sich aber nicht nur über die Glückwünsche der Großkopfeten. Stolz ist er nach eigenen Worten darauf, dass er in ganz verschiedenen Milieus eine Vertrauensbasis spürt – bei den Hechinger Wirtschaftskapitänen ebenso wie den organisierten Naturschützern, bei den Ärzten ebenso wie bei Vereinsmenschen aller Couleur. Wie anders hätte er im größten Stadtteil Stetten um die 95 Prozent der Stimmen holen können – ein Resultat, das ihn „tief beeindruckt“ hat. Seine 90,7 Prozent insgesamt empfindet er aber auch als „Herausforderung, dieses Vertrauen gebündelt zu kriegen, um die Stadt weiterzuentwickeln“.

Klavier bleibt nicht geheim

„Etwas erschöpft“ sei er schon, gesteht Philipp Hahn am Tag danach. Aber nicht zu müde, um am Montagmorgen um 8.30 Uhr schon im Blumenladen zu stehen, um seinen Mitarbeiterinnen Katja Steeb und Hanne Saile je einen Strauß zu kaufen – dafür, dass sie am Wahlabend in ihrer Freizeit Getränke ausgeschenkt haben – während der Mann des Tages sich im Rathausfoyer in Anwesenheit seiner Eltern und vieler Freunde von roten Rosen beregnen ließ, so wie es die Sopranistin Irina Gulde besang. „Eine tolle Überraschung war das“, sagt Hahn, „auch wenn mir freilich nicht verborgen geblieben war, dass Jürgen Lehmann ein Klavier ins Rathaus schafft“.

Und wann erholt sich Marathon-Mann Philipp Hahn von einem Jahr im Doppel-Job und einem anstrengenden Wahlkampf? Spontan fallen dem Mann, der an diesem Samstag 39 wird, nur die paar Feiertage ein, die der Mai glücklicherweise bereit hält. Und Ende Juni, wenn er zum zweiten Mal Vater wird: „Dann will ich ein, zwei Wochen kürzertreten.“

Fünf Stimmen für Bachmann, fünf für Homberger


Offiziell bestätigt hat der Hechinger Gemeindewahlausschuss das Ergebnis der Bürgermeisterwahl am Montagabend. Gravierende Veränderungen ergaben sich bei der Prüfung der Stimmzettel nicht. Es bleibt dabei: Philipp Hahn siegt mit 6224 Stimmen (90,7 Prozent) vor Sabine Abbasi mit 534 Stimmen (7,8 Prozent), Petra Koch mit 44 Stimmen (0,6 Prozent) und Fridi Miller mit 32 Stimmen (0,5 Prozent).

Splitterstimmen gingen an die bisherige Bürgermeisterin Dorothea Bachmann (5), an CDU-Stadtverbandschefin Melanie Homberger (5), an CDU-Stadtrat Dr. Lorenz Welte (3), an den städtischen Wirtschaftsförderer Hans Marquart (3), an Gisbert Homberger (2) und an Nadine Jagric (2). Je eine Stimme holten SPD-Fraktionschef Jürgen Fischer, Glufamichl-Wirt Walter Huber, Kreiskämmerer Heinz Pflumm, Timo Bangert, Dr. Hans-Jürgen Kleiner, Nadine Ottenbreit, Markus Rathmann, Kreisdezernent Christoph Heneka und CDU-Fraktionschef Andreas Ermantraut.

Zwei Stimmen wurden nachträglich für ungültig erklärt, weil sie nicht eindeutig zuzuordnen waren oder der Gewählte schon tot ist wie Dr. Paul Levi. Damit stehen jetzt 39 ungültige Stimmen 6863 gültigen gegenüber. Insgesamt haben 6902 von 15 415 Berechtigten gewählt.

Ist die Wahlbeteiligung von 44,8 Prozent niedrig? Prof. Hans-Georg Wehling, der Kommunalexperte unter den Politologen im Land, nannte sie in seinem Glückwunschschreiben an Philipp Hahn
„ordentlich“.

Rechtskräftig ist das Wahlergebnis noch nicht. Am Freitag wird es im „Stadtspiegel“
öffentlich bekanntgemacht, dann beginnt eine einwöchige Einspruchsfrist. hy