Hechingen Grabsteine erklären die Geschichte

Ein faszinierender Ort voller Geschichte und Geschichten: der jüdische Friedhof in Hechingen, ziemlich verborgen gelegen unterhalb von Sickingen. Stadtführer Jörg Küster (rechts vorne) machte am Tag des jüdischen Denkmals mit dessen Vergangenheit vertraut.
Ein faszinierender Ort voller Geschichte und Geschichten: der jüdische Friedhof in Hechingen, ziemlich verborgen gelegen unterhalb von Sickingen. Stadtführer Jörg Küster (rechts vorne) machte am Tag des jüdischen Denkmals mit dessen Vergangenheit vertraut. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 04.09.2018
Der jüdische Friedhof am Rande von Hechingen ist ein steinernes Zeugnis längst vergangener Zeiten.

Es ist ein trüber Sonntag, der den nahen Herbst erahnen lässt. Dicke Regentropfen rinnen langsam an den hohen Grabsteinen des jüdischen Friedhofs herab, denen die Feuchtigkeit einen eigentümlichen Glanz verleiht. Ein Stein reiht sich an den nächsten; jeder von ihnen ist mit Inschriften in hebräischer oder deutscher Sprache versehen, oft ergänzt durch geheimnisvoll anmutende Symbole. Während viele der Grabmale noch kerzengerade und scheinbar unerschütterlich im grünen Gras stehen, sind andere bereits umgefallen. Angelegt für die Ewigkeit, hat der Zahn der Zeit an ihnen deutlich Spuren hinterlassen. Jeder einzelne der Steine erinnert an einen Menschen, der einst in Hechingen zu Hause war und hier seine letzte Ruhe gefunden hat.

Viele Fragen stellen sich

Beim Gang durch die langen Gräberreihen, beim Blick auf Namen und Inschriften kommen unwillkürlich Fragen hoch: Wer war dieser Mensch? Wie hat er gelebt, was war ihm wichtig im Leben? Zumindest bei den prominenteren Namen hat einer die Antworten auf diese Fragen parat: Stadtführer Jörg Küster, der an diesem ersten Sonntag im September – dem Tag der jüdischen Kultur – mehr als 60 Interessierte über den jüdischen Friedhof führt. Gewohnt kurzweilig erläutert Küster die Geschichte dieses besonderen Ortes, geht auf die jüdische Kultur mit ihren Sitten und Gebräuchen ein und hat so manche Hintergrundgeschichte parat.

„Heute ist dieser Friedhof ein sehr idyllischer Ort, früher war das nicht ganz so“, betont der Stadtführer und geht auf die Anfänge der Grabstätte ein, die laut Infotafel 1761 angelegt wurde, „aber auf jeden Fall etwa 100 Jahre älter sein dürfte“. Damals wurde den Juden erlaubt, ihre Toten weitab von der Stadt am Galgenrain zu beerdigen. „Ursprünglich war das eine offene Wiese, die von Tieren verunstaltet werden konnte“, unterstreicht Küster. Erst im Jahr 1764 erhielten die Juden von Fürst Joseph von Hohenzollern-Hechingen die Erlaubnis, das Gräberfeld einzuzäunen. Bis zur Erweiterung und dem Bau der Mauer sollte es noch viel länger dauern.

Umgeben von unzähligen Grabmalen wird den Teilnehmern der Führung erst bewusst, wie groß die jüdische Gemeinde in Hechingen einst war und wie viele Menschen hier zur letzten Ruhe gebettet wurden. „1935 ist vom letzten Rabbinatsverweser Leon Schmalzbach eine Gräberliste angelegt worden, die beinhaltet, dass mindestens 1050 identifizierbare Gräber hier ihren Platz haben“, erklärt der Stadtführer. Dazu kamen noch 115 nicht mehr zu identifizierende. Erhalten haben sich 650 Grabsteine, die Zeugnis über die Menschen geben, die hier beerdigt sind. „Die Juden bezeichnen den Friedhof als ,Haus des Lebens‘, denn die Gräber sind für die Ewigkeit angelegt“, erläutert Küster, der auch auf Symbole wie eine umgekehrte Fackel, die für das verlöschende Leben steht, oder Mohnkapseln, die den tiefen Schlaf der Verstorbenen anzeigen, eingeht.

Auch in die Friedhofshalle darf ein Blick geworfen werden. Die „Ehrentafel“, welche die Stadt Hechingen 1955 für die ermordeten Juden darin anbringen ließ, ist jedoch mehr als dürftig und nennt lediglich 22 Namen.

Standesgemäß sind dagegen die Grabstätten berühmter Persönlichkeiten, darunter der  letzte Hechinger Rabbiner Dr. Samuel Mayer, die berühmte Hoffaktorin Madame Kaulla, Unternehmer Carl Löwengard oder auch Glasermeister Arthur Fauser. Zu ihren Lebenswegen hat Jörg Küster so faszinierende Geschichten parat, dass der andauernde Nieselregen ganz in Vergessenheit gerät. Irgendwie passt das melancholische Herbstwetter ja auch zum Bild eines Friedhofs, der, wie es Samuel Mayer einst ausdrückte, „von irdischer Vergänglichkeit, stiller Abgeschiedenheit und sanfter Wehmut“ zeugt. Ein Ort für die Ewigkeit eben.

Info Die nächste Hechinger Stadtführung folgt bereits am Samstag, 15. September. In der Zeit von 15 bis etwa 16.30 Uhr unternimmt Stadtführer Roland Ling einen Spaziergang durch die historische Oberstadt. Der Treffpunkt ist am Schloßplatz.

60

Teilnehmer wurden bei der jüngsten Hechinger Stadtführung gezählt. Das ist äußerst rekordverdächtig. Zu vielen Einheimischen gesellten sich wie meist immer zahlreiche Auswärtige.

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