GEDANKEN zum Karfreitag: Nur ein harmloser Regelverstoß?

Pfarrer Dr.Johannes Zimmermann, evangelische Kirchengemeinde Endingen.
Pfarrer Dr.Johannes Zimmermann, evangelische Kirchengemeinde Endingen.
SWP 02.04.2015

Jesus starb für deine Sünden. Das ist ein Satz, mit dem viele Probleme haben. Rasch sind manche dabei, abzuwehren: Nein, für mich hätte das nicht geschehen brauchen. So schlecht bin ich nicht.

Das Problem dabei ist, dass viele zu harmlos von der Sünde denken. Viele stellen sich das so vor: Gott stellt ein paar Regeln auf, und die werden halt hin und wieder nicht ganz genau eingehalten. Wenn das so wäre, dann könnte man wirklich sagen: In Ordnung, Schwamm drüber, beim nächsten Mal klappt es dann. Sünde ist nicht nur ein Regelverstoß, sondern weit mehr.

Die Reaktorkatastrophe von Fukushima ist inzwischen vier Jahre her. Immer noch macht die freigewordene Radioaktivität ganze Landstriche unbewohnbar. Auf Jahre hinaus wird das noch so bleiben. Da kann man nicht einfach sagen: Schwamm drüber, vergessen wir das, das waren unglückliche Umstände, niemand konnte die Flutwelle vorhersehen. Mit solchen Worten wird keine Radioaktivität beseitigt.

Die Folgen der Katastrophe werden nur dann beseitigt oder zumindest gemildert, wenn Menschen das Risiko ihrer Gesundheit eingehen. Nur wenn Menschen am Unglücksreaktor arbeiten, damit nicht noch mehr Radioaktivität freigesetzt wird, nur wenn sie das unsichtbare tödliche Gift beseitigen, nur dann wird sich die Gefahr nicht noch weiter ausbreiten, nur dann wird das Umfeld irgendwann wieder bewohnbar sein.

Dieses Beispiel kann uns helfen, das Kreuz besser zu verstehen. Sünde, das heißt: Da ist etwas, das wir Menschen in die Welt gesetzt haben und mit dem wir uns selbst zerstören. Wie bei der Radioaktivität ist etwas da, das nicht sichtbar ist, aber tödliche Auswirkungen hat.

Sünde ist eine tödliche Macht, der ich verfallen bin. Das wirkt sich auch in meinem Verhalten andern gegenüber aus. Die Sünden, die ich begehe, die Handlungen, mit denen ich schuldig werde, sind nur die Auswirkungen einer Sache, die viel tiefer in mir steckt. Das Kreuz stellt es mir vor Augen: So tödlich ist die Sünde! Wie Radioaktivität ist die Sünde nicht sichtbar, aber höchst wirksam. Ich selbst bin so darin verstrickt, dass ich mich nicht selbst befreien kann. Ein Eingriff von außen ist nötig. Ein anderer tritt an meine Stelle, nimmt die Gefahr auf sich, riskiert nicht nur seine Gesundheit, sondern gibt sein Leben - damit ich frei leben kann.

Das ist Karfreitag: Jesus stirbt am Kreuz. Mit seinem Tod beseitigt er die Sünde und befreit mich von ihren Folgen.