Hechingen Gammertinger Straße versinkt im Chaos

Hechingen / Andrea Spatzal 30.06.2018
Anwohner der Gammertinger Straße sind einiges an Leid gewöhnt. Aber jetzt muss was passieren, sagt Stadtrat Löffler.

Freitag, 12.30 Uhr. Hochbetrieb in der Gammertinger Straße. Das Verkehrsaufkommen ist für eine „Seitenstraße“ wirklich beachtlich. Aber hier gibt es ja nicht nur Wohnhäuser, sondern auch den sogenannten Ziel- und Quellverkehr, bedingt durch mannigfache Anlaufstellen: Gastronomiebetrieb mit Mittagstisch, Bankfiliale mit Geldautomat, Arzt, Physiotherapeut, Reisebüro, am Ende der Straße natürlich das große Kaufland und mittendrin seit 2001 die Süleymaniye Moschee. Die muslimische Gemeinde in Hechingen ist groß. 100 bis 200 Gemeindemitglieder kommen regelmäßig zum Freitagsgebet.

Donnerstag, 18.30 Uhr: Besichtigungstermin in der Gammertinger Straße. Die Anwohner haben die Faxen satt. Schon seit Jahren führen sie Klage über die Zustände in ihrem Quartier. Weil Zimmermeister Stefan Löffler ihr Nachbar ist, und dazu noch Stadtrat, haben sie ihn zu ihrem Sprecher gemacht. Schon mehrfach hat Löffler im Gemeinderat die Problematik zur Sprache gebracht, zuletzt in der Sitzung am 7. Juni. Diesmal scheint es was gebracht zu haben, denn die Stadt Hechingen entsandte Stephan Reuß vom Ordnungsamt in die Gammertinger Straße zu einer Besichtigung und Beurteilung der Situation.

„Er hat bestätigt, was wir schon immer bemängeln“, berichtet Stefan Löffler über den Ortstermin: „Die Straße hat keine Struktur!“ Das ist natürlich fatal für eine so hoch belastete Straße. Ordnungshütern sind ohne eindeutige Regelungen die Hände gebunden. Löffler prophezeit: „Das wird noch eskalieren.“

Kurz rekapituliert Stefan Löffler die Entwicklung dieses Mischgebietes am Fuße des Killbergs: Seit 47 Jahren wurde die Gammertinger Straße mit einem großer Gewerbekomplex bebaut, anfangs die Zollernalb-Handelszentrale ZDZ, heute das Kaufland. Fortan gehörten Lastwagen zum Straßenbild. Handwerkbetriebe und Werkstätten und natürlich der städtische Bauhof prägten seit jeher das Quartier, ebenso Wohngebäude, Ein-, aber vor allem auch Mehrfamilienhäuser. Jenseits der B 27 wurde das Gebiet „Hungerbühl“ erschlossen und an die Gammertinger Straße drangehängt. 2001 eröffnete die Moschee und vor einem Jahr wurde auch noch der Neubau „Fürstin-Eugenie-Domizil“ mit 36 Wohnungen und auch Gewerbeeinheiten bezogen, freilich mit Tiefgarage und Parkplätzen. Bekanntlich will die EJL Wohnbau GmbH auch das Nachbargrundstück mit 36 weiteren Wohnungen bebauen, sobald der Bauhof in den Neubau in der Rottenburger Straße umgezogen ist.

„Spätestens dann wird die Gammertinger Straße vollends im Verkehrschaos versinken“, ist Stefan Löffler überzeugt. Den trotz aller dieser Entwicklungen und zusätzlichen Belastungen steht die Straße noch fast so da wie vor 50 Jahren: kein Gehweg, keine gekennzeichneten Parkflächen, reichlich Schlaglöcher, eine miese Ausleuchtung. „Eine Katastrophe hoch zehn“, fasst Löffler zusammen.

In den 70er-Jahren sei wenigstens mal ein weißer Strich aufgemalt worden. Aber was eine Art Gehweg notdürftig abgrenzen soll, wird natürlich permanent missachtet und zugeparkt. In Stoßzeiten werden auch Garagen- und Hofeinfahrten rücksichtslos zugeparkt. Die Anwohner können ein Lied von all dem singen. „Man kann gar nicht hinsehen, wenn hier jemand mit dem Kinderwagen durch muss“, sagt Löffler.

Er weiß, dass es nicht leicht sein wird, in der Gammertinger Straße Strukturen zu schaffen. Es seien nicht einmal die Besitzverhältnisse geklärt. Aber die Bewohner des Stadtviertels sind mit ihrer Geduld am Ende. „Wir sind damit nicht mehr einverstanden“, unterstreicht der engagierte Freie-Wähler-Stadtrat. Als langjähriger Feuerwehrmann weist Stefan Löffler außerdem auf das Gefahrenpotential hin. Im Notfall zähle jede Sekunde. Da könne eine heillos chaotisch zugeparkte Straße, durch die kein Feuerwehr- oder Rettungsfahrzeug mehr durchkommt auch schnell mal Leben kosten.

Man wolle bestimmt keinen Streit. Man wolle Lösungen. Geplant sei, alle Beteiligten an einen Tisch zu holen: Vertreter der Anwohner, der Stadtverwaltung, der EJL Wohnbau und der muslimischen Gemeinde, wobei Löffler, der wegen seines Einsatzes für die Anwohner aus der Gammertinger Straße und im Prinzling Bewohner auch schon als fremdenfeindlich diffamiert und beschimpft wurde, ausdrücklich  betont, dass die Beschwerden nichts Nationalitäten oder Religionszugehörigkeiten zu tun haben.

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