Hechingen Fürstliche Vorleser im Ohrenkino

Ein Prosit aufs Hechinger Ohrenkino und seine fürstlichen Vorleser: Anita Maultzsch vom Förderverein Villa Eugenia mit den Brüdern Mück.
Ein Prosit aufs Hechinger Ohrenkino und seine fürstlichen Vorleser: Anita Maultzsch vom Förderverein Villa Eugenia mit den Brüdern Mück. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 04.08.2018

Hinter eines Baumes Rinde, wohnt die Made mit dem Kinde“: So begann die heitere Wiederbegegnung mit dem 1979 verstorbenen deutschen Schmunzelmeister Heinz Erhardt. Dessen „Noch’n Gedicht“ zu einem geflügelten Wort geworden ist, der als wortgewandter Dichter, Komponist und Schauspieler, die Herzen seiner Leser, Hörer und Zuschauer eroberte, und dessen kunstvoller, sprachakrobatischer Schabernack Liebhaber von Wortwitz, Satire und launigen, phantasievollen Gedankenspielereien bis heute begeistern.

Tierisch-satirische Gedichte, skurrile Ritterballaden, Schwänke aus heiterem Himmel und schmunzelmelancholische Vierzeiler hatte der Heinz-Erhardt-Fan Rainer Mück in seinem literarischen Gepäck.

Meisterhaft und ohne Spick­zettel, in typisch Erhardtschem Tonfall, voller Sprachwitz, spitzer Ironie und mit erzählerischen Kapriolen gab er „die Made“ zum Besten, brachte das traurige Schicksal von „Ritter Fips“ zu Gehör, kitzelte die Fantasie mit der „polyglotten Katze“, bedauerte, dass die „alten Zähne“ zu spät
kamen und skandierte lebendig, humorvoll und pointiert die Parodie auf Goethes „Erlkönig“: „er erreicht den Hof mit Müh und Not; der Knabe lebt, das Pferd ist tot!“

Sein Bruder Ralf, Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Tübinger Vorstadttheaters, brachte mit Wolfgang Borcherts Erzählung „Schischyphusch oder der Kellner meines Onkels“ die trotz Ferienzeit zahlreichen Zuhörer zum Schmunzeln und zum Nachdenken. Borchert erzählt in schöner poetischer und bildreicher Sprache die Geschichte zweier Menschen, mit denen das Leben gegensätzlicher nicht hätte verfahren können, obwohl beide denselben eigentlich unbedeutenden Sprachfehler haben. Hier der zwar kriegsversehrte, aber kraftstotzende, lebensbejahende Onkel, dort der kleine, verbitterte, verarbeitete, unscheinbare Kellner, dem der Sprachfehler wie ein Stigma anhaftet, weswegen er bereits von Kind an als „Schischyphusch“ verspottet wurde. Der Onkel erkennt, dass er einem Menschen begegnet, der körperlich zwar unversehrt ist, aber ein weitaus schlimmeres Los zu tragen hat als er selbst, und das beschämt ihn. Der Kellner verdient seine Solidarität, die er auch bereit ist, ihm zu geben. Ohrenkino vom Feinsten! Vor allem stimmlich ist es Ralf Mück bestens gelungen, den Dialog der beiden Protagonisten teils in männlich, kernigem Duktus, teils fast stimmlos und in schwach lispelnder Manier nachzubilden und die Zuhörer eintauchen zu lassen in die Welt von „Onkel und Kellner“.

Als Dank für wurden Ralf und Rainer Mück am Ende zu „ fürstlichen Vorlesern“ ernannt.

Auch am ersten Mittwoch im September wird es wie an jedem ersten Mittwoch im Monat in der Villa Eugenia ein Ohrenkino geben.

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