Es ist Montag. Üblicherweise Ruhetag im Friseursalon Oliver John. Nicht so an diesem 4. Mai. Nach wochenlangem Stillstand durften die Friseure inmitten der Corona-Krise ihre Geschäfte wieder öffnen – umfassende Schutzvorkehrungen vorausgesetzt. Um den Terminen Herr zu werden, hatte auch Oliver Heugel seinen Salon in der Frauengartenstraße am Montag geöffnet – aber nur ausnahmsweise. Die Kundschaft dankte es ihm und seinem Team.

„Wir sind ausgebucht“

In der Rückschau spricht der Friseurmeister von „bestimmt 1000 Anrufern“, die bei ihm in den vergangenen Wochen auf den Anrufbeantworter gesprochen und um einen Termin ersucht haben. Möglich war eine solche Vereinbarung jedoch nur online. Genutzt wurde das Angebot reichlich: „Wir sind ausgebucht“ – nicht über Wochen, aber die kommenden Tage schon.

Die meisten Kunden betreten den Salon mit Mund- und Nasenschutz. Wer keine eigene Maske dabei hat, bekommt eine zur Verfügung gestellt. Eine Einwegmaske. Im nächsten Schritt werden die Daten des Kunden erfasst, außerdem Datum und Zeitpunkt seines Betretens und Verlassens des Salons.

Waschen muss sein

Dem Haarschnitt voraus geht zwingend das Waschen. Vor allem für Männer eine neue Erfahrung: „Die meisten kommen mit frisch gewaschenen Haaren. In normalen Zeiten bekommen sie dann einen Trockenhaarschnitt“, erklärt der Friseurmeister. Bemerkenswert: Einzig das Waschen erhöht die Rechnung um ein paar wenige Euro – eine weitere Preiserhöhung gibt es bei Oliver Heugel nicht: „Ich arbeite ohne Corona-Zuschlag.“

Dabei sind die von ihm zu erfüllenden Richtlinien, ausgegeben von der Landesregierung, durchaus mit Kosten verbunden. Allein für Desinfektionsmittel hat er mal eben so 300 Euro investieren müssen, denn: Nach jedem Kundenbesuch müssen Flächen und Werkzeuge desinfiziert werden. Für den Kauf von Einweg-Folienumhängen wären weitere Ausgaben angefallen – wenn der Friseurmeister denn welche bekommen hätte. Aber: „Vor Juli gibt’s keine“, habe man ihm erklärt. Die Trennwände zwischen den einzelnen Kundenplätzen konnte Heugel kostenfrei leihen – bei einem Geschäftsfreund.

Auffällig am Montag: Oliver Heugel und seine Mitarbeiterinnen bedienen viele männliche Kunden. Für den Friseur keine Überraschung: Ein gepflegter Kurzhaarschnitt müsse alle drei, vier Wochen nachgeschnitten werden – „also haben die Männer sehnsüchtig auf unsere Wiedereröffnung gewartet“. Die weibliche Kundschaft benötige vor allem „neue Farbe“. Nach so langer Abstinenz sei der Ansatz schon sehr deutlich sichtbar.

Nah am Kunden dran

Oliver Heugel freut sich, dass es für ihn und sein Team endlich weitergehen kann. Aller Umstände zum Trotz: „Lieber so als gar nicht“, sagt er. Gerne nimmt er in Kauf, mit Handschuhen und Mundschutz arbeiten zu müssen, Auch wenn’s „sehr gewöhnungsbedürftig“ sei. Der Nasen-Mund-Schutz beispielsweise werde beim Ausatmen schnell feucht – und sprechen wolle man mit der Kundschaft ja auch. Ob es ihn beunruhigt, dass er bei seiner Arbeit „an den Menschen ran“ muss? „Nein“, sagt er, „meine Angst hält sich in Grenzen“. Zumal auch sein Gegenüber im Spiegel Mundschutz trägt.

Ein „Hauch von Asien“

Die Corona-Krise in ihrer Gesamtheit betrachtend, verspürt der Friseurmeister einen „Hauch von Asien“, wo viele Menschen (angesichts der großen Luftverschmutzung) schon seit Jahren Mundschutz tragen. Im Übrigen geht er davon aus, dass Deutschland in den nächsten Wochen weiter aufmerksam ins europäische Ausland blicken und nach und nach weitere Lockerungen beschließen werde – ganz zwingend vor allem auch aus wirtschaftlichen Gründen. Andernfalls nämlich „geht unsere Gesellschaft insgesamt Konkurs“.

Den sieht er für sich abgewendet, zumal er inzwischen, nach vielen Wochen des bangen Wartens, endlich einen positiven Bescheid auf seine Ende März beantragte Soforthilfe erhalten hat. Das sichere seinen Salon und damit sein Team rückwirkend ab.

Zu guter Letzt zieht Heugel aus dem ersten Öffnungstag nach der Zwangspause eine erste Lehre: Er braucht pro Kunde zehn Minuten mehr Zeit – fürs Haarewaschen und die Desinfizierung des Platzes und der Werkzeuge danach. „Ich werde die Termine ein bisschen entzerren müssen.“

Das könnte auch interessieren:

Burg Hohenzollern