Musik entreißt Gefühle und Leidenschaften des Menschen der Vergänglichkeit; sie verhilft den Künstlern, die man vergessen will zum Überleben“, schrieb einst der jüdische Komponist Viktor Ullmann aus dem Ghetto im KZ-Theresienstadt. Mit hörbarem Engagement und hohen sängerischen sowie musikalischen Qualitäten hat sich der 40-köpfige Tübinger Frauenchor unter der Leitung von Daniela Schüler das Ziel gesetzt, die in Deutschland der 1930er- und 40er-Jahre verbotene Musik jüdisch stämmiger Komponisten ins Bewusstsein zu rücken. So gestalteten die Sängerinnen einen lebenslustigen, wie auch nachdenklichen, musikalischen Sonntagabend in der vollbesetzten Hechinger Synagoge.

Als beeindruckendes Zeitzeugnis zeichnete das Konzert unter dem Titel „verfemt, verfolgt, verstummt“ des Ensembles ein lebendiges Bild der damaligen Musikszene. Das innige Gebet „Adonay elohim“ von Erich Wolfgang Korngold (1897-1957), gemeinsam mit dem Tenor Reto Raphael Rosin gesungen, eröffnete den Abend.

Zu den aufgestöberten Schätzen zählten drei jiddische Lieder von Viktor Ullmann (1898-1944 Auschwitz). Hierbei wehte den Hörern die ganze optimistische Unbekümmertheit des jiddischen Stetl entgegen; zwei chassidische Liedern widmete Ullmann dem Land Israel. Stilistische Vielfalt kennzeichnete die vielen a cappella gesungenen Originalwerke und Arrangements aus. Mit Präzision, Scharfsinn und Hineindenken in musikalische Strukturen verstand es das Ensemble spielend, diese Formenvielfalt musikalisch zu beleben.

Mit seiner kraftvollen, schlank geführten Tenorstimme und seiner mimischen und gestischen Begabung interpretierte Reto Raphael Rosin die Arie „Glück, das mir verblieb“ aus Erich Wolfgang Korngolds Gruseloper „Die Tote Stadt“ anrührend und bravourös die stimmlich und darstellerisch äußerst fordernde Partie.

Mit feinfühliger Feder skizzierte Rose Ausländer (1901-1988) ihre empfindsamen Gedichte, die Uli Führe ( *1957) in anspruchsvolles, musikalisches Gewand kleidete. Pointiert, mit Verve und Tempo interpretierten die Sängerinnen Rosy Wertheims (1888-1949) „Het van de Wind“ (Lied vom Wind). Da das Stück nur fragmentarisch erhalten ist, wurden einige Takte ausgelassen.

Hochdramatisch intonierte

Mordechaj Gebirtig (1877-1942, Warschauer Ghetto) hatte eine wachen Blick auf seine Umgebung. Sein „Hei Zicklein“ ist von wehmütiger Romantik getragen, wohingegen der Frauenchor „Ss’ brent“ (ein Volks- und Widerstandslied) hochdramatisch, emotional bewegt intonierte. Eine bewährte Strategie, die dunklen Wolken vergessen zu machen, sind die heiteren, charmant witzigen „Nonsense“-Lieder Hanns Eisslers (1898-1962).

Zu Herzen gehend war Eisslers Liedchen nach einem Gedicht von Berthold Brecht (1898-1956), das die Liebe des Dichters zu seinem „kleinen Radioapparat“ besingt. Rosin und Herwig Rutt gestalteten es gefühlvoll und mit Wärme am Klavier. Bei dem jazzigen Welthit „Bei mir biste schejn“ von Sholom Secunda (1894-1974) zeichnete sich das Ensemble durch das gekonnte Spielen mit der Lautstärke aus.

Mit viel Schmelz und gebührendem „Schmäh“ sang Rosin „Gib mir den letzten Abschiedskuss“, einst ein Song der Comedian Harmonists – drei Mitglieder davon waren Nichtarier und Librettist Charles Amberg (1894-1946) überlebte nur knapp das Konzentrationslager.

Das Trio Lescano, ein Vokaltrio und eine der ersten Girl Groups Europas, war in Italien zwischen 1935 und 1943 sehr populär. Diese „Swingmädchen“ gaben den Anstoß zu dem Konzert des Tübinger Frauenchores, der mit „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück…“ beendete. Aber nicht ganz. Tosender Beifall und zwei Zugaben folgten.