Hechingen Foodsharing: Mit jedem Bissen eine gute Tat

Hechingen / Judith Midinet 01.05.2018
Tanja Bernhardt und Kristina Zinnebner sind Botschafter für die Initiative „Foodsharing“.

Haben Sie auch schon mal im Supermarkt überlegt, wo eigentlich die ganzen Lebensmittel landen, wenn sie niemand kauft? Jede Menge Müll müssen Supermärkte, Einzelhändler, Bäckereien, Tankstellen, Cafés und Restaurants entsorgen – nicht, weil sie verdorben sind, sondern weil das Mindesthaltbarkeitsdatum abläuft oder bestimmte Vorschriften eingehalten werden müssen. Um dieser Lebensmittelverschwendung entgegenzuwirken, wurde 2012 in Berlin die Initiative Foodsharing ins Leben gerufen. Teil davon sind auch die Weilheimerin Kristina Zinnebner und die Mössingerin Tanja Bernhardt, die das Projekt in die Region gebracht haben – von Gomaringen bis Balingen betreuen sie die Initiative, und das mit großem Erfolg.

Das Konzept des Essensrettens (Foodsharing) basiert auf freiwilliger und ehrenamtlicher Basis. Die Essensretter – Foodsaver – kommen dorthin, wo Essen übrig ist, das man sonst wegwerfen müsste. Sie holen die Lebensmittel ab, die die Betriebe bereitlegen, und verteilen es weiter oder nutzen es selbst. Organisiert wird alles über die Internetplattform www.foodsharing.de, auf der man sich registrieren muss. Nicht jeder, der mitmacht, muss Essensretter sein. Viele holen die Lebensmittel nur bei den Foodsavern ab – oder in einem Fair-Teiler, einem Schrank in einem Raum, in dem die Lebensmittel gelagert werden. „Das sieht aus wie ein kleiner Marktstand“, erklärt Kristina Zinnebner. Sie und ihre Mitstreiterin Tanja Bernhardt freut es, dass sich die Stadt Hechingen jetzt bereit erklärt hat, den Foodsharing-Botschafterinnen einen Raum für einen Fair-Teiler zur Verfügung zu stellen. So viel wird verraten: Der Lebensmittelschrank soll in einem Stadtteil stehen und im Laufe dieses Sommers eingeweiht werden.

Dass ihr Projekt mit einem so großen Erfolg angenommen wird, hätten die zwei Frauen nicht gedacht: Seit Januar haben sie Kooperationen mit zwölf großen und kleinen Betrieben begründet, die Lebensmittel bereitstellen. „Vier weitere große Betriebe könnten an den Start gehen, aber aktuell haben wir einen Stopp, denn wir brauchen mehr Helfer“, erklärt Kristina Zinnebner. 60 Essensretter sind seit Januar unterwegs, allerdings bräuchte es doppelt so viele, um die Betriebe zu bedienen, die Interesse angemeldet haben.

Kein Haken an der Sache

„Das sind keine kleinen Mengen, und es ist definitiv kein Müll“, klärt Tanja Bernhardt. Viele würden vermuten: Lebensmittel umsonst? Da muss doch ein Haken sein! Gibt es aber keinen. Denn die Lebensmittelbetriebe vermeiden durch das Foodsharing-Konzept immense Müllkosten, die sie sonst stemmen müssten, und sie haben einen Imagegewinn. „Wenn man weiß, dort wird nichts weggeworfen, geht man dort auch einkaufen“, sagt Kristina Zinnebner. Denn keinesfalls könne man durch das Foodsharing auf Einkäufe verzichten. Wichtig ist den zwei Botschafterinnen auch, dass die Initiative nichts mit Bedürftigkeit zu tun hat, sondern vielmehr mit einer Wertevorstellung von Nachhaltigkeit und respektvollem Umgang mit Nahrung in einer Gesellschaft des Überflusses. „Mit jedem Bissen eine gute Tat“, nennt es Kristina Zinnebner. Die 40-Jährige ist Heilpraktikerin, Tanja Bernhardt, 42, Erzieherin. „Wir sind ganz normale Frauen“, erklären sie. Sie durchstöbern nicht Container an Supermärkten, sondern die Betriebe legen den Foodsavern die Lebensmittel bereit, stellen beide klar. Mitmachen könne bei der Initiative jeder, eine Verpflichtung gebe es nicht, für jede Abholung müsse man sich erneut online eintragen. Und wenn man mal keine Zeit hat, trägt man sich halt nicht ein. „Die Abholungen sind eine Sache von fünf Minuten. Das geht schneller als Einkaufen“, sagt Kristina Zinnebner.

Die zwei Botschafterinnen haben zunächst als Essensretter bei der Initiative in Tübingen begonnen, wollten aber irgendwann nicht mehr so weit fahren. So entstand die Idee, eine eigene Gruppe zu gründen. In Weilheim bei Kristina Zinnebner machen zwischenzeitlich die ganze Familie und Freunde mit. Sie schätzt am Foodsharing, dass es den Speiseplan erweitert. „Man kocht das, was man hat und vielleicht nicht selbst gekauft hätte. Man probiert und isst neue Dinge“, erklärt sie. Und bei Tanja Bernhardt freuen sich besonders die Kinder, wenn es mal Süßigkeiten gibt, die sonst nicht auf den Tisch kämen.

Nächster Stammtisch morgen

Die Foodsharer teilen sich übrigens nicht nur die Arbeit, sondern treffen sich auch regelmäßig (Interessierte und Neueinsteiger sind willkommen!): Der nächste Stammtisch ist am Donnerstag, 3. Mai, um 20 Uhr im Sportheim in Mössingen.

Info Wer als Händler oder Gastronom Lebensmittel abgeben möchte, kann per E-Mail an moessingen@lebensmittelretten.de schreiben. Wer selber gerne Essen retten und abholen möchte, kann sich auf der Plattform www.foodsharing.de kostenlos anmelden.

60

Foodsaver sind Teil der Initiative „Foodsharing“, die Tanja Bernhardt und Kristina Zinnebner im Januar gestartet haben. Weitere Helfer werden dringend gesucht.

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