Einen Prozess mit teils grotesken Zügen erlebte man am Mittwoch am Landgericht Hechingen. Ein 67 Jahre alter Mann hatte Berufung gegen ein Urteil vom März diesen Jahres eingelegt. Vorgeworfen wurde ihm, er habe im Mai 2017 auf einem Spielplatz in Hechingen eine Dreijährige mit einem Trick dazu gebracht, in die Hocke zu gehen und das dann ausgenutzt, um seine Digitalkamera zwischen die Beine des Kindes zu richten und den Genitalbereich der Kleinen zu filmen – der freilich von einem Slip bedeckt war.

2250 Euro Straf in erster Instanz

Dass es sich so verhielt, davon war Amtsrichter Dr. Desmond Weyl damals überzeugt. Deshalb, und weil die Polizei bei dem Angeklagten auf elektronischen Speichern massenhaft kinderpornographische Bilder gefunden hatte, verurteilte er ihn zu einer Geldstrafe von 2250 Euro.

Vollkommen zu Unrecht, wie der 67-Jährige meint. In der Berufungsverhandlung am Mittwoch erhielt er die Möglichkeit, seine Sicht der Dinge darzulegen. Das tat er in Form einer selbst verfassten „Anhörung“, einen Rechtsbeistand hatte er nicht mitgebracht. Was er dann vortrug, nahm fast den kompletten Morgen in Anspruch. Unterbrochen wurden seine Ausführungen nur von vier relativ kurzen Zeugenaussagen. 

Ausschweifende Erklärungen bis zur Mittagspause

über Seine Erklärung befasste sich nur zum kleinsten Teil mit dem Geschehen auf dem Spielplatz. Vielmehr berichtete der Angeklagte weitschweifig aus seiner Lebens- und Krankengeschichte, stellte sich dabei selbst (aber auch viele andere) als Opfer einer allseits unfähigen und kriminellen Justiz dar. Wobei er die von Hechingen ausdrücklich mit einschloss.

Geprägt, durch viel Leid, das er erlebte, habe er sich entschlossen, gegen das Unrecht der Welt anzugehen. Er führe diesen Kampf schon seit vielen Jahren als Internetjournalist und habe durch sein sozialpsychologisches Wissen und als „Konfliktmanager“ auch die Mittel dazu.

Im angeblichen Kampf gegen Kinderpornos

Gegen Kinderpornographie  werde von der Polizei, den Gerichten und der Politik zu wenig getan, sie werde sogar noch gedeckt und gefördert. Daher, erfuhr man gegen Schluss der langen Rede, habe er sich bereits vor langer Zeit entschlossen, die Hintergründe aufzudecken und selbst etwas dagegen zu unternehmen. Die belastenden Bilder, die man bei ihm fand, habe er aus Recherchegründen gesammelt.

Daneben wollte der 67-Jährige angeblich mit einer spektakulären Präsentation im Internet auf den Missbrauch von Kindern aufmerksam machen. Grundlage sollte ein Videoclip sein, auf dem ein Kind einem älteren Herrn beim Aufheben von scheinbar versehentlich herunter gefallenen Dingen hilft – und dabei von ihm im Schritt gefilmt wird.

Um das benötigte Video herzustellen, sei er losgezogen und auf diese Weise sei es zu dem Vorfall auf dem Spielplatz gekommen. Das streite er gar nicht ab, aber, so bekundete er wieder und wieder: Seine einzige Absicht seien „Ursachenbekämpfung“ und „Massenaufklärung“ gewesen.

Das veranlasste den Leitenden Oberstaatsanwalt Jens Gruhl zu der Frage an den Angeklagten, welches Recht er besitze, fremde Menschen – in dem Fall ein Kind – ungefragt in seine Projekte einzubeziehen? „Das Recht, die Welt zu verbessern“, lautete die Antwort.

Keinerlei Unrechtsbewußtsein

Der 67-Jährige zeigte auch sonst keinerlei Unrechtsbewusstsein und es verstärkte sich der verstörende Eindruck, den man schon in der ersten Verhandlung im März 2019 gewinnen konnte – er glaubt das, was er erzählt und ist zutiefst von der Reinheit seiner Mission überzeugt.

Auch die Mutter des Mädchens, die auf dem Spielplatz dabei war, den Übergriff aber nicht verhindern konnte, und ihre Geschichte erneut vor Gericht darlegen musste, beeindruckte den Täter augenscheinlich nicht: Die Frau erzählte schluchzend und ist offenkundig bis heute nicht über den Vorfall hinweg gekommen. Doch der Angeklagte zeigte kein Verständnis für dieses Leid. Auch nicht dafür, dass die Frau sich weigert, seine Entschuldigung anzunehmen. Abweisende Reaktionen seien bei einem Pädophilen berechtigt. Aber bei ihm? Er sei doch das genaue Gegenteil davon.

Spürbar aufgebraucht war das Maß an Verständnis jedoch auch beim Staatsanwalt. Die stundenlangen Ausführungen seien eine Zumutung, sagte er in scharfem Ton in einer Pause zu dem 67-Jährigen. Er nutze seine Rechte hier schamlos aus. Der Vorsitzende Richter Schwarz fühlte offenbar ähnlich: „Bis zwölf Uhr haben sie zum eigentlichen Vorwurf noch herzlich wenig gesagt“, wies er den Angeklagten zurecht.

Antrag verlängert den Prozess um eine Woche

Am Schluss der Beweisaufnahme stellte der 67-Jährige den Antrag, einen sozialpsychologischen Gutachter zu bestellen, der dem Gericht bestätigen soll dass er als soziologischer Experte ausschließlich aus beruflichem journalistischem Interesse gehandelt habe. Weil der Angeklagte sich jedoch nicht in der Lage sah, diesen Antrag aus dem Stehgreif zu formulieren, gab ihm der Richter bis zum kommenden Montag Zeit dafür. Dann wird die Verhandlung fortgesetzt. Schwarz warnte den Mann indessen, er solle ja erscheinen! Wenn er fehle – was offenbar schon in einem ersten Anlauf dieses Prozesses passierte – werde seine Berufung verworfen.

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