Hechingen Experte statt Bundeswulff

Ein lockeres, unterhaltsames, sympathisches "Eventle" ist aus der Friedrich-Feier in der HZ-Redaktion geworden.
Ein lockeres, unterhaltsames, sympathisches "Eventle" ist aus der Friedrich-Feier in der HZ-Redaktion geworden.
Hechingen / HARDY KROMER 26.01.2012
HZ-Redaktionsleiter Ernst Klett brachte es auf den Punkt: Wer braucht schon einen Bundeswulff, wenn er einen Uwe Oster hat? Der Hechinger Preußen-Experte brillierte bei der Friedrich-Feier unterm Zoller.

Nein, versicherte Uwe Oster beim Après-Bier, er habe die nachmittägliche Rede des Bundespräsidenten beim Berliner Festakt zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen nicht gehört. Umso erstaunlicher waren die inhaltlichen Ähnlichkeiten in der Würdigung des berühmtesten Preußenkönigs. Hatte Christian Wulff die tolerante Zuwanderungspolitik gelobt, die Friedrich II. im 18. Jahrhundert praktizierte, so stellte der Historiker, Journalist und Preußen-Buch-Autor Uwe Oster in Hechingen fest: Wenn Friedrich uns Heutigen als Vorbild tauge, dann wegen seiner religiösen Toleranz und wegen seines Umgangs mit Migranten und Einwanderern: ". . . und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land bevölkern, so wollen wir Moscheen und Kirchen bauen", zitierte er den Jubilar. "Preußen im 18. Jahrhundert war ein Einwanderungsland", warf Oster allen entgegen, die den Alten Fritz je für Deutschtümeleien vereinnahmen wollten.

Aktuelle politische Botschaften gingen also von dieser Hechinger Geburtstagsfeier aus; und es wurde ein Pflock in die Hechinger Kultur-Landschaft gehauen: Erstmals stellte die Hohenzollerische Zeitung in ihrer geräumigen Redaktion am Obertorplatz eine Veranstaltung aufs Parkett. Dass ein sehr lockeres, unterhaltsames, sympathisches "Eventle" daraus wurde, das bescheinigten uns nach zwei Stunden sehr viele der gut 50 Gäste.

Den Erfolg möglich gemacht haben in erster Linie die Akteure: vorneweg Uwe Oster, dessen literarische Tour durch das Leben des Geburtstagskindes so lehrreich und doch vergnüglich daherkam, dass man das Metier der Historiker nie wieder für verstaubt halten mag; und dann das Querflöten-Duo Anne-Sophie Heneka und Hanns Stefan Doege, das friderizianische Musik so beschwingt darbot, dass sich das geneigte Publikum wie bei Hofe wähnte. "Man hat sich so richtig in die damalige Zeit versetzt gefühlt", freute sich HZ-Leser Hans Dirscherl aus Ringingen. Um die Veranstaltung verdient gemacht hat sich auch die Sparkasse Zollernalb, deren Stuhl-Leihgabe half, aus dem nüchternen Büroraum einen kleinen Musentempel zu machen.

"Was ist das Besondere an diesem Friedrich?" fragte Uwe Oster am Beginn seiner Lesestunde und versuchte sich selbst an einer Antwort: "Vor allem seine Vielschichtigkeit". Er stelle seinem Auditorium einen König vor, "der sich als Philosoph sieht", der Voltaire an seinen Hof holt und sich in 654 Briefen mit dem französischen Philosophen "ein intellektuelles Feuerwerk" liefert. Er sprach von einem "aufgeklärten Herrscher, der die Folter abschafft und in Preußen den Rechtsstaat einführt; von einem Mann, der sich als erster Diener des Staates versteht und dennoch "bei Günther Jauch im weißen Sessel mit einer Prise Schnupftabak vorstellbar ist".

Und auf der anderen Seite präsentierte Oster einen Herrscher, der eine lange Friedensperiode gebrochen hat, um Kriege zu führen "wie ein Hasardeur" - Kriege, in denen er weder sich selbst noch seine Soldaten schonte. Diese "Janusköpfigkeit", so Oster, sei es, die Friedrich II. so schwer fassbar mache. Ein gutes Stück näher brachte der Historiker den ambivalenten Fritz den HZ-Lesern, indem er nicht nur aus seinen eigenen Preußen-Büchern las, sondern auch aus Briefen von und an Friedrich.

Diese Kostproben waren so süffig wie das in der Pause kredenzte Duckstein-Bier, das dereinst im legendären Tabakskollegium von Friedrichs Vater, dem "Soldatenkönig", getrunken wurde. Friedrich selbst pfiff bekanntlich auf das Diktum des Vaters, "ein deutscher König habe deutsches Bier zu trinken", und trank lieber französischen Wein und Champagner.

Kartoffelchips gab es auch - in Erinnerung daran, dass der Jubilar den Anbau der Erdäpfel gefördert hat. "Vielleicht hätten sie Friedrich geschmeckt", überlegte Oster. "Er liebte scharfes Essen - und würzte seinen Kaffee mit Senf."

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