Hechingen Erstmals seit 1986: Synagoge wird Baustelle

Einen 40 000-Euro-Scheck für die Fassadensanierung nahm Lothar Vees, Vorsitzender der Initiative Hechinger Synagoge (3. v. r.), von Prof. Dr. Rainer Prewo, dem Vorsitzenden der Denkmalstiftung Baden-Württemberg (4. v. r.), entgegen. Mit dabei: Bürgermeister Philipp Hahn (3. v. l.), Stadtbaumeisterin Helga Monauni (links), Architekt Jürgen Sprenger (2. v. l.), Lotto-Regionaldirektor Frank Eisele (2. v. r.) und Benedict von Bremen, Öffentlichkeitsarbeiter der Synagogeninitiative (rechts).
Einen 40 000-Euro-Scheck für die Fassadensanierung nahm Lothar Vees, Vorsitzender der Initiative Hechinger Synagoge (3. v. r.), von Prof. Dr. Rainer Prewo, dem Vorsitzenden der Denkmalstiftung Baden-Württemberg (4. v. r.), entgegen. Mit dabei: Bürgermeister Philipp Hahn (3. v. l.), Stadtbaumeisterin Helga Monauni (links), Architekt Jürgen Sprenger (2. v. l.), Lotto-Regionaldirektor Frank Eisele (2. v. r.) und Benedict von Bremen, Öffentlichkeitsarbeiter der Synagogeninitiative (rechts). © Foto: Hardy Kromer
Hechingen / Hardy Kromer 20.06.2018
An diesem Donnerstag wird das Gerüst aufgebaut, dann wird die Fassade der Alten Synagoge von Hechingen saniert.

Seit 1986 ist die ehemalige Hechinger Synagoge in der Goldschmiedstraße bekannt als Gedenkstätte und Kulturzentrum. Dass dort Konzerte, Lesungen, Theater und Ausstellungen stattfinden, ist der Initiative Hechinger Synagoge zu verdanken. Ihr ist es gelungen, das einstige Bethaus jüdischer Bürger zu einem kulturellen Mittelpunkt und zu einer viel besuchten Begegnungsstätte zu machen. 1,6 Millionen Mark waren von 1983 bis 1986 in die Restaurierung der Alten Synagoge investiert worden.

32 Jahre sind seither vergangen, und der Zahn der Zeit hat wieder genagt. Die neoklassizistische Fassade muss jetzt saniert werden. „Vor allem die Straßenseite hat sehr stark gelitten“, sagt Lothar Vees, der Vorsitzende der Initiative. „Doch alle Holzteile sind nach mehr als drei Jahrzehnten renovierungsbedürftig.“ Auch Fensterrahmen und Türen müssen erneuert werden.

Architekt Jürgen Sprenger, der das Projekt leitet, hat die Arbeiten schon ausgeschrieben. Schon morgen kommen die Gerüstbauer und schaffen die Voraussetzungen dafür, dass die Handwerker beginnen können.

Und wer bezahlt die rund 100 000 Euro teure Fassaden­sanierung? Der Verein mit seinen gut 110 Mitgliedern kann das Projekt nicht allein stemmen, sondern ist auf Unterstützung angewiesen. 10 000 Euro steuert die Stadt Hechingen bei. Einen 40 000-Euro-Scheck übergab am Dienstag Prof. Dr. Rainer Prewo, der Vorstandsvorsitzende der Denkmalstiftung Baden-Württemberg – womit die Finanzierung bereits zur Hälfte gesichert ist. Einen weiteren Zuschuss erhofft sich die Synagogen-Initiative vom Landkreis.

Die 40 000 Euro für die Alte Synagoge hat die Denkmalstiftung aus Mitteln der Glücksspirale erhalten. Deshalb war Lotto-Regionaldirektor Franz Eisele bei der Spendenübergabe dabei und betonte, dass Lotto Baden-Württemberg jeden Tag eine Millionen Euro für sportliche, kulturelle und soziale Zwecke ans Land überweist. Lothar Vees wusste auch das zu schätzen: „Viele unserer Veranstaltungen werden von Toto-Lotto mitfinanzieren.“

Prof. Prewo, der Chef der Denkmalstiftung, dessen frühere Hechingen-Besuche der Stiftskirche und der Villa Eugenia galten, nannte die Alte Synagoge „eine super Location hier mitten in der Stadt“. Traurig sei es freilich, dass von der einstmals großen jüdischen Gemeinde Hechingens nicht mehr übrig ist. Lothar Vees schilderte die Bemühungen aus den 90er-Jahren, jüdische Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion in Hechingen anzusiedeln und wieder eine lebendige Gemeinde aufzubauen. Dies scheiterte daran, dass es die neuen Mitbürger bald wieder in Großstädte wie Stuttgart und Mannheim zog, wo eine jüdische Infrastruktur vorhanden ist. „Aktuell leben meines Wissens noch zwei Juden in Hechingen“, sagte Vees.

Zuvor hatte der Initiativen-Vorsitzende in Erinnerung gerufen, wie die 1767 erbaute Synagoge in der Reichspogromnacht 1938 von Nazi-Schergen zerstört wurde, wie das Gebäude nach dem Krieg als Lager und Lkw-Garage eines Baustoffhändlers diente – bis das Haus 1979 von der rettenden Initiative gekauft und dann zu dem gemacht wurde, was es heute ist.

Den Veranstaltungsbetrieb in der Alten Synagoge werden die Renovierungsarbeiten nicht stören. Die Macher der Initiative arbeiten bereits am Programm für das zweite Halbjahr. Ein angekündigter Höhepunkt: Am 9. November wird der renommierte Historiker Götz Aly zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht in der Alten Synagoge über Antisemitismus in Europa sprechen.

Friedhofsschändung nur ein Bubenstreich?

Die Grabschändung auf dem Jüdischen Friedhof von Hechingen war auch bei der Spendenübergabe in der Alten Synagoge ein Thema. Lothar Vees, der Vorsitzende der Synagogeninitiative, glaubt nicht an eine im Kern antisemitische Tat, sondern geht eher von einer „Mutprobe“ aus. Auch bei der Polizei gibt es Erkenntnisse darüber, dass die Gegend um den Judenfriedhof ein verborgener Treffpunkt von Jugendcliquen ist.
Konkrete Hinweise auf einen rechtsradikalen Hintergrund haben die Ermittler dagegen offenbar nicht. hy

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