Wenn an diesem Sonntag wieder die Ansprachen zum Volkstrauertag gehalten werden, darf man gespannt sein, welche Redner sich noch die Mühe gemacht und für Aktualität in ihrem Wortbeitrag gesorgt haben: In Nahost sterben seit drei Tagen wieder Menschen durch die Raketen der Israelis und Palästinenser. Das Fernsehen ist wie immer absolut live und schön bunt dabei. Vorwiegend schwarzweiß sind dagegen die Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Anders als Zweiter Weltkrieg und Nazizeit ist dieser erste globale Waffengang kaum medienpräsent - er droht vergessen zu werden.
Kann daran ein bisschen Volkstrauer einmal im Jahr etwas ändern? Auf dem Heiligkreuz-Friedhof gibt es eine bleibende Erinnerung an den Ersten Weltkrieg, zwar recht zentral gelegen, aber etwas versteckt durch eine Hecke. Das kleine Gräberfeld am Verbindungsweg zwischen dem neuen und alten Friedhofsteil beherbergt etliche Einzelgräber von Menschen, die dem Zweiten Weltkrieg zum Opfer gefallen und in Hechingen zu Tode gekommen sind. Es sind vorwiegend Soldaten, die daheim ihren Verletzungen erlegen sind. Aber auch eine Luftwaffenhelferin ist dort begraben, die im Alter von erst 20 Jahren bei einem Jagdbomber-Angriff auf die Landesbahn starb.
Gleich links am Eingang findet sich das Relikt an den ersten großen Krieg. Es ist eine Stele mit dem Kreuz der Orthodoxen und den Namen von sechs russischen Kriegsgefangenen. Pawel Beliat war Jahrgang 1886, Iwan Below war zwei Jahre älter. Eger Perminow wurde 1885 geboren, Achmed Saburow-Scharifula erst 1894. Von Michael Demkin und Alekdiei Sokolow ist das Geburtsjahr nicht bekannt. Für alle sechs Männer steht als Todesjahr 1918 auf dem Grabstein. Sie waren wie viele, viele andere ihrer Landsleute aus der Zarenarmee als Kriegsgefangene des Kaiserreichs in der deutschen Landwirtschaft oder in Fabriken eingesetzt. Wo genau, das herauszufinden wäre eine Aufgabe für unsere Heimathistoriker.
Georg Niedermaier, langjähriger Ordnungsamtsleiter der Stadt Hechingen und in dieser Funktion in der Friedhofsverwaltung tätig gewesen, hat extra nochmals nachgeforscht, muss aber passen - auch bei der Frage, durch was die Männer ums Leben gekommen sind. Misshandlungen von Kriegsgefangenen, wie sie aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt sind, sollen zwischen 1914 und 1918 die Ausnahme gewesen sein. Allerdings war die Versorgungslage der deutschen Zivilbevölkerung gegen Ende des Krieges eine Katastrophe. Nahrung war knapp, wohl auch für Kriegsgefangene.
Liegen die Umstände ihres Todes offenbar im Dunkeln, so steht doch fest, dass die russischen Soldaten den Hechingern erhalten bleiben werden: Sie haben ein dauerndes Ruherecht auf Heiligkreuz. Dies fußt, so erklärt Georg Niedermaier, auf einem Bundesgesetz von 1965. In diesem Zuge wurden auch die bis dahin in Einzelgräbern bestatteten Russen Anfang der 70er-Jahre umgebettet ins Gräberfeld. Ein Hinweistäfelchen am Wegesrand könnte diese Erinnerung an den fast vergessenen Weltkrieg prominenter machen.