Geboren 1940 in Haunstetten bei Augsburg, suchte Walter Bühler nach dem Besuch der Volksschule eine Lehrstelle. Und die waren 1954 dünn gesät. Ein Mitbewohner im elterlichen Haus kam mit dem Vorschlag, eine Buchbinderlehre zu beginnen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber danach fragte damals niemand. Walter Bühler absolvierte also eine Lehre im Buchbinderhandwerk und wechselte nach erfolgreich bestandener Gesellenprüfung die Arbeitsstelle. „Wenn nicht, bleibt man immer der Stift im Betrieb“, sagt er und lacht.

Als Geselle arbeitete er zehn Jahre lang in München in einer Banknotendruckerei. Die sich aufdrängende Frage, ob es nicht vielleicht möglich gewesen wäre, da ein wenig abzuzwacken, erübrigt sich sogleich. „Es wurde peinlichst genau Buch geführt und kontrolliert. Da wäre nichts zu machen gewesen, auch wenn man gewollt hätte.“

Aber Walter Bühler wollte auch etwas ganz anderes. Nämlich den Meister machen. Und das schaffte er auch neben seinem Beruf in der Abendschule. 1968 legte er die Meisterprüfung ab. 1974 machte er sich in Reutlingen selbstständig und eröffnete ein Jahr später eine eigene Werkstatt im Hechinger Teilort Weilheim. „Seitdem arbeite ich halbtags, nachdem der Tag ja 24 Stunden hat,“ scherzt der Mann, der seit seiner Lehrzeit nur Sechs-Tage-Wochen kennt.

Es hat sich in den 64 Jahren, in denen er in seinem Beruf arbeitet, einiges, nein vieles verändert. Früher hat er viel für Institute, Universitäten, Betriebe und Behörden gearbeitet. Vieles war noch von Hand geschrieben und musste mit Fadenbindung versehen werden. Dieser Zweig ist stark zurückgegangen. „Die Digitalisierung hat auch hier sehr stark Einzug gehalten“, erklärt Bühler. Das macht den Wahl-Weilheimer aber nicht brotlos. „Ich bekomme meine Aufträge, zu denen auch Einrahmungen gehören, praktisch aus dem ganzen süddeutschen Raum, denn es gibt immer weniger Buchbinder. Und zu den wenigen Mitbewerbern habe ich ein kollegiales Verhältnis.“

Viele der alten Techniken, die er gelernt hat und die er heute noch beherrscht, sind nicht mehr oder nur selten gefragt. Seine Meisterstücke sind wie aus einer anderen Welt. Das Buch „Werke von Honoré de Balzac“ ist ein Ganzfranzband mit Handheftung, mit Goldschnitt und Goldprägung und in Oasenziegenleder gebunden. Das Werk „Deutsche Taler“ hat einen Einband aus Ziegenpergament mit Blindprägung, und die Märchen der Gebrüder Grimm sind gebunden in Kalbspergament mit versteckten Bündchen. „Heute ist Faden- und Klammerheftung nur selten gefragt. Es wird in der Regel geleimt, wobei der Leim heutzutage wesentlich besser ist als der von früher“, schildert der Meister seines Faches.

Walter Bühler kann sich, wie gesagt, über Aufträge nicht beklagen. Es gibt immer noch genügend Leute, die sich Schriftstücke, an denen sie emotional hängen, binden oder reparieren lassen.

Und wie sieht Bühler seine Berufswahl vor 64 Jahren heute? „Je älter ich werde, desto mehr liebe ich meinen Beruf.“ Das sieht ja nun wirklich nicht so aus, als wolle er demnächst aufhören. Wäre auch zu schade.