Hechingen Eine Reise ins Venezianische Reich

Hechingen / STEPHANIE APELT 29.01.2015
Der Überlieferung nach gehen die Ursprünge des Grosselfinger Narrengerichts bis ins 15. Jahrhundert zurück. Doch was machte den Ort damals zu so etwas Besonderem? Die Brüder Beck haben nachgeforscht.

In wenigen Tagen entsteht das weite Reich der "Herren von Venedig" beim Ehrsamen Narrengericht in Grosselfingen neu. Spieltermine sind am 8. und 12. Februar. Anschaulich führten die Grosselfinger Brüder Simon und Martin Beck im Hohenzollerischen Landesmuseums in die historischen Rahmenbedingungen ein. Das große Rund der Foyers war gefüllt, Zuhörer aus Grosselfingen, einschließlich Narrenvogt, waren dabei gut vertreten.

Volker Trugenberger, Vorsitzender des Hohenzollerischen Geschichtsvereins und Leiter des Staatsarchivs Sigmaringen, zeigte sich beeindruckt "vom Wahnsinn der historischen Dimension" des närrischen Spektakels, das alle vier Jahre in Grosselfingen aufgeführt wird. Doch wie war es überhaupt dazu gekommen?

Vergessen Sie, wie Grosselfingen heute aussieht. Wir reisen zurück in das Jahr 1418. Konrad von Bubenhofen kauft den Ort mitsamt der dortigen Hainburg. Damit begann eine gut 100-jährige Geschichte, in der drei Generationen von Bubenhofen Ortsherren in Grosselfingen und Inhaber der Herrschaft Hainburg waren, und in der wohl die Ursprünge des Grosselfinger Narrengerichts liegen. Konrad von Bubenhofen (auch Konrad der Ältere genannt), sein Sohn Konrad der Jüngere und schließlich Hans Heinrich von Bubenhofen (er starb 1522 und liegt im Kloster Bebenhausen begraben), sorgten dafür, dass aus einem Kuhdorf - ab 1420 immerhin mit "Neuem Schloss", denn die Herren von Bubenhofen wollten "modern" wohnen - ein Jahrhundert später ein eigener Pfarrort (ab 1472) mit Marktrecht und Hochgerichtsbarkeit (1505) geworden war.

Die Herren von Bubenhofen waren reich und einflussreich, und sie mehrten beides. "Im 15. Jahrhundert und im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts waren sie eine der reichsten Familien Schwabens", stellten die Brüder Beck fest. Mit 15 Gulden pro Jahr habe ein Edler damals einigermaßen seinen Lebensunterhalt bestreiten können; Hans Caspar von Bubenhofen und Wolf von Bubenhofen hatten jeweils 960 Gulden zur Verfügung, Graf Eitel Fritz im nahen Hechingen 1000. Betrachtet man allerdings die Familien, so lagen die Herren von Bubenhofen mit 3200 Gulden klar vorn, die Zollern folgten mit nur 1000 Gulden gerade einmal auf der fünften Stelle.

Schon Konrad der Ältere ließ in Grosselfingen - und rund um das Neue Schloss - sechs Weiher anlegen. "Der größte davon hätte die ganze damalige Hechinger Oberstadt bedecken können. Die langen Dämme, gut 600 Jahre alt, sind immer noch gut auszumachen." Diese Weiherlandschaft, wirtschaftlich genutzt und sicherlich auch als Schutz gedacht, muss in der kleinen Landgemeinde Grosselfingen gewaltig ausgesehen haben.

Groß war - und ist - auch der Marktplatz, den Hans Heinrich von Bubenhofen anlegen ließ: doppelt so groß wie der (später geschaffene) Hechinger Marktplatz, sogar noch größer als der Hechinger Schlossplatz. Die Brüder Beck sprechen von der "Idealanlage eines Marktplatzes": mit gleichmäßigen Seitenflächen, gleich großen Grundstücken drum herum, zwei schmalen Zugängen, die sich abriegeln ließen, und einem etwas vorgesetzen - und damit dominierenden - Rathaus (heute das alte Gesellenhaus).

Möglicherweise war es die Pest, vielleicht aber auch ein anderes "lokales Ereignis", das die Bevölkerung schwer traf. Die Herren von Bubenhofen zumindest weilten sicher im weit entfernten Venedig. Als sie zurückkamen, wollten sie den Grosselfingern neuen Lebensmut spenden, nur frohe und zufriedene Untertanen sind schließlich gute Untertanen. Und so erteilten sie das Privileg, ein Narrengericht abzuhalten. Das "Venezianische Reich" hielt Einzug.

Spielort war wohl am Bilderbrunnen, der "Badstube", bei der Wendelinuskapelle (diese steht heute noch direkt an der Ortsdurchfahrt). Unter war der Brunnen, das Gelände darüber wurde terrassenförmig angelegt, von dort aus hatten die Zuschauer einen guten Blick. Erst als in unserer Zeit das neue Rathaus gebaut wurde, wurde der Brunnen auf den Marktplatz verlegt.

Ob es Grosselfingen sogar zur Stadt geschafft hätte? Möglich wäre es. Doch Hans Heinrich von Bubenhofen starb 1522, ohne einen Erben zu haben. Nach kurzem Zwischenspiel unter den Herren von Weitingen wurden Grosselfingen und die Herrschaft Hainburg 135 Jahre später an die Hohenzollern verkauft. Und die hatten kein Interesse an Konkurrenz. Grosselfingen wurde wieder zum einfachen Dorf, nur das Marktrecht blieb. Und das einmalige Narrengericht.

"Die Herren von Bubenhofen", so die Brüder Beck, "haben die Voraussetzung dafür geschaffen, dass das Narrengericht überhaupt entstehen konnte." Noch stehen einige wenige Gebäude und Strukturen, gerade der Marktplatz blieb mehr oder weniger unverändert. "Er ist in baden-württembergischen Landgebieten eine absolute Rarität." Doch die Becks sehen das, was noch erhalten ist, in "Gefahr".

Das Narrengericht selbst aber hat in all den Jahrhunderten nichts von seiner Ursprünglichkeit verloren. Inzwischen hat es das Spiel sogar auf die deutsche Liste als anerkannt bestes Praxisbeispiel eines immateriellen Kulturerbes geschafft. Die deutsche Unesco-Kommission will im Frühjahr über den Antrag entscheiden.

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