Hechingen Eine Mehrheit will Jogi Löw nicht mehr

Hechingen / Von Sabine Hegele und Hardy Kromer 29.06.2018
Wie weiter, deutscher Fußball? Der Rückhalt für Bundestrainer Joachim Löw in der Fangemeinde schwindet.

Dass die Frage kommen würde, war nach dem frühen Aus der deutschen Nationalelf bei der Fußball-Weltmeisterschaft klar: Soll Bundestrainer Joachim Löw (dessen Vertrag noch bis 2022 läuft) im Amt bleiben – oder nicht? Ex-Fußballprofi Mario Basler hat sich dazu schon klar geäußert: Jogi soll bleiben. Wie sehen das die Fußballexperten in der Region?

Axel Heiner, Jugendleiter beim FC Steinhofen, hält es wie Basler: „Löw muss weitermachen“, sagt er. Zwar sei er derjenige, der für die Kaderplanung zuständig ist, auf dem Platz aber stehen die Spieler – und die hätten es in den Vorrundenspielen der WM am Einsatz fehlen lassen. Ganz anders beim letztjährigen Confed-Cup, erinnert sich Heiner – und ebenso beim letzten „ordentlichen Qualifikationsspiel“: Da trafen die DFB-Kicker in Stuttgart auf Norwegen und machten sechs Kisten.

Nach Meinung des Jugendleiters braucht es dennoch einen Umbruch – „und warum nicht mit Jogi Löw?“ Die Frage sei doch vielmehr, ob der Schwarzwälder nach zwölf Jahren im Amt noch die Kraft und die Ausdauer dafür hat. Wenn nicht, was dann? „Dann braucht es einen Trainer, der junge talentierte Fußballer zu Nationalspielern formen kann“, sagt Heiner – dem dazu nur zwei Namen einfallen: Christian Streich („der es aber nicht machen wird“) und Jürgen Klopp. Vielleicht auch Ralph Hasenhüttl, nur fehle es dem noch an der nötigen Reputation.

Noch eines zuletzt: Das Ausscheiden des DFB-Teams bereits nach der Vorrunde hat Axel Heiner nicht überrascht. Das habe sich abgezeichnet. Weiterverfolgen wird er die WM trotzdem, wobei er Kroatien und Frankreich ganz vorne sieht.

David Gucwa ist ebenfalls Jugendleiter, allerdings beim FC Killertal, und er teilt Heiners Meinung nicht: „Jogi soll gehen. Nach zwölf Jahren ist es Zeit für frischen Wind.“ Am besten mit einem jüngeren Trainer, der auch altersmäßig näher dran ist an den Spielern. In zwei Jahren dann, hofft Gucwa, soll sich zur Europameisterschaft ein gut eingespieltes neues Team mit einem neuen Trainerstab präsentieren – und natürlich siegen. An wen er da als möglichen Coach denkt? „So vom Typ her an einen Tuchel oder Nagelsmann.“

Einig ist sich David Gucwa mit Axel Heiner in Sachen frühes Aus: „Diese Befürchtung hatte ich nach den ersten zwei Spielen gegen Mexiko und Schweden. Beide Male hat die Mannschaft ihr Potenzial nicht abrufen können.“ Dazu komme, dass Jogi Löw „falsch aufgestellt“ habe – nachdem er Gucwas Einschätzung nach zum Teil schon „falsch nominiert“ habe. Wem er jetzt den Titel gönnen würde? Belgien.

Falsch aufgestellt, falsch nominiert: Da geht auch Stefan Ermantraut mit, der den FC Hechingen eben als Trainer in die Bezirksliga geführt an. „Wenn sich Joachim Löw beim Stand von 0:0 gegen Südkorea umgedreht hat, dann hat er auf der Bank keinen Sané und keinen Götze gesehen, die diesem Spiel gutgetan hätten. Für Ermantraut waren zu viele Altgediente auf dem Platz, die ihre Leistungen nicht abrufen konnten. An Löw allein will der FC-Coach die Misere aber nicht festmachen: „Der ganze Stab hat Fehler gemacht. Es gibt beim DFB ganz viel aufzuarbeiten.“ Und so fordert Stefan Ermantraut seinen prominenten Kollegen zwar nicht zum Rücktritt auf („Das tut man als Trainer nicht“), macht aber keinen Hehl daraus, dass er einen Neuanfang mit einem neuen Trainerteam begrüßen würde.

Hechingens fußballbegeisterter Stadtpfarrer Michael Knaus wählt – keine Überraschung – eine seelsorgerisch anmutende Betrachtungsweise: Joachim Löw, so meint er, müsse letztlich „mit sich selber in Klausur gehen“ und sich ganz ehrlich fragen: „Kitzelt es mich tatsächlich so, dass ich es nochmal machen soll?“ Des Pfarrers Empfehlung an den Bundestrainer lautet: „Zur persönlichen Ehrenrettung würde ich es nicht machen.“

Knaus selbst wird trotz des frühen deutschen Ausscheidens mit guten Erinnerungen auf die WM zurückblicken: Jeweils zwischen 40 und 70 Leute haben im Pfarrhaus gemeinsam die Spiele der DFB-Elf gesehen. „Es sind mal wieder Generationen zusammengekommen. Das fand ich gigantisch. Denn das passiert so selten.“ Klarer Fall für ihn: In zwei Jahren wird man es wieder so machen: „Nach der WM ist vor der EM.“ Und bis dahin wird sich auch die deutsche Mannschaft neu sortiert haben, ob mit Jogi oder ohne.

Immerhin keine Miesen gemacht – und jetzt halt Frankreich

Im „Quartier Neustraße“ werden die Zelte – sprich: die Großbildleinwand für die WM – abgebaut.

„Schade“, sagt Marc Unger, „ich hätte mir sehr gewünscht, dass es weitergeht.“ Der Chef der Agentur Mono-Event und Veranstalter des Hechinger Public Viewing  spricht natürlich von der Fußball-WM, die für die deutsche Nationalelf am Mittwoch ein so jähes und unrühmliches Ende fand. Am Donnerstag teilten Unger und sein Kompagnon Marc Schuler von der Firma DWS Veranstaltungstechnik offiziell das Ende des Public Viewing mit. „Leider müssen wir das Handtuch werfen“, sagt Unger. Gemessen an der schwachen Leistung der deutschen Nationalmannschaft sei der Besuch der Fußballfans im „Quartier Neustraße“ ausgesprochen gut gewesen. Bei drei Spielen mit deutscher Beteiligung zählten die Veranstalter insgesamt 1300 Besucher. Auch beim desaströsen Spiel gegen Südkorea waren es noch 400 Gäste. „Aber WM-Feeling ist einfach nicht aufgekommen“, bedauert Unger. Das „Glückstor gegen die Schweden“ hat zum Einstieg in ein neues Sommermärchen nicht getaugt.

„Aber wir sind zufrieden“, sagt der Gastronom und Promoter und frühere Pächter des „Schwarzbrenner“. Man habe jedenfalls „keine Miesen“ gemacht. Besonders freut sich Unger, dass das Feedback der Besucher durchweg positiv war. Der Getränkeservice sei sehr gut angekommen. „Das ist bei einem Public Viewing natürlich Luxus“, weiß er. Auch den Seifried-Imbisswagen hätten die Fußballfans sehr zu schätzen gewusst. Seinem Team, den vielen Servicekräften und Helfern im Hintergrund spricht Unger ein dickes Lob aus.

Dass die Fußball-WM jetzt ohne Public Viewing in Hechingen weitergeht, haben sich die Veranstalter gut überlegt. Obwohl Marc Schuler mit seiner Firma die Technik problemlos vorhalten könnte – eine Großbildleinwand hatte er in Hechingen, eine weitere in der Eishalle in Balingen aufgebaut – soll Schluss sein. „Alle andere wäre zu teuer und zu viel Aufwand“, erklärt Unger, denn das WM-Finale fällt sowieso mitten ins Irma-West-Kinderfest. „Dann gehen die Leute sowieso runter in den Weiher.“

Tja, und wen sieht eigentlich Marc Unger jetzt als neuen Fußball-Weltmeister? Er überlegt eine
ganze Weile. Brasilien? Frankreich? „Dann halt Frankreich“, sagt er und lacht. Andrea Spatzal

Und wie reagiert die Polizei?

Deutschland ist raus, kann die Polizei in Hechingen und Umgebung nun ebenfalls früher Feierabend machen? Natürlich nicht. „Wir bleiben im Einsatz“, sagt Thomas Kalmbach, mit zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Polizeipräsidiums Tuttlingen. Es gebe schließlich noch genügend sonstige Fußballbegeisterte. Und Kroatien oder Russland dürfen ja noch mitkicken. Deren Anhänger hier schätzen ebenfalls Fahrzeugkorso und
Hupkonzert. Stephanie Apelt

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