Rassistisch sei die deutschnationale, rechtsorientierte „Alternative für Deutschland“ (AfD). Außerdem richte sich die Programmatik der Partei massiv gegen Arbeitnehmerinteressen. Überaus gewerkschaftsorientiert, zu sehen an den vielen Fahnen, war der friedliche Protest von rund 250 Menschen am frühen Abend auf dem Marktplatz. Danach zogen die Demonstranten vor den Spitalhof, wo um 19 Uhr der Neujahrsempfang der Reutlinger AfD begann.

Mit einem starken personellen Aufgebot, Metallgittern und auch beritten verhinderte die Polizei dort die Begegnung zwischen AfD-Anhängern und Demonstranten. Diese zogen kurz vor dem  Treffen der Rechten weiter in Richtung Hauptbahnhof. Zuvor bauten sie eine symbolische Mauer aus Pappkartons auf, um gegen die ihrer Auffassung nach propagierte Ausgrenzungspolitik und Fremdenfeindlichkeit der AfD ein symbolisches Zeichen zu setzen.

Im Saal hatten sich derweil rund 150 AfD-Sympathisanten versammelt, die Rede auf Einladung des Reutlinger Kreisvorsitzenden Wolfram Hirt hielt der Polizist Michael Hess, der über innere Sicherheit und die Ängste der Bevölkerung dozierte. „30 Prozent der 14- bis 29-Jährigen haben heute ein Pfefferspray dabei“, so Hess. Hirt erinnerte eingangs an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 72 Jahren. „Ich darf als Politiker da nicht schweigen“, so Hirt.

Hauptredner der Demonstration auf dem Marktplatz, zu der die Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes (VVN-BdA) aufgerufen hatte, war der 1916 geborene Professor Theodor Bergmann. Der Sohn eines Berliner Rabbiners war 1938 nach Schweden geflohen und überlebte so den Nationalsozialismus. Noch gut bei Stimme geißelte der 1946 nach Deutschland zurückgekehrte Bergmann die soziale Ungerechtigkeit und den Militarismus.

Als „geschichtsvergessene Rechtsradikale“ bezeichnete Bergmann die AfD, denn nicht nur für ihn war es ein Affront, dass die Rechtspopulisten ihren Reutlinger Neujahrsempfang auf den 27. Januar gelegt hatten. Es ist der Tag, an dem das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz 1945 befreit wurde. Der gestern zu Grabe getragene Alt-Bundespräsident Roman Herzog hatte diesen Tag einst zum nationalen Gedenktag erklärt.

Reutlingens VVN-Vorsitzender und Linken-Stadtrat Thomas Ziegler erinnerte an die schrecklichen Geschehnisse und die Verbrechen von Auschwitz; ebenso wie an die Persönlichkeiten, die 1947 in der Region das antifaschistische Bündnis VVN gründeten, so an Albert Fischer und Fritz Wandel.

Ziegler dankte dem Reutlinger Jugendzentrum Zelle für die maßgebliche Organisation der Kundgebung. Sie hatte nicht nur die Flyer gemacht, sondern auch das Podium aufgebaut. Auf dem sprach neben anderen das gewerkschaftliche Urgestein Harry Mischke, der sich in einem flammenden Appell für mehr Solidarität aussprach. Solidarisch müsse man in diesen Zeiten „auch gegen jedes braune Gedankengut und den Rechtspopulismus vorgehen“. Mischke warnte eindringlich: „Die Wahlerfolge der AfD zeigen, dass deren Demokratiefeindlichkeit in der Gesellschaft angekommen ist.“ Es gelte gegen das „menschenverachtende Weltbild der AfD anzukämpfen“. Es sei schlimm, dass deren Anhänger offenbar auch nicht begriffen, dass die Programmatik der AfD, insbesondere deren Steuerpolitik, gegen die Interessen der arbeitenden Menschen gerichtet sei.

Es spielten Musiker, Fabian Schulten sprach für die Zelle. Er hat bei der AfD auch jede Menge Frauenfeindlichkeit ausgemacht, „obwohl die ja eine Frau an der Spitze haben“. Reulingens Linken-Stadträtin Jessica Tatti forderte eine wehrhafte Demokratie, die sich gegen jede Form von „Hetze, Militarismus und Rassismus wenden“ müsse.

Die Demonstranten verlagerten ihrer Präsenz danach zum Spitalhof, wo sie ein großes Polizeiaufgebot erwartete. „Schützen Polizisten wieder die Faschisten?“, riefen einige. Die Polizei indes, so deren Sprecher vor Ort, Michael Schaal, war mit der Einsatztaktik der Ordnungskräfte „voll zufrieden“. Mit den Absperrungen hin zum AfD-Veranstaltungsort Spitalhof sei es gelungen, anders als im Vorjahr, jede körperliche Auseinandersetzung zu vermeiden.