Hätten wir sie noch selber fragen können, ob sie einen Nachruf möchte, hätte Waltraud Ellinger sofort den Kopf geschüttelt. Lobhudelei und salbungsvolle Worte waren ihre Sache nicht. Die Hechingerin war eine geradlinige Frau. Sie war ein streitbarer Charakter, aber ihre Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit standen über allem. Am vergangenen Freitag ist Waltraud Ellinger im Alter von 78 Jahren gestorben.

Am Nikolaustag geboren

Am Nikolaustag des Jahres 1941 in Stuttgart geboren, wuchs Waltraud Ellinger in Vaihingen an der Enz und im Hohenlohekreis auf. Ihr Vater war dort am Landwirtschaftsamt tätig. Sie wuchs mit drei Geschwistern auf, die ihr im Tod vorausgegangen sind.

Waltraud Ellinger studierte und wurde Realschullehrerin, war unter andrem an den Realschulen in Vaihingen/Enz, Tailfingen und schließlich in Hechingen tätig. Relativ früh in ihrer beruflichen Tätigkeit nahm sie sich ihrer  kranken Mutter an, pflegte sie und war für sie da. Diese Bereitschaft, sich für ihre Mitmenschen einzusetzen, behielt Waltraud Ellingers Zeit ihres Lebens bei. Als Lehrerin war sie im Kollegenkreis wie auch unter den Schülerinnen und Schülern geschätzt und respektiert. Viele Jahre war sie als Vertrauenslehrerin mit dem Jugendamt vernetzt und nahm Jugendliche mit zum Teil schwierigen Biographien in ihre Obhut. Eine oft konfliktreiche Aufgabe, welche die Verstorbene jedoch nie scheute.

Von der Schule an den Tresen

Eher zufällig und spontan ist aus der engagierten Realschulleherin Ende der 80er-Jahre dann eine Wirtin mit Leib und Seele  geworden. Waltraud Ellinger übernahm 1987 das „Fecker“ und formte die Altstadtkneipe zu dem, was sie heute ist: ein uriges Wein- und Bierlokal, ein unverwechselbares Stück Hechingen und ein kleiner Kultur- und Schlemmertempel obendrein. Das 1877 von Johann Fecker aus Zimmern bei Bisingen eröffnete „Fecker“ wurde ausschließlich von der Familie betrieben, zuletzt von Maria Albrecht, genannt „Fräulein Fecker“, bevor mit Waltraud Ellinger dann erstmals eine Pächterin am Zapfhahn stand. Heute hat das „Fecker“ mit Pe Gantenbein-Mayer und Sandy Hirlinger zwei Wirtinnen, die der Altstadtkneipe und ihrer Geschichte alle Ehre machen.

Ein Herz für Christof Stählin

Viel Neues führte die neue „Fecker“-Wirtin nach und nach ein. Sie schuf eine Bühne für Kultur- und Kleinkunstveranstaltungen, lud regelmäßig Künstlerinnen und Künstler zu sich ein. Allein  das Theater Lindenhof aus Melchingen führte das Schwaben-Stück „Kenner trinken Württemberger“ an die 40 Mal im „Fecker“ auf. Oft war der Pianist und Kabarettist Frank Golischewski zu Gast, ebenso die Schweizer Sängerin Helen Vita oder natürlich der Hechinger Dichter und Liedermacher Christof Stählin. Zu ihm hatte Waltraud Ellinger eine so besondere Bindung, dass sie ihn in seinem letzten Lebensabschnitt betreute. Christof Stählin ist am 9. September 2015 in Hechingen gestorben. Nach seinem Tod war Waltraud Ellinger Mitbegründerin der Christof-Stählin-Gesellschaft und im Jahr 2017 Mitorganisatorin eines Gedächtniskonzerts für den Bundesverdienstkreuzträger.

Frauenkneipe ins Leben gerufen

Ganz neue Wege beschritt Waltraud Ellinger in Hechingen mit der Frauenkneipe. Einmal im Monat opferte sie ihren freien Mittwoch und lud explizit die Frauenwelt ins „Fecker“ ein. Birgit Kruckenberg-Link, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Herrenberg und Mitglied der Fraueninitiative Hechingen, schreibt: „Der Tod von Waltraud Ellinger macht uns sehr betroffen. Als Fraueninitiative haben wir über so viele Jahre im ,Fecker’ ein Programm für Frauen gemacht. Daraus sind die ,Herben der Provinz’ hervorgegangen. Waltraud Ellinger hat uns sehr vertrauensvoll unterstützt und wir haben die Abende mit ihr in allerbester Erinnerung. Es war etwas Besonderes mit einer ganz besonderen Frau!“

Mit Waltraud Ellinger hielt damals auch die Kulinarik Einzug ins „Fecker“. Kochen war eindeutig eine ihrer liebsten Leidenschaften. Sie brachte einmal die Woche ein schmackhaftes, preisgünstiges Mittagessen auf den Tisch. Indem sie Bierstengel und hart gekochte Eier auf jeden Tisch stellte, schuf sie außerdem ein unverwechselbares Arrangement, das bis heute zum „Fecker“ gehört. Ihre Kochkünste stellte sie auch der evangelischen Kirchengemeinde Hechingen, deren Mitglied sie war, gern zur  Verfügung. Viele Jahre steuere Waltraud Ellinger einen erheblichen Anteil zu den großen gemeinsamen Mittagessen bei den jährlichen Gemeindefesten auf dem Schlossberg bei.

Einmal rund um die Welt

Ein Unglücksjahr war 2008. Bei den verheerenden Überschwemmungen in jenem Sommer wurde ihr hübsches Architektenhaus an der Mühlstraße arg in Mitleidenschaft gezogen. Eine ihrer beiden geliebten Katzen ertrank in den Fluten.

Im Jahr 2005 setzte sich Waltraud Ellinger zur Ruhe. Zusammen mit ihrem treu verbundenen Lebensgefährten Harald Wohlschieß ging sie jetzt viel auf Reisen. Das Paar bereiste ferne Länder wie Peru, Mianmar, Butan, Nepal und Äthiopien. Aber auch die Natur direkt vor der Haustür wurde auf ausgedehnten Wanderungen erkundet. „Sie liebte die Natur und kannte sich gut mit Blumen aus“, sagt Harald Wohlschieß. Ihre letzte Ruhe wird die Verstorbene im RuheForst Zollerblick finden.

Das könnte dich auch interessieren: