Boll Ein zweites Leben schenken

SWP 28.10.2014
Ingo Pufke, Arzt aus Hechingen, hielt beim Landfrauenverband Zollernalb im Landgasthaus "Kaiser" in Boll einen engagierten Vortrag über das Thema: "Organspende - heute noch notwendig?"

Nach den Transplantations-Skandalen ist es ruhig um die Organspende geworden. Es wurde fast schon zum Tabuthema. Es ist aber nach wie vor so, dass sehr kranke Menschen auf ein Spenderorgan angewiesen sind. Die Zahl derer, die es ihnen ermöglichen könnten, ist jedoch drastisch zurückgegangen. Nur mit Aufklärung kann dem Rückgang der Organspende entgegengetreten werden.

Der Allgemeinmediziner Dr. Ingo Pufke, der sich schon viele Jahre mit der Thematik befasst, widmete sich in seinem Referat den Fragen: Welches Organ kann man spenden, wer braucht ein Organ und wie läuft eine Organspende ab?

Niere, Pankreas/Inselzellen, Leber, Herz/Lunge, Dünndarm, Gewebe, Hornhaut, Extremitäten und Knorpelentnahme lassen sich von Fachärzten transplantieren, erklärte der Mediziner. Bei schweren Krankheiten könnte eine Organverpflanzung für den Patienten ein zweites Leben bedeuten. Die einfachste Transplantation für die Operateure wäre die Herz-Verpflanzung. Sie müsste allerdings sehr schnell (in vier Stunden) erfolgen.

Schwieriger und mit Alterseinschränkungen stellten sich Lungentransplantationen dar. Neue Hoffnung erhielten Dünndarm-Erkrankte durch Professor Königsrainer, der als einziger Arzt in Deutschland am Tübinger Universitätsklinikum operiert.

Nach der detaillierten Vorstellung der Geschichte der Transplantation folgten Ausführungen zur Organentnahme. "Einzig und allein auf einer Intensivstation wird festgestellt, ob der Patient hirntot ist", machte der Referent deutlich. Dies würde von zwei unabhängigen Ärzten und einem Staatsanwalt nach Protokollen überprüft und festgestellt. Personen also, die zum Beispiel bei Autounfällen am Unfallort sterben, können keine Organspender sein. Nur einer von Hundert komme auf die Intensivstation. Darauf würde die DSO (Organisation der Organspende in Deutschland) eingeschaltet.

In Baden-Württemberg gibt es Stützpunkte in Ulm, Freiburg und Heidelberg. Im Stuttgarter Zentrum der DOS erfolgt die Koordination. Dann werde mit den Angehörigen gesprochen und Kontakt mit Eurotransplant in Leiden (Niederlande) aufgenommen. Die technischen, namenlosen Daten des Patienten würden übermittelt. Die Suche nach einem passenden Empfänger beginne. Im nächsten Schritt folgt der Organtransport (auch über Ländergrenzen hinweg), der eine enorme Logistik erfordere. Für die Explantation gäbe es keine Altersbeschränkung. Immer mehr ältere Menschen erhielten aus dem "Old-for-Old-Programm" ein neues, gleichaltes Organ eingesetzt. Neu sei, dass es eine Prüfkommission unter dem Dach der Bundesärztekammer für die Transplantation-Zentren gibt.

Dr. Pufke stellte den Zuhörern sodann einen Organspende-Ausweis und die gesetzlichen Regelungen für die Organentnahme in Europa vor. Dafür kommen drei Lösungen (Entscheidung, Widerspruch, Zustimmung) in Betracht. Wer sich für Widerspruch entscheide, spreche sich gegen eine Organspende aus. Bei fehlender Angabe im Ausweis sei man Spender. Für deutsche Urlauber in verschiedenen Urlaubsländern gelte: Wenn man nicht vorher ausdrücklich widersprochen hat, ist man automatisch Organspender.

Über 82 Prozent der Deutschen haben keinen Organspende-Ausweis, gab der Mediziner zu bedenken und betonte, dass auch alle großen Kirchen bei der Organspende an einem Strang ziehen und sich dem Credo der DOS angeschlossen haben: "Wir tun etwas Gutes."