Region Ein Wahnsinns-Biersommer

Region / MATTHIAS BADURA 25.08.2015
Was für ein Wahnsinns-Sommer war das. Sehr bekömmlich für den Bierliebhaber! Da müssten die Brauereien Rekordumsätze gemacht haben. Die HZ fragte nach - und stieß dabei auf eine Erfolgsgeschichte.

Früher gab es unzählige Brauereien, fast jedes Dorf hatte eine, teils mehrere, denn die Wirtshäuser brauten ihr Bier zumeist selbst - so wie es in Hechingen die "Domäne" mit großartigem Erfolg heute noch tut. Die ganz Alten werden sich womöglich noch an die Burladinger Lindenbrauerei erinnern, die Alten an die Tailfinger Hanna-Brauerei und die Älteren daran, dass Haigerlocher Schlossbräu einst in Haigerloch gebraut wurde, dort das Stammhaus stand.

Inzwischen existiert nur noch ein großer Bierhersteller im Zollernalbkreis: die Lehner-Brauerei in Rosenfeld. Die, man darf es sagen, schwimmt derzeit auf einer grandiosen Sympathiewelle. Ihre Genussrechte, die sie letztens anbot, um den Umbau des Kesselhauses bequem finanzieren zu können, waren ihr aus den Händen gerissen, noch ehe der Verkauf richtig begonnen hatte.

Haigerlocher Schlossbräu kann man immer noch kaufen, obwohl inzwischen nicht einmal mehr der Baukörper der Braufirma an der Eyach steht. Der Gerstensaft wird heute von der Dinkelacker-Schwabenbräu GmbH produziert.

Ist da eigentlich noch echtes Haigo drin oder steht das nur drauf? - darüber entbrannte kürzlich leidenschaftlicher Streit im Ringinger "Hirsch", jener Gaststätte, die einst den größten Absatz des Bieres im gesamten Vertriebsgebiet hatte. "Das ist dasselbe wie beim Wulle-Bier", krakelten die einen, "da ist nichts echt, außer dem Etikett!" "Das muss original sein, sonst dürften sie es nicht drauf schreiben", hielten andere dagegen. Die HZ fragte nach. Wobei es praktisch war, dass beide Biere von der Dinkelacker-Schwabenbräu hergestellt werden.

Wie Marketingleiter und Prokurist Stefan Seipel in dem Gespräch klar stellte, werden beide Biere nach altem Rezept gebraut. Allerdings, räumte er ein, sei da geschmacklich wegen des anderen Wassers und veränderten Brautechnik schon ein Unterschied zu früher. Gerade das aber gereiche Wulle zum Vorteil. "Keiner wusste mehr wie's schmeckt. Das war 37 Jahre vom Markt, da gab es nur noch die Legende und alte Geschichten." Es sei "das Bier des Großvaters gewesen", der dem Enkel auf dem Schoß davon erzählte, nicht das Bier des Vaters, dessen Sitten man als Teenager eher ungern übernimmt.

Wulle, nachdem man sich 2008 entschieden hatte, es wieder zu beleben, habe dann mit einer Wucht eingeschlagen, die niemand, aber auch gar niemand erwartet hatte. In der Sparte "Vollbier hell" ist es das am Drittmeisten verkaufte Bier in Deutschland: 60 000 Hektoliter pro Jahr. Es sei ein Bier für Traditionalisten, habe aber gleichwohl eine jugendlich-moderne Anmutung, schwärmt Seipel.

Da kann Haigerlocher Schlossbräu nicht mithalten. Es wird vor allem im Zollernalbkreis getrunken. Zum Knaller eignet es sich nicht, meint der Prokurist. Es habe eben nicht diese legendäre Aura. Das Bier, verrät Seipel, wurde bei der Übernahme der Schlossbrauerei nur deshalb im Sortiment gelassen, weil sein Unternehmen befürchtete, sich im Mittelbereich Hechingen den Ruf des Plattmachers einzuhandeln: Jetzt nehmen uns die Stuttgarter auch noch unser Bier weg.

Und wie war der Verkauf in diesem Hitzerekordsommer? Geschäftsführer Egon Stehle von der Lehner-Brauerei sagt, im Sommer verkaufe man wegen des Urlaubs pauschal weniger, auch sei es beinahe zu heiß gewesen. Da greifen die Menschen eher zum Sprudel. Stefan Seipel stimmt insofern zu, als er sagt, 24 Grad wären das "beste Bierwetter. Aber die vielen langen, lauen Abende, die ganzen Partys - "die haben uns schon gut getan." Thomas Lacher, Geschäftsführer der "Domäne", war gestern kurzfristig nicht zu erreichen. Angesichts der gelungenen Veranstaltungen in der "Domäne" ist aber davon auszugehen, dass dort auch nicht vorwiegend Milch getrunken wurde.