Hechingen / Matthias Badura Ein Mann filmte kleine Mädchen, sammelte Tausende digitaler Schmuddelfotos. Er wurde nun verurteilt.

Der ältere Herr, der am Donnerstagmorgen im Ringelpulli den Gerichtssaal in der Heiligkreuzstraße 2 betrat, wirkte freundlich; ein Vater zweier erwachsener Söhne, sympathisch, vertrauenserweckend, hilfsbereit.

Auf den ersten Blick nicht vorstellbar, dass er zwei Mädchen in Hechingen unter den Rock gefilmt und eine riesige Menge von kinderpornographischem Material besessen haben soll.

Übler Trick gelang zwei Mal

Genau das warf ihm die Staatsanwältin jedoch vor. Ihrer Darstellung nach ließ der Angeklagte im Jahr 2017 auf einem Hechinger Spielplatz Plastikchips fallen, weil er damit rechnete, dass eine Vierjährige in einem Sommerkleidchen sich danach bücken würde – und er seine laufende Digitalkamera auf den Schritt des Mädchens richten könnte. Das gelang ihm auch. Als die Mutter der Kleinen entsetzt bemerkte, was vor sich geht, war es zu spät.

Denselben Trick soll der heute 66-Jährige kurze Zeit später anderswo in Hechingen nochmals angewandt haben. Wieder mit Erfolg.

Hat es sich so zugetragen? Zweifel kamen erstens nicht auf, weil die Mutter des Kindes vom Spielplatz den Vorfall in der Verhandlung glaubhaft schilderte. Seither, schluchzte die Frau, habe sich ihr Leben verändert. Sie lasse die Tochter nicht mehr aus den Augen, sei stets in Angst und Sorge. „Man geht immer vom Schlimmsten aus.“

Zweifel regten sich auch deshalb nicht, weil der Angeklagte die Filmaufnahmen und den Besitz der kinderpornografischen Fotos aus dem Internet von Anfang an zugab.

Jedoch habe er, lautete seine Erklärung, das Material nicht gefilmt und gesammelt, um sich daran zu ergötzen oder zu befriedigen. Nein, er sei, so wollte sich der Mann verstanden wissen, auf einem Kreuzzug gegen die ihm verhasste und widerwärtige Kinderpornographie. Seit vielen Jahren sammle er Daten und Beweise, um den Hintermännern das Handwerk zu legen.

Er habe, fuhr er fort, die Ermittlungen und die Recherche in die eigene Hand genommen, da außer ihm selbst niemand gegen den Missstand vorgehe. Auch die selbst gefilmten Aufnahmen der beiden Mädchen und weitere Fotos anderer Kinder hätten diesem Zweck gedient. „Ich wollte auf das System hinweisen, wie der Machtmissbrauch funktioniert und wie die Leute reagieren. Ich bemühe mich um Massenaufklärung.“

Der 66-Jährige, der schon viele Jahre ohne Erwerb ist und sich selber als „Rechtsjournalist und Konfliktmanager“ bezeichnete, behauptete sogar, ein anerkannter Experte zu sein, dessen „Know-how“ im Ausland in Anspruch genommen werde. „Ich habe Tausende von Kontakten. Experten sind fasziniert von dem, was ich tue.“ Nur im eigenen Land wisse man sein Engagement nicht zu würdigen.

Er selber, beharrte er, sei kein Konsument von Kinderpornographie. „Mich turnt die Sache sogar ab.“ Daher frage er sich, wie es sein könne, „dass man mich behandelt, als ob ich ein geiler alter Sack wäre, der sich an Kindern befriedigt. Es ist unglaublich“, empörte er sich.

Der Angeklagte sprach dabei im Brustton der Überzeugung und mit Vehemenz, er zeigte auch in keinem Augenblick mit keinem Wimpernschlag Verständnis für die Familien der Mädchen, die er gefilmt hatte. Die weinende Mutter verhalte sich irrational, meinte er. Alles sei im Sinne einer höheren Mission geschehen. So konnte zeitweise ein verstörender Eindruck entstehen – nämlich, dass der Mann wirklich glaubt, was er da erzählt.

Die Staatsanwältin glaubte ihm indessen nicht. Sie hielt die Geschichte von der Recherche und der Öffentlichkeitsarbeit für eine „Schutzbehauptung“ und forderte, den Angeklagten zu einer Geldstrafe zu verurteilen.

Amtsrichter Dr. Weyl schloss sich dieser Sicht an. Wie fest stehe, habe sich der 66-Jährige Kinderpornographie beschafft. Das sei grundsätzlich strafbar – ganz abgesehen davon, dass er plante, sie im Rahmen seiner vorgeblichen Aufklärungskampagne weiter zu verbreiten. Warum man eigentlich Tausende dieser Fotos brauche, wenn man doch gegen sie vorgehen wolle? Diese Frage konnte der Angeklagte dem Vorsitzenden nicht beantworten.

Ihn lasse Kinderpornographie kalt? Der Richter kaufte dem Angeklagten auch diese Geschichte nicht ab, nachdem die Polizei bei ihrer Hausdurchsuchung Hunderte weiterer Digital-Fotos mit Erwachsenen-Pornos, aber auch Tierpornographie bei dem Angeklagten gefunden hatte.

„Lassen Sie sich helfen.“

Der Richter legte dem 66-Jährigen nahe, diese Art Recherchen zum Schutz der Öffentlichkeit künftig zu unterlassen. Im Hinblick auf seine – inzwischen gelöschte – Pornographiesammlung und auf das, was sich seelisch dahinter verbirgt, lautete Weyls Rat: „Lassen Sie sich selber helfen.“

Abschließend verurteilte der Amtsrichter den Mann zu einer Strafe von insgesamt 2250 Euro, zahlbar in Raten.

Da der hoch verschuldete 66-Jährige vom Einkommen seiner Frau lebt, also über kaum Geld verfügt, hatte Weyl nicht höher gehen wollen. Hinzu kommen jedoch die Kosten des Verfahrens, die der Verurteilte ebenfalls tragen muss.