Jungingen Ein Leben lang die Raute im Herzen

Jungingen / HARDY KROMER 03.08.2012
Der VfB Stuttgart und Bayern München sind nicht ihr Ding. Der Junginger Achim Bumiller und seine Mitstreiter vom Fanclub „Borussia-Power Schwaben“ folgen seit 20 Jahren den Gladbachern durch die Arenen der Republik.

„Netzer, Vogts und Heynckes Jupp holen den Europacup“: So lautete in den glorreichen Siebziger-Jahren ein Schlachtruf der Fans von Borussia Mönchengladbach, jenes Vereins vom Niederrhein, der sich damals mit begeisterndem Konterfußball zum großen Gegenspieler des FC Bayern München aufschwang. In jener Ära brannte sich die schwarz-weiße Raute im Vereinswappen der Gladbacher auch in das Herz des damals jugendlichen Fußballfans Achim Bumiller ein.

Idol des Jungingers war dabei aber weder Netzer noch Heynckes, sondern Rainer Bonhof, jüngstes Mitglied der deutschen Weltmeistermannschaft von 1974 und berühmt für seine knallharten Freistöße, die er in legendären Europacupnächten ins Liverpooler Tor drosch. „Seinetwegen bin ich Gladbach-Fan geworden“, erinnert sich der heute 48-jährige Achim Bumiller. „Und weil ich auf keinen Fall Bayern-Fan sein wollte wie mein Bruder“, der in der regionalen Fußballszene bekannte Junginger Senior-Torwart und Jugendleiter Bernd Bumiller.

Nach vielen Jahren als ganz privater VfL-Anhänger gründete Achim Bumiller dann 1992 zusammen mit einigen Gleichgesinnten den Fanclub „Borussia-Power Schwaben Hohenzollern“. Und jetzt feiert der Verein, einer der aktivsten Gladbach-Fanclubs Süddeutschlands, sein 20-jähriges Bestehen. Der Präsident ist noch immer derselbe wie vor zwei Jahrzehnten: Achim Bumiller.

„Die Gründung war eine Trotzreaktion“ erinnert sich der Mann, der in der Szene als „VfL-Gi“ bekannt ist. Auslöser war das DFB-Pokalfinale 1992, das die Borussia mit 3:4 im Elfmeterschießen gegen den damaligen Zweiligisten Hannover 96 verlor.

Von den Gründungsmitgliedern, zu denen etliche Junginger zählten, ist heute außer Bumiller nur noch einer dabei: Axel Schmidt aus Ringingen. Aktuelle Aktivposten des Clubs sind neben dem Chef der Weildorfer Harald Schädle und der Nehrener Adolf Keck. Sie organisieren Eintrittskarten und Bustickets und andere Aktivitäten wie das alljährliche Weihnachtsfest oder das Grillfest im Sommer.

Etwa 15 Leute zählen zum „harten Kern“ des Clubs, der pro Saison rund 15 bis 20 Gladbach-Spiele besucht. Die Aktivitäten, sagt Bumiller, seien im Laufe der Jahre eher mehr geworden: „Je oller, desto doller.“ Alle paar Wochen geht’s nach Mönchengladbach in den Borussia-Park. Für Block 17 in der Nordkurve, wo die eingefleischtesten Fans der Borussia stehen, hat der hohenzollerische Fanclub sieben Dauerkarten gebucht. Beinahe noch präsenter sind die Schwaben bei den Auswärtsspielen ihres Klubs. „Im Süden“, sagt Bumiller, „nehmen wir alles mit.“

Im vergangenen Jahr haben die „Borussia-Power-Schwaben“-Leute gleich eine ganze Reihe von glanzvollen Auftritten ihrer Idole live im Stadion miterlebt: angefangen vom Relegationsspiel in Bochum, mit dem sich die Borussia am Ende der vorletzten Saison vor dem Abstieg gerettet hat, über den sensationellen 1:0-Sieg beim FC Bayern und den 5:0-Heimsieg gegen Werder Bremen bis zum nicht minder umjubelten Heimsieg gegen Schalke 04.

Als ob die Elf von Trainer Lucien Favre ihren schwäbischen Fans ein besonderes Geschenk zu deren 20. Jubiläum bereiten wollte, spielte sie zuletzt eine Saison, die nicht nur Achim Bumiller als „ganz außergewöhnlich“ empfunden hat: Erstmals seit 1995 hat sich die Borussia wieder für das internationale Geschäft qualifiziert. Und Bumiller staunt über die Extreme, die man als Fan durchzumachen hat: „Es ist kaum zu glauben. Vor einem Jahr noch Relegation in Bochum – und jetzt Champions-League-Qualifikation.“ Die schwäbischen Anhänger, die ihrer Mannschaft einst treu durch eher trostlose Zweitliga-Stadien gefolgt sind, stellt das vor ganz neue Herausforderungen. „Wir wollen nächste Saison auch international präsent sein“, haben sich der 48-Jährige und seine Mitstreiter vorgenommen.

Internationale Kontakte pflegen die Borussen-Fans aus der Region übrigens schon bisher. Dem Gladbach-Fanclub in der Schweiz sind die Schwaben ebenso freundschaftlich verbunden wie den Fans des FC Liverpool, mit denen sie in Mönchengladbach immer mal wieder Party machen. Die Anhänger beider Klubs sind Freunde, seit die Gladbacher die Liverpooler nach der Stadion-Katastrophe von Hillsborough 1989 solidarisch unterstützt haben – „you’ll never walk alone“.

Jetzt wird also nach Europa ausgeschwärmt, aber wie soll das klappen ohne Marco Reus, ohne Dante, ohne Neustädter? Waren die Abgänge, die Gladbach in der Sommerpause erlitten hat, nicht zu schmerzlich? Achim Bumiller hat dazu eine dezidierte Meinung: „Wir werden nächste Saison nicht schwächer sein.“ Schließlich habe die Borussia ihrerseits auf dem Transfermarkt „ordentlich zugeschlagen“ und mit dem niederländischen 14-Millionen-Mann Luuk de Jong, mit Peniel Mlapa von Hoffenheim, mit dem Schweizer Großtalent Granit Xhaka und mit Alvaro Dominguez von Atletico Madrid „ein paar Granaten verpflichtet“. Und außerdem hält Bumiller „die Weiterverpflichtung von Lucien Favre für wichtiger als die eines jeden Spielers“. Ja, der Schweizer Trainer wird von allen VfL-Fans geliebt und geschätzt.

Wie es sich für einen echten Schlachtenbummler gehört, hat Bumiller seine Borussia vor Wochenfrist im Sommertrainingslager in Rottach-Egern aufgesucht und sich beim 4:2-Testspielsieg gegen 1860 München von der guten Frühform des Teams überzeugt. Ein neues Souvenir hat der „VfL-Gi“ auch mitgebracht: ein Foto, das ihn mit Kapitän Filip Daems und dem neuen holländischen Torjäger zeigt (siehe oben). Mögen die Starkicker ihr Glück mal hier, mal dort suchen, für Bumiller und Co. gilt: „Einmal Gladbach, immer Gladbach.“


Zur Person

Achim Bumiller ist seit 1970 Mitglied beim SV Jungingen und absolvierte 650 Spiele in der 1. Mannschaft des Vereins – so viel wie kein anderer. Sportlicher Höhepunkt seiner Kickerkarriere: ein Jahr Landesliga in den 80er-Jahren. Ende der 90er-Jahre war er drei Jahre lang Co-Trainer der 1. Mannschaft. Nach Gründung des FC Killertal war er zwei Jahre lang Trainer der 2. Mannschaft. Bis heute kickt er bei den Alten Herren des Vereins.

Mitglied bei Borussia Mönchengladbach ist der heute 48-Jährige seit 1995, drei Jahre nachdem er den Fanclub „Borussia-Power Schwaben“ gegründet hat. Seit 1999 besitzt er eine Dauerkarte für die Nordkurve im Gladbacher Stadion.


 

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