Hechingen Eigentlich wollte er Rabbiner werden

Elisabeth und Dieter Ilg erinnerten an den kürzlich verstorbenen Denker, Philosophen und Humanisten Walter Jens, der der Hechinger Synagoge stets freundschaftlich verbunden war. Foto: Antonia Lezerkoss
Elisabeth und Dieter Ilg erinnerten an den kürzlich verstorbenen Denker, Philosophen und Humanisten Walter Jens, der der Hechinger Synagoge stets freundschaftlich verbunden war. Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / ANTONIA LEZERKOSS 14.06.2013
Das Leben und Werk des Berthold Auerbach, beleuchtet von Rudolf Guckelsberger, war jüngst Vortragsthema in der Alten Synagoge. Außerdem erinnerte das Ehepaar Ilg an Walter Jens.

Berthold Auerbach zählte im 19. Jahrhundert zu den meistgelesenen deutschsprachigen Autoren, er war sozusagen das "Hätschelkind aller Salons von Berlin bis Wien". Doch schon 100 Jahre nach seiner Geburt war er vergessen und seine Bücher im Dritten Reich verbrannt. Die Veranstaltungsreihe "Literatur und Musik in der Alten Synagoge" wollte dazu beitragen, sein Leben und Werk vor dem Vergessen zu bewahren.

"Ich sehe dich vor mir, guter Tolpatsch, in deiner leibhaftigen Gestalt." So beginnen die Schwarzwälder Dorfgeschichten, mit denen Berthold Auerbach der Durchbruch gelang. Berthold Auerbach, eigentlich Moyses Baruch Auerbacher, wurde am 28. Februar 1812 in Nordstetten/Schwarzwald (bei Horb) geboren, besuchte 1824 die Talmudschule in Hechingen, die Rabbinerschule in Karlsruhe und begann 1832 in Tübingen Jura und Philosophie zu studieren. 1833 siedelte er nach München über.

"Alter: 20 Jahre. Gestalt: klein. Maß: 5 Schuh, 4 Zoll. Gesichtsfarbe: gesund. Bart: braun. Haare: braun. Augen: grau. " So heißt es in einem Gerichtsprotokoll über Berthold Auerbach. Ein Gerichtsverfahren, das sein Leben ändern sollte. Ursprünglich hatte der junge Berthold vor, Rabbiner zu werden - wie schon sein Großvater. Dann aber wurde er während seines Studiums eines frühen Morgens von der Polizei verhaftet. Weil er einer radikal-liberalen und somit staatsfeindlichen Burschenschaft angehörte, wurde er zu zwei Monaten Haft auf dem Hohenasperg, dem "Demokratenbuckel", verurteilt. Das war das Aus für seinen Berufswunsch.

Aus der Not heraus wendete sich Berthold Auerbach fortan der Schriftstellerei zu. Und wurde - eigentlich wider Willen - der populärste Autor seiner Zeit. Seit frühester Jugend wachte in Auerbach ein liberaler Geist und er erträumte sich einen deutschen, liberalen Nationalstaat mit allgemeinem Wahlrecht, Presse- und Versammlungsfreiheit.

Gemäß seinen Worten "Ich bin Deutscher, ich bin Schwabe und ich bin Jude" strebte er die Integration des Judentums in die christliche Welt an. Sein Sinn stand nach einem gleichberechtigten, gemeinschaftlichen Zusammenleben der Religionen in einem liberalen Nationalstaat.

"Wer nicht hinauskommt, kommt nicht heim." Hechingen, Tübingen, München, Weimar, Leipzig, Dresden, Berlin, Breslau und Wien waren Stationen seines ruhelosen Lebens. Mit seinem ersten Roman "Spinoza", 1837, scheiterte er. Doch mit seinem Volkskalender "Gevattersmann" und erst recht mit seinen "Schwarzwälder Dorfgeschichten" gelang ihm der Durchbruch. In diesen Erzählungen schildert er poetisch und doch realistisch bäuerliche Lebenswelten. Er beschreibt die Menschen, die Normen und Sitten einer dörflichen Gemeinschaft. Die naiv erscheinenden und doch künstlerisch in athmosphärischer Dichte durchgearbeiteten Geschichten aus dem Volk für das Volk kommen zu seiner Zeit sehr gut an und finden reißenden Absatz im In- und Ausland.

"Your works are read all over the world" schreibt ein amerikanischer Kritiker. Auerbachs Art zu schreiben wurde zur neuen Erzählgattung erhoben, an der sich unter anderen auch Balzac, Turgenjew, Tolstoi orientierten. Mit Erschütterung musste er gegen Ende seines Lebens den wachsenden Antisemitismus in Deutschland erleben. "Es ist eine schwere Aufgabe, ein Deutscher und ein deutscher Schriftsteller zu sein - und noch dazu ein Jude." Er starb 1882 in Cannes.