Hechingen Donnerwetter, tadellos saß des Kaisers Bart

Donnerwetter – tadellos: Das gilt auch für den kaiserlichen Schnauzbart von Eugen Hipp (Dritter von rechts) und die Bartfrisuren seiner Kollegen. Als einziger glattrasiert in der beeindruckenden Herrenreihe: Referent Ulrich Feldhahn (Mitte). Der Preußenkenner unterhielt in der Villa Eugenia ein großes Publikum.
Donnerwetter – tadellos: Das gilt auch für den kaiserlichen Schnauzbart von Eugen Hipp (Dritter von rechts) und die Bartfrisuren seiner Kollegen. Als einziger glattrasiert in der beeindruckenden Herrenreihe: Referent Ulrich Feldhahn (Mitte). Der Preußenkenner unterhielt in der Villa Eugenia ein großes Publikum. © Foto: Diana Maute
Hechingen / Diana Maute 08.09.2018

Sind sie wirklich alle sicher, dass sie heute Abend einen Friseurtermin haben? Diese nicht ganz ernst gemeinte Frage richtete der Berliner Kunsthistoriker Ulrich Feldhahn an die zahlreichen Zuhörer, die am Donnerstag in der Villa Eugenia Platz genommen hatten, um eine der schillerndsten Figuren im wilhelminischen Berlin kennenzulernen: François Haby, Hoffriseur Kaiser Wilhelms II. und große Unternehmerpersönlichkeit.

Joachim Wien, Vorsitzender des Fördervereins Villa Eugenia, freute sich, zum Vortragsabend mit haarigem Hintergrund auch mehrere Mitglieder des Bart- und Kulturclubs „Belle Moustache“ aus Leinfelden-Echterdingen sowie des Schwäbischen Bart- und Schnauzerclubs Schömberg zu begrüßen. Echte Experten sozusagen, die gespannt waren auf die Geschichte von François Haby, der die deutsche Bartkultur maßgeblich geprägt hat.

Wer war der Mann, der den Aufstiegswinkel der Schnauzbartspitzen ins Unerhörte steigerte und Kaiser Wilhelm II. damit zu einem Markenzeichen verhalf? Der Bartpomade und Rasierseife mit klingenden Namen wie „Donnerwetter – tadellos!“, benannt nach einem Lobspruch des Kaisers, oder „Wach auf“ erfand und sich damit als wahres Marketinggenie erwies?

Im Jahr 1861 in Danzig geboren, gelangte der aus einer hugenottischen Familie stammende François Haby bereits in jungen Jahren nach Berlin, wo er eine Ausbildung zum Friseur absolvierte. „Die Lehrzeit umfasste damals vier Jahre und war eine wirklich harte Schule“, unterstrich Ulrich Feldhahn. In den Jahren danach durfte sich Haby in seiner Branche schnell einen Namen gemacht haben, denn ab 1890 betrieb er im erstklassigen „Dom-Hotel“ einen Salon und war als Spezialist für „Bartfrisuren und -pflege“ bekannt. Berühmtestes Produkt Habys war die Bartwichse mit dem klangvollen Namen „Es ist erreicht.“ Dazu kam eine spezielle Bartbinde, die zum Schutz über Nacht angelegt wurde. „Diesen Anblick genoss auch Kaiserin Auguste Viktoria, wenn sie morgens neben ihrem Mann aufwachte“, merkte der Referent beim Bild eines Herrn mit „Kaiserbinde“ an.

Auf Empfehlung gelangte Haby 1890 an den Hof, wo er maßgeblich an der Gestaltung der kaiserlichen Barttracht beteiligt war. Der markante Schnauzer, im Fachjargon „Kaiser-Wilhelm-Aufsteiger“ genannt, wurde zum Markenzeichen des Monarchen. „Man kann ihn sich eigentlich gar nicht anders vorstellen“, unterstrich Ulrich Feldhahn beim Vortrag in der Villa Eugenia.

Seine Ernennung zum Hoffriseur wusste Haby geschickt zu vermarkten. Werbeplakate zeugen vom Siegeszug seiner Produkte durch aller Herren Länder. Sein 1901 vom berühmten Jugendstilkünstler Henry Van de Velde ausgestatteter Salon, der „sehr raffiniert gestaltet“ war, stellte ein Gesamtkunstwerk dar.

Meisterfrisör Haby selbst war eine schillernde Figur, „wenn man so will, selbst ein Spiegelbild der Zeit.“ Sein Erfolg und seine Selbstdarstellung rief natürlich auch Neider und Spötter auf den Plan. Gedichte aus Satirezeitschriften wie „Kladderadatsch“ zeugen davon.

Durch seine Stellung als Hoffriseur genoss Haby eine Nähe zum Kaiser, wie sie nur wenige hatten. Er frisierte ihn täglich, begleitete ihn auf Reisen und erhielt so Einblicke in Hofleben und Politik. Seine eigene Geschwätzigkeit wurde ihm letztlich zum Verhängnis. Nach brisanten Bemerkungen gegenüber einem Militär über den Kriegsverlauf und Operationen an der Westfront wurde er verhört und kurzerhand entlassen. So fand seine große Karriere im September 1918 – also vor genau 100 Jahren – ein jähes Ende. „Der Bart war ab“, so Feldhahn. Dies galt auch für die Mode, denn in den 20er-Jahren war der „Mann von Welt glattrasiert.“

Für die Schömberger und Echterdinger Bartclub-Mitglieder undenkbar. Sie bleiben ihren Bartfrisuren treu und liegen damit voll im Zeitgeist. „Seit einigen Jahren ist der Bart zurück“, weiß Ulrich Feldhahn. Glänzende Aussichten also für alle, die François Huby nacheifern wollen.

100

Jahre ist es jetzt her, dass der einstige Hoffriseur François Haby in Ungnade gefallen ist. Er hatte sich nachteilig über den Kriegsverlauf geäußert. Zwei Monate später war schon Friede.

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