Als Gerd Schollian im Jahr 1973 im Wald auf die ersten Steine stieß, die sich als Überbleibsel römischer Bauten entpuppten, konnte noch keiner ermessen, was der damalige Bürgermeister von Stein da wirklich entdeckt hatte: Fragmente eines römischen Landguts, dessen Ausmaß und Bedeutung bis heute nicht ganz geklärt sind und das die Forschung weiterhin vor große Herausforderungen stellt.

Umgefallen Wände

Was die Archäologen bisher so alles in Erfahrung bringen konnten und welche Erkenntnisse sie sich noch erhoffen, darüber sprach Dr. Klaus Kortüm am Dienstag im Hohenzollerischen Landesmuseum. Unter der Überschrift „Verschüttete Mauern und umgefallene Wände“ informierte der Provinzialarchäologe vom Landesdenkmalamt in Esslingen über die „aktuellen Untersuchungen im großen römischen Landgut von Stein“, die er seit 2011 leitet. Ein Thema, das auf großes Publikumsinteresse stieß.

Zunächst ging der Experte auf die römische Geschichte auf deutschem Gebiet ein, die vor allem von einer starken militärischen Präsenz sowie einer flächendeckenden Erschließung landwirtschaftlicher Ressourcen geprägt war. Wie viele römische Gutshöfe es im süddeutschen Raum einst wirklich gab, sei nach wie vor ungeklärt, zwischen 1000 und 2000 könnten es aber durchaus gewesen sein. Forschungstechnisch bestehe hier noch großer Nachholbedarf: „Die Masse an römischen Landgütern ist da, aber die archäologische Erkenntnis ist in diesem Bereich noch nicht besonders groß.“

Stein ist weiter

In Stein ist man da schon um einiges weiter. In Sachen Bodenbeschaffenheit haben die Römer hier für ihre Villa rustica einen Bereich gewählt, der keine ideale „landwirtschaftliche Grundlage“ versprach. Die Nähe zum römischen Zentrum Rottenburg war hier für die Standortwahl wohl mit auschlaggebend. Was das Äußere betrifft, so seien die Landgüter, die oft auf keltische Gehöfte gründeten, „römerzeitlich, aber nicht unbedingt mittelmeerländisch“ geprägt gewesen.

In Stein deuten Funde darauf hin, dass das Gelände wohl schon im frühen 2. Jahrhundert besiedelt war. Alleine im Kernbereich umfasst es eine Fläche von 3,5 Hektar. „Aber wir wissen immer noch nicht, wie groß die Gesamtanlage wirklich war.“ Grabungstechnisch sei mit dem Erreichen der nördlichen Außenmauer ein wichtiger Zwischenschritt erreicht worden, dessen Auswertung nun im Vordergrund stehe. „Erst danach können bewusst weitere Grabungen erfolgen.“ Unentbehrlich sind dabei die freiwilligen Helfer: „Die Zusammenarbeit von Verein und Landesdenkmalamt ist ganz wesentlich“, lobte Kortüm deren Einsatz.

Absoluter Glücksfall

Entdeckungen wie die des „Gebäudes M“ umgangssprachlich als „das Haus mit den umgefallenen Wänden“ bezeichnet, seien „ein absoluter Glücksfall“ und für die Forschung von großem Interesse. Gefunden wurden auch gut erhaltene Konsolensteine, Gesimsplatten und Ziegel. Eine 3D-Rekonstruktion gibt ein faszinierendes Bild davon, wie das Gebäude einst ausgesehen haben könnte. „Gegenwärtig suchen wir den weiteren Verlauf der Außenmauer, um die wirkliche Gesamtgröße, in Zusammenhang mit der Anzahl der darin liegenden Gebäude, feststellen zu können“, ging Kortüm auf die aktuelle Entwicklung ein. Parallel zur Forschung an der archäologischen Substanz werden auch die Arbeiten im Tempelbezirk weitergeführt. Letzterer stellt ein Alleinstellungsmerkmal dar und ist für die Vermittlungsarbeit im Freilichtmuseum immens wertvoll.

Das große Ziel

Das große Ziel müsse sein, nach und nach ein möglichst vollständiges Gesamtbild der Gutsanlage zu erhalten. Doch eins ist klar: Forschung braucht Zeit. „Auch wenn mich der Herr Schollian immer wieder durch den Wald führt und mir neue Steinfunde präsentiert“, wie Kortüm schmunzelnd anmerkte. Die Neugier des Römerchefs wie auch der Archäologen ist eben ungebrochen und es wird für sie noch so manches Geheimnis zu lüften geben, das bisher unter der Erde schlummert.  

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Hektar. Mindestens diese Fläche hat das einstige römische Landgut bei Stein allein im Kernbereich umfasst. Wie groß die gesamte Anlage wirklich war, ist noch immer nicht bekannt.