Was man inzwischen wieder darf, was aber noch immer nicht, das erschließt sich oftmals eher schwierig. So war Michael Haller am Dienstag sehr wohl als Beschicker beim Tuttlinger Krämermarkt. Der ist, so schätzt der Bezirksvorsitzende Südwürttemberg-Hohenzollern des Landesverbands der Schausteller und Marktkaufleute aus Grosselfingen, größer als der Hechinger Jakobimarkt, der für Donnerstag kommender Woche im Kalender steht – aber wegen Corona ausfällt. Der Burladinger Kirschenmarkt findet am Mittwoch dagegen statt.

Perspektive gefordert

Die Corona-Krise hat Michael Haller und seinen Kollegen den Boden unter den Füßen weggezogen. Sie fordern von der Landesregierung endlich eine Perspektive.

Nur ganz wenige Krämermärkte dürfen stattfinden, Volksfeste gar keine, auch keine kleineren. Die Krämermärkte auch nur, wenn der Bürgermeister der Kommune dies so gestattet, da diese nach der aktuellen Corona-Verordnung kaum genehmigungsfähig sind: Teilnehmerzahl 100 Personen im Juli, ab August immerhin 500 Personen, aber laut Sozialministerium ist eine Nachvollziehbarkeit der Kontaktdaten zu gewährleisten.

Einzäunung wegen Feuerwehr-Zufahrten nicht möglich

Michael Haller fragt: Wie soll das gehen? Und wo geschieht das im Baumarkt, im Discounter, auf dem Wochenmarkt? Laut einigen Marktmeistern müsste der Markt eingezäunt werden, um die Datenerhebung machen zu können, und das ist wiederum nicht realisierbar wegen der Feuerwehr-Zufahrten.

Ganze Branche kalt erwischt

Kaum eine Branche, so betont Michael Haller, habe die Corona-Pandemie derart kalt erwischt wie die der Schausteller und Marktkaufleute. Die Saison hatte für sie noch gar nicht richtig begonnen, da war sie schon vorbei: Lockdown, keine Märkte, keine Einnahmen.

Weihnachtsmärkte in Gefahr

Erst waren bis Ende Mai alle Veranstaltungen verboten, dann bis Ende August, aktuell bis Ende Oktober alle mit mehr als 500 Personen. Und dann? Bis Jahresende? Die ganzen Weihnachtsmärkte, die allerletzte Hoffnung und Rettung vieler Kollegen, wenn sie bis dahin geschäftlich überleben? „Es geht um das Weiterbestehen des über 1200-jährigen Kulturgutes Jahr- und Krämermärkte und Volksfeste“, sagt Michael Haller.

Wochenmärkte sind brechend voll

Was die Marktbeschicker nicht verstehen: Wochenmärkte wie in Balingen, Ulm oder Freiburg sind brechend voll, Besucherzahl und Datenerhebung spielen da überhaupt keine Rolle, weil es nicht Vorschrift ist. Aber auf einem kleinen Krämermarkt wie dem Jakobimarkt in Hechingen, da ist es sehr wichtig und der Krämermarkt wird deshalb abgesagt. Wie jetzt auch in Balingen.

Soforthilfe letztlich Tropfen auf den heißen Stein

Die Soforthilfe, räumt der Verband ein, habe ein Stück weit geholfen, die Überbrückungshilfe wohl auch, aber da werden nur 80 Prozent der Fixkosten erstattet. Haller: „Wer kann so etwas für sechs Monate selber tragen oder für vielleicht zwölf Monate; diese Rechnung kann nicht aufgehen.“
Für die Programme ist man zwar sehr dankbar, und sie sind auch etwas hilfreich, aber letztlich doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Michael Haller ist sicher: Fallen die Herbst- und die Weihnachtsmärkte aus, ist dies für sehr viele Kollegen der Sargnagel. Ein Betrieb, der einmal zugemacht hat, wird kaum wieder öffnen.

Schausteller erarbeiten Hygienekonzept

Der Landesverband der Schausteller und Marktkaufleute hat den Kommunen ein Hygienekonzept vorgelegt: Wie im Café füllt jeder Kunde an jedem Stand einen kleinen Zettel aus, es reicht laut Corona-Verordnung seine Kontaktdaten zu hinterlassen. Diese müssten von der Kommune dann vier Wochen aufbewahrt und anschließend vernichtet werden. Alles ohne Festzelt, ohne Ausschank, gegebenenfalls etwas verkleinert, und nur Stammbeschicker. Ganz große Märkte könnten auf verschiedene Plätze verteilt werden.

Krämermärkte selten werden gerade genehmigt

Wenige Städte wie Reutlingen, Rottweil, Schramberg oder Calw genehmigen ihre Krämermärkte nach und nach. In Reutlingen wurde der Krämermarkt von 60 auf 40 Stände verkleinert, zwei Engstellen wurden beseitigt.
Am Stand sei mit mindestens eineinhalb Meter Abstand und Maske verkauft worden, Desinfektionsmittel wurden angeboten und verwendet, und der Markt genehmigt und durchgeführt ohne Probleme. Michael Haller: „Wir sind diesen Kommunen sehr, sehr dankbar für die Ausrichtung. Hoffentlich folgen bald viele.“

CDU ist dafür, Grünen blockieren

Der Bezirksverband Südwürttemberg-Hohenzollern der Schausteller und Marktkaufleute scheint zu wissen, wo er vorstellig werden muss: Das CDU-geführte Wirtschaftsministerium wolle mit einfachen Regelungen öffnen, aber das Sozialministerium (Grüne) blockiere.

Nächste Demo in Stuttgart

Zwei große Demonstrationen gab es schon: In Berlin mit mehr als 1000 großen Fahrzeugen, vergangene Woche in München. Die nächste Demo findet in Stuttgart statt. Gefordert wird „eine intelligente und praktikable Lösung“ aus dem Sozialministerium. Doch dort herrsche Funkstille. Das nennt der Bezirksverband „untragbar“.

Michael Haller unterstreicht: „Nichts liegt uns mehr am Herzen wie die Gesundheit, für die Kunden wie auch für unsere Kollegen und Mitarbeiter. Aber man muss auch mal den gesunden Menschenverstand wieder in der Landesregierung walten lassen.“

Ein erfolgreicher Betrieb – bis März


Zur Person Michael Haller, gebürtig in Hechingen, ist seit 2010 der Vorsitzende der Bezirksstelle Südwürttemberg-Hohenzollern des Landesverbands der Schausteller und Marktkaufleute (LSM). Der 51-Jährige half früher seinen Eltern schon im Lager und später auf Krämermärkten, machte sein Abitur, eine Industriekaufmannslehre und begann ein Studium an der FH für Wirtschaft in Pforzheim, bis er die Chance sah, das Geschäft nach und nach erst mit, dann von seinen Brüdern zu übernehmen und sich selbstständig zu machen. Seit dem Jahr 1994 war es ein erfolgreicher Betrieb  mit drei Angestellten und drei Aushilfen, bis die Corona-Pandemie zuschlug.