Hechingen Die lebenslange Suche endet in Marseille

Hechingen / MATTHIAS BADURA 05.04.2013
Als Brigitte Ciriello am 17. Dezember des vergangenen Jahres den Brief entgegen nahm, reichte ein Blick auf den ersten Buchstaben, um sie lauthals aufschreien zu lassen. Ein Brief von ihm! Er lebt, er meldet sich!

Die Geschichte beginnt 1952, als die Hechingerin Hedwig Satzer, damals Kindermädchen im Hause eines französischen Colonels, ihrem Dienstherrn und seiner Familie von Tübingen nach Frankreich folgte. Im Umfeld des Colonels lernte sie einen jüngeren, damals hervorragend gut aussehenden Offizier kennen. Es funkte, die beiden wurden ein Paar - und Hedwig Satzer schwanger. Eine kurze Liaison? O nein, die zwei blieben 19 Monate zusammen, ehe der Liebste nach Algerien abkommandiert wurde.

Die werdende Mutter kehrte zwar nach Hechingen zurück, doch sollte die Trennung nur vorübergehend sein. Man schrieb sich, von Heirat war die Rede. Dann riss der Faden ab. Aber es war nicht, wie üblich, der Soldat, der seine Braut hocken ließ. Vielmehr zog sich Hedwig Satzer aus der Verbindung zurück. Warum? Das Rätsel wurde nie gelöst.

Für Fernand Zavoli - so heißt der Offizier, um den es geht - war die Hechingerin die "Liebe seines Lebens". Er hat sie, eigenen Worten zufolge, nie vergessen. Eine spätere Ehe, die er mit einer anderen Frau einging, scheiterte. Hedwig Satzer hingegen blieb bis zu ihrem Tod allein.

Ihre gemeinsame Tochter Brigitte, 1955 geboren, wuchs in Hechingen auf. Und litt, wie sie erzählt, von frühester Kindheit an darunter, keinen Papa zu haben wie die anderen Mädchen um sie herum. Später stellten sich ihr Sinnfragen, grübelte sie darüber nach: "Wer bin ich, wo liegen meine Wurzeln?"

Die Mutter schwieg. Die Tochter ließ nicht locker. Die Mutter schwieg weiterhin. Kein Wort über den Erzeuger. Die Tochter wiederum durchsuchte immer wieder die Sachen der Mutter, stets in der Hoffnung, einen Hinweis zu finden. Der schicke Soldat auf dem Foto im Familienalbum - ist er das? Der Ring in der Schachtel - könnte das der Verlobungsring gewesen sein?

Brigitte Satzer heiratete irgendwann selbst, Alberto Ciriello heißt ihr Mann. Sie wurde Mutter zweier Kinder und Oma eines Enkels. Doch das Rätsel ihrer Herkunft beschäftigte sie weiterhin. Wie sehr, das lässt sich daran ermessen, dass sie ihrer Mutter vor fast 13 Jahren ein im wahrsten Sinne des Wortes todernstes Ultimatum stellte: "Sag mir, wer er war, oder du siehst mich nie mehr wieder!" Hedwig Satzer verweigerte einmal mehr die Auskunft. Die Tochter ging, und sie sind sich bis nach dem Tode Hedwig Satzers nicht wieder begegnet.

Was Brigitte Ciriello bis dahin in Händen hielt, war nicht viel: Ein zerknittertes Bild, ein paar uralte Briefe in französischer Sprache, keine Adresse und einen ungewissen Vornamen - "Fernand". Als sie nun den Nachlass ihrer Mutter sortierte, fiel ihr ein Zettel in die Hände. "Fernand Zavoli" stand darauf. Das war vor drei Jahren. Aber es dauerte drei weitere, bis ihr endlich jemand weiter half. Schon früher hatte sie sich vergeblich an das französische Konsulat in Stuttgart gewandt. Auch diesesmal war die Unterstützung alles andere als grandios. Immerhin erhielt sie den Tipp, im Telefonbuch nachzuschlagen. Zavoli sei kein sonderlich häufiger Name.

Ihre Familie, die sie immer unterstützt hatte, bestärkte die inzwischen 57-Jährige bei diesem weiteren Versuch. Der sah dann so aus, dass sie am 7. Dezember 2012 genau 38 Briefe verschickte, adressiert an alle Zavolis, die sie hatte mit Hilfe des Telefonbuchs ausfindig machen können. Darin die Bitte um einen Hinweis, egal in welcher Form.

Aber: War der Mann, nach dem man fahndete, nicht längst tot? Und wenn er lebte - hatte er überhaupt ein Interesse daran, von einer deutschen Tochter aufgestöbert zu werden. Vielleicht war der Name auch schlichtweg falsch. Vielleicht gab es ja gar keinen Fernand Zavoli. Die Jagd auf ein Phantom.

Am 14. Dezember 2012 erhielt Brigitte Ciriello Post aus Frankreich. Leider keine Männerhandschrift, sondern die einer Frau. Das dämpfte ihre Hoffnungen, dennoch zitterten ihre Finger, als sie das Kuvert öffnete. Das Schreiben begann mit den Worten: "Sehr geehrte Frau Ciriello, liebe Cousine . . ."

Was die Hechingerin bis heute überwältigt, ist die Tatsache, dass die gesamte Familie Zavoli wusste, dass sie, Brigitte Ciriello, existiert. Ihr Vater hatte nie ein Hehl aus seiner deutschen Tochter gemacht. Er hatte sie gesucht, hatte sich sogar im Jahr 1976 an die Hechinger Stadtverwaltung gewandt - aber keine Antwort erhalten. Wobei die "Schuld" womöglich nicht die Verwaltung trifft, sondern es letztlich Hedwig Satzer war, die den Vorstoß scheitern ließ.

Von den Versuchen ihres Vaters, sie zu finden und von ihrer französischen Verwandtschaft erfuhr Brigitte Ciriello kurze Zeit später. Zuvor hatte sie am 17. Dezember ein weiteres Schreiben bekommen. Dieses Mal aus Marseille, dieses Mal in einer Handschrift, die sie vom tausendmaligen Lesen der alten Briefe auf den ersten Blick erkannte. Sie hatte ein Schreikonzert veranstaltet, war zur Arbeit gefahren, wurde dort wegen völliger Verwirrung wieder nach Hause geschickt, um schließlich nach Südfrankreich zu eilen, wo sie ihrem sehnsüchtig wartenden Vater in die Arme fiel.

Dieser Tage weilt Fernand Zavoli in Hechingen. Seine Tochter zeigt ihm die Zollernstadt. Gemeinsam besuchten sie auf Heilgkreuz das Grab der Mutter und legten dort eine Rose nieder. Als Geste der Verzeihung und des Neuanfangs. Sie sind selig, erkennen ineinander zwei Teile eines Ganzen und wollen jetzt so viele Erlebnisse wie möglich teilen.

Ihr Ehemann Alberto Ciriello, der seiner Frau stets auch ein bisschen den Vater ersetzen musste, den sie niemals hatte, ist zur Zeit auf die Rolle des Französisch-Dolmetschers herabgestuft. Es macht ihm nichts aus, es freut ihn; ja, es freut die ganze Familie diesseits und jenseits der Grenze, dass sich der lebenslange Wunsch am Schluss doch noch erfüllte.

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