Hechingen Die großen Köpfe der kleinen Stadt

Auf den Spuren prominenter Persönlichkeiten durch Hechingen.
Auf den Spuren prominenter Persönlichkeiten durch Hechingen. © Foto: Antonia Lezerkoss
Hechingen / Antonia Lezerkoss 15.08.2018
Aufschlussreiche Führung mit Rolf-Dieter Götting auf den Spuren prominenter Hechinger Persönlichkeiten.

Im Laufe der Geschichte beherbergte die kleine Stadt Hechingen eine beachtliche Anzahl bedeutender Persönlichkeiten in ihren Mauern. Staatsmänner und Literaten, Physiker und Musiker, Beamte und Adlige waren in der überschaubaren Residenzstadt beheimatet oder gingen in ihr ein und aus. Trotz Urlaubszeit und großer Hitze hatte sich eine Gruppe Interessierter bei St. Luzen eingefunden, um beim Gang durch Hechingen Wegmarken berühmter Söhne und Töchter und zeitweiliger Gäste der Zollernstadt aufzuspüren.

Die erste Spur führte bei der ehemaligen Klosterkirche der Franziskaner zu Graf Eitelfriedrich I. von Hohenzollern-Hechingen (1576-1605), genannt der „Prächtige“, der die Stadt zu einer blühenden Renaissance-Residenz entwickelte. Er war es auch, der von 1586 bis 1589 die prunkvolle innere Neugestaltung des Gotteshauses veranlasste und damit ein architektonisches Zeugnis, das im süddeutschen Raum seinesgleichen sucht, schuf. Während seiner Regentschaft entstanden ein Vierflügelschloss, das Spital und der Untere Turm als Eingangstor zur Stadt. Eitelfriedrich wurde in der Stiftskirche beigesetzt, in der Antoniuskapelle von St. Luzen bedeckt jedoch eine bronzene Grabplatte (1609) das Herz des Grafen mit der Aufschrift „Wo mein Schatz liegt, da ruht mein Herz“.

Die ehemalige Brauerei von St. Luzen war ab 1943 Teil des Forschungslabors der physikalischen Abteilung des von Berlin ausgelagerten Kaiser-Wilhelm-Instituts für Physik und Biologie unter Leitung von Werner Heisenberg – dem Vater der Unschärferelation. Die Nobelpreisträger Heisenberg, Max von Laue, Otto Hahn und Carl Friedrich von Weizsäcker wohnten bis zum Kriegsende in der Innenstadt Hechingens.

Als Fundgrube für die Spurensucher entpuppte sich die Schloßstraße. Das Haus mit der Nummer 16 war Wohnsitz der Familie Kaulla. Karoline „Madame“ Kaulla machte für eine Frau ihrer Zeit eine außergewöhnliche Karriere. Als Hoffaktorin am Hechinger Fürstenhof erwarb sie großen Reichtum und hohes Ansehen. Die Jüdische Gemeinde Stuttgart verdankt ihr ihr Entstehen. Madame Kaulla ist auf dem Hechinger Jüdischen Friedhof begraben.

In der Schloßstraße 16 wurde 1876 Elsa Einstein, die zweite Ehefrau des Nobelpreisträgers Albert Einstein geboren. Das Ehepaar emigrierte 1933 in die USA, wo Elsa Einstein 1936 starb.

Der Metzgergeselle Moritz Baisinger wohnte im heutigen „Fecker“. Als Nelson Morris, „König der Schlachthöfe“, hat er sich in Chicago einen Namen gemacht und viel Geld verdient. Die Spurensuche ging weiter zum Kirchplatz, wo Paul Levi (1833-1930), erster Vorsitzende der Kommunistischen Partei Deutschlands, Mitglied der revolutionären „Spartakusgruppe“ und Freund Rosa Luxemburgs aufwuchs.

Der hohenzollerische Dichter und Schriftsteller Ludwig Egler (1828-1898) befasste sich intensiv mit seiner Heimatstadt, die er genau kannte und liebevoll schilderte. Otto Nerz (geboren 1892 in Hechingen, gestorben 1949 in einem Lager in Oranienburg) war erster Reichstrainer des Deutschen Fußball-Bundes. Friedrich Wilhelm Constantin und seine Frau Eugenie, eine Stiefenkelin Napoleon Bonapartes  residierten als letzte Fürsten von Hohenzollern-Hechingen in der zum Stadtschloss umgebauten Villa Eugenia. Auf Wunsch der Fürstin, wurde ein englischer Landschaftsgarten angelegt, der heutige Fürstengarten. Berühmte Musiker und Komponisten, wie Franz Liszt und Hector Berlioz, waren in Hechingen gern gesehene Gäste. Unternehmerpersönlichkeiten wie Baruch, Loewengard, Levi verhalfen Hechingen zu einem gewissen Wohlstand. Der Glasermeister Arthur Fauser (1923-2008) war während der NS-Zeit in die Schweiz geflohen und lebte nach dem Krieg als einziger Jude in Hechingen; er verunglückte bei Renovierungsarbeiten in der Haigerlocher Synagoge und liegt  auf dem Jüdischen Friedhof begraben. Ein Gang durch den Fürstengarten mit Blick auf die Villa Silberburg, dem Wohnsitz des jüngst verstorbenen Carl Gregor Herzog zu Mecklenburg beendete die sehr informative Führung.

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