HECHINGEN Der Ruheforst und kein Ende

Seit zwei Jahren ist der Hechinger Ruheforst fix und fertig gestaltet. Archivbild
Seit zwei Jahren ist der Hechinger Ruheforst fix und fertig gestaltet. Archivbild
Hechingen / ERNST KLETT 19.03.2015
Am 8. Mai gedenkt man des 70 Jahre zurückliegenden Kriegsendes. In Hechingen kommt ein ganz anderer Jahrestag hinzu: 2013 hätte der Ruheforst eingeweiht werden sollen. Wann der Naturfriedhof öffnet, ist offen.

Die heutige Sitzung des Gemeinderats Hechingen hat eine überschaubare Tagesordnung. Nur fünf Punkte stehen drauf, darunter die Fragestunde, die nur selten genutzt wird, und Verschiedenes und Bekanntgaben. Das geht ebenfalls relativ schnell (wenn nicht die Bürgermeisterin der HZ beweisen will, dass sie Sitzungen sehr wohl auch in die Länge ziehen kann). Punkt 2 dürfte allerdings alle Rekorde brechen und ein Novum darstellen: Die Drucksache Nummer 4/2015 wird komplett verlesen. Komplett bedeutet in diesem Fall Wort für Wort, mit Punkt und Komma. Das wird dauern. Die Unterlagen sind gut einen Zentimeter dick.

Dass nicht wie sonst üblich einfach auf den Inhalt verwiesen wird ("alles Weitere steht in der Drucksache") hat einen gewichtigen Grund: Es geht um den Ruheforst, den Naturfriedhof auf dem Lindich, der zwar längst fertig, aber noch immer nicht eröffnet ist. Um das überregional auf großes Interesse stoßende Projekt tobt seit zwei Jahren ein erbitterter juristischer Streit, bei dem der Ruheforst-Gegner und -Nachbar alle Register zieht. Anhängig ist insbesondere ein Normenkontrollverfahren am Verwaltungsgerichtshof Mannheim. Am ebenfalls eingeschalteten Sigmaringer Verwaltungsgericht ruht die Sache.

Seit ebenfalls zwei Jahren versucht die Stadt, den Bebauungsplan "Sondergebiet Ruheforst Zollerblick" so wasserdicht zu machen, dass er vor Gericht standhält. Dazu läuft seit etlichen Wochen ein zweites ergänzendes Verfahren, an das heute endgültig ein Knopf gemacht werden soll. Das war eigentlich schon in der vorigen Sitzungsrunde fällig, aber die Stadt hat einen Rechtsanwalt, der aufpasst. Und der hat dringend dazu geraten, dass die Drucksache 4/2015 von Anfang bis Ende verlesen wird. Sonst hätte der Beschluss unter Umständen der Gegenseite Munition geliefert. Und das soll unbedingt verhindert werden. Also geht's halt etwas länger im Hechinger Gemeinderat.

Absolut vorhersehbar ist derweil das Abstimmungsverhalten der Stadträte: Der Satzungsbeschluss des Bebauungsplans wird einstimmig gebilligt werden - Hechingen will den Ruheforst. Hat damit die Leidensgeschichte ein Ende? Kann die Unternehmensgruppe Fürst von Hohenzollern, die Betreiber und Besitzer des "Zollerblick" ist, nach zwei Jahren neue Einladungskarten verschicken? Die Stadt immerhin hat ihren Part als Genehmigungsbehörde und Träger des Waldfriedhofs heute ausführlichst erfüllt. Aber gut ist damit wohl noch lange nichts.

Raimund Friderichs, Chef der Unternehmensleitung Forst in Sigmaringen, bekommt sofort schlechte Laune, wenn man ihn auf den Lindich anspricht. Und die Frage, ob denn mit dem Hechinger Ratsbeschluss auch nur ansatzweise ein Eröffnungstermin genannt werden kann, entlockt ihm nur ein müdes Lächeln. "Wir können nur abwarten und müssen Geduld haben", sagt Friderichs. Denn Bebauungsplan hin oder her, es braucht halt erst den Gerichtstermin in Mannheim. Es hatte die Hoffnung bestanden, dass der noch Ende des vergangenen Jahres anberaumt werden könnte, aber daraus wurde nichts. Bekanntlioch sind die Verwaltungsrichter reichlich überlastet, und darunter leidet seit geraumer Zeit auch der Hechinger Ruheforst.

Im Sigmaringer Fürsten-Unternehmen geht man davon aus, dass der Besitzer des früheren Polizeigeländes auf dem Lindich den Prozess verlieren wird. Braucht es also allein den Gerichtstermin, und dann ist wirklich alles in Ordnung? Bei weitem nicht, vermutet Raimund Friderichs. Denn auch wenn der Ruheforst-Gegner in Mannheim unterliegen sollte, so könne er die Eröffnung des Naturfriedhofs mit einer neuerlichen Klage ein weiteres Mal verhindern.

Was den Ruheforst-Betreibern mittlerweile besonderen Kummer macht, sind die nicht wenigen Familien, die seit zwei Jahren darauf warten, dass sie ihre Urnen dort bestatten können, wo ihre verstorbenen Angehörigen dies gewünscht haben: Draußen, vor den Toren der Stadt im herrlichen Lindich-Wald.

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