Es ist ein einfaches Wort, zusammengesetzt aus acht Buchstaben: Herkunft. Ein Wort, das wenig spektakulär erscheint, dem so gar nichts Schillerndes anhaftet. Achtlos verwendet im oft banalen Ringelreihen der deutschen Sprache. Wirklich interessant wird erst, wenn dahinter das Adjektiv „ungeklärt“ erscheint. Wer kommt wo her? Was hat sich aus welcher Richtung entwickelt? Wo liegen die Wurzeln? Oder auch: Wer hat`s erfunden? Und siehe da, plötzlich wird Herkunft zum zentralen Punkt. Denn es ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis, diesen Fragen auf den Grund zu gehen. Im Alltag, im Zusammenleben, aber auch und vor allem in der Kunst und im kreativen Wirken.

Die Jahresausstellung des Hechinger Kunstvereins, die das Rathaus der Zollernstadt für die Dauer von vier Wochen zum Hort der schönen Künste macht, steht deshalb nicht von ungefähr unter dem Titel „Herkunft.“

Genau zur rechten Zeit

„Der Verein hat damit den richtigen Riecher zur rechten Zeit bewiesen“, unterstrich der Kunsthistoriker Clemens Ottnad bei der Vernissage am Sonntag, die vom Sängerbund Haigerloch unter der Leitung von Mike Krell klangvoll umrahmt wurde. Literaturfreunde wissen natürlich sofort, auf was Ottnad mit seiner Bemerkung anspielte. Denn erst kürzlich wurde ein Werk des Schriftstellers Saša Stanišić mit dem Deutschen Buchpreis 2019 gekrönte, das ebenfalls den Titel „Herkunft“ trägt. Ein glücklicher Zufall? Das würde wiederum perfekt zu dem passen, was Stanišić über sein literarisches Werk gesagt hat: „Herkunft ist ein Buch über den ersten Zufall unserer Biografie: irgendwo geboren werden. Und was danach kommt.“

Nach diesem Verständnis habe Herkunft also viel mit Zufall zu tun, konstatierte Clemens Ottnad. Die insgesamt 61 im Rathaus gezeigten Werke, die 51 Aktive des Kunstvereins zur Jahresausstellung beisteuerten, würden mal mehr, mal weniger Bezug zum Ausstellungstitel nehmen.

Vertraute Burg

Aufs Engste mit dem Begriff Herkunft verbunden ist natürlich der Anblick der vertrauten Zollernburg, der unwillkürlich Assoziationen zur Heimat hervorruft. Doch nicht immer ist der Zugang so einfach. Was, wenn organische Formen, abstrahierte Landschaften und „heiter bis wolkige“ Farb- und Formenspiele auf Leinwand und Papier erscheinen? Hier ist die Verbindung zum Wachsen und Werden spürbar, der Verweis auf einen natürlichen Ursprung. Noch komplexer wird die Einordnung bei abstrakten Formen, Tieren oder gar menschlichen Figuren, über deren „Woher“ nur spekuliert werden kann. „Herkunft nicht verifiziert“, kann es da schon mal in einem Titel heißen. Oder „Nichts Genaues weiß man nicht.“ Vieles verharrt im Unklaren, bleibt bis zu einem gewissen Grad diffus – und genau das macht den Reiz der Ausstellung aus.

„Stilistische Erscheinungen und persönliche Auffassungen“ seien es, die es Kunstwerk für Kunstwerk zu entdecken gelte, sagte Clemens Ottnad. Die Frage nach „materiellen, geistigen und auch ideellen Herkünften“ sei da fast unvermeidlich. Die Antwort darauf liegt laut dem Redner wie so oft nicht nur im Woher, sondern auch im Wohin: „Punkt oder Linie wird geboren oder aber das, was danach kommt.“ Das sinnliche Glück des Zufalls spiele überall mit hinein. Darüber wiederum schwebt die lapidare Feststellung „Sowas kommt dann auch von sowas her.“

Die Jahresausstellung sei ein „Spiegel der Vielfalt des künstlerischen Wirkens in der Region“, ging Joachim Wörner vom Kunstverein auf die Intention der Schau ein, zu der eine Graphik des Öschinger Künstlers Klaus Herzer als Jahresgabe erworben werden kann.

Leihgabe für Bürgermeister

Bürgermeister Philipp Hahn betonte in Bezug auf den Ausstellungstitel, dass die Herkunft in Hechingen keine Rolle spiele: „Wir haben eine interkulturelle Stadtgemeinschaft, in der jeder offen und freundlich aufgenommen wird.“ Ein Bild der Künstlerin Angelika Kalchert mit dem Titel „Hummelflug“ wird ein Jahr lang als Leihgabe im Dienstzimmer des Bürgermeisters hängen und mit seinen kräftigen Farben dazu beitragen, dass auch hier eine einladende Atmosphäre herrscht.

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Reichlich Zeit Insgesamt vier Wochen lang machen Mitglieder des Kunstvereins Hechingen das Rathaus der Zollernstadt zur Galerie: Die Ausstellung ist bis Sonntag, 1. Dezember, geöffnet. Und dies wie immer zu den Öffnungszeiten der Stadtverwaltung. Die sind montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr und  donnerstags zusätzlich von 14 bis 18 Uhr.

Auch am Wochenende Geöffnet ist das Gebäude Marktplatz 1 für die Jahresausstellung des Kunstvereins außerdem noch samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr.