Hechingen Der Hofstaat zum Greifen nah

Hechingen / ANTONIA LEZERKOSS 01.08.2012
Der English-Speaking-Circle flanierte mit Johanna Werner durch Hechingens Oberstadt. Die Stadtführerin beleuchtete mit Witz und Wissen die Hintergründe der historischen Denkmäler in der Stadt.

Auf dem Schlossplatz hat der Stadtrundgang des English-Speaking-Circle begonnen. Auf lockere Weise und mit viel Esprit ließ Stadtführerin Johanna Werner die Geschichte und Geschichten der Stadt Hechingen vor den Augen der Teilnehmer wieder lebendig werden.

So erfuhren diese, dass das neue Schloss in klassizistischem Stil im frühen 19. Jahrhundert erbaut wurde und, dass dort während der kunstsinnigen Zeit des "orpheischen Hechingen" unter dem musikliebenden Friedrich Wilhelm Constantin zahlreiche Konzerte statt fanden. Im Alten Schloss gegenüber ist die Sammlung des Hohenzollerischen Landesmuseums untergebracht.

Einblicke in die jüdische Vergangenheit erhielten die Stadtbummler beim Gang durch die Schlossstraße, die vor allem mit der jüdischen Hoffaktorin Madame Kaulla, damals reichste Frau Europas, und ihrer Familie verknüpft ist. Auch über das Haus Nummer 16 und seine Bewohner erzählte Johanna Werner einiges. Es ist das Geburtshaus von Elsa Einstein, der zweiten Frau von Albert Einstein. Albert und Elsa kannten sich bereits aus Kindertagen. Albert Einstein, in Ulm geboren, zog bereits als Einjähriger mit seinen Eltern nach München und wuchs später in Italien und der Schweiz auf. Bei den regelmäßigen Besuchen der Familie in München spielte Elsa oft mit ihrem drei Jahre jüngeren Cousin Albert, der später mit seiner Relativitätstheorie die Physik revolutionierte. Für seine Familie wie auch für seine Cousine Elsa blieb er jedoch zeitlebens das "Albertle".

Weithin sichtbar prägt die katholische Pfarrkirche St. Jakobus d.Ä , die Stiftskirche das Hechinger Stadtbild. Anerkennend bezeichnete Johann Wolfgang von Goethe, der zweimal in Hechingen war, den klassizistischen Bau von Michel d"Ixnard als "sehr schöne Kirche".

Auf dem Obertorplatz, mit Blick auf das heutige Notariatsgebäude erzählte Johanna Werner aus der Biographie des originellen, draufgängerischen Textilunternehmers Carl Löwengard. Ebenfalls auf dem Obertorplatz praktizierte in den 20er-Jahren der Arzt, Schriftsteller und kommunistische Politiker Friedrich Wolf. In Hechingen wurde dessen Sohn Markus geboren, der in der DDR Karriere als Spionagechef machte.

Johanna Werner merkte an, dass zur gleichen Zeit sein Pendant im Westen, der Präsident des Bundesnachrichtendienstes, Klaus Kinkel, ebenfalls aus Hechingen stammte.

Als Lohn für besondere Dienste erhielt der fürstliche Forstrat Rudolf Gfrörer wohl das hübsche, kleine Palais am Obertorplatz. Anlass für die großzügigen Gabe war wohl die Heirat des jungen Hofbeamten und der "natürlichen" Tochter des Fürsten.

Die neuen Herren der Stadt, die evangelischen Preußen, benötigten im katholischen Hechingen ebenfalls ein Gotteshaus. Deshalb ließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen im Jahr 1857 die Johannes-Kirche durch Friedrich August Stüler, dem Architekten der Zollerburg, erbauen.

Noch ein paar Schritte waren es zum Fürstengarten und der prachtvoll renovierten Villa Eugenia. Entzückt malten sich die Teilnehmer der Stadtführung den damaligen Hofstaat aus und konnten sich gut vorstellen, dass Hechingen einst Zentrum von Kunst, Musik und Architektur war.

Die letzte Station des Rundgangs war die im Jahr 1767 erbaute Alte Synagoge. Nachdenklich machte die Zuhörer, dass sie in der Reichspogromnacht im November 1938 im Innern zerstört wurde und von Grund auf restauriert werden musste.

Im Anschluss an die Führung gab es Kaffee und Kuchen. Die Stadtführung kam auf Initiative des ehemaligen Bürgermeisters Jürgen Weber zustande, wurde aber jetzt erst realisiert.