Zollernalbkreis Der Hebammennachwuchs bleibt aus

Es kommen mehr Babys zur Welt, aber der Nachwuchs bei den Hebammen fehlt.
Es kommen mehr Babys zur Welt, aber der Nachwuchs bei den Hebammen fehlt. © Foto: Nicole Leukhardt
Hechingen/Balingen / Nicole Leukhardt 11.05.2018
Die Hebamme Margarethe Mroz setzt sich dafür ein, dass ihr Berufsstand eine faire Zukunft hat.

Hebamme zu sein ist für Margarethe Mroz weit mehr als ein Beruf. „Man muss das mit Leidenschaft und aus Liebe zu den Menschen und zum Leben machen“, sagt sie. Sie weiß um die Bedeutung, die die Hebamme für jede Frau und Familie hat: „An sie erinnert man sich sein Leben lang, denn sie begleitet einen in einer ganz besonderen Situation und setzt sich dafür ein, dass die Gebärende ein positives Geburtserlebnis hat“, sagt sie.

Mit jedem Kind, dem die Hechinger Hebamme auf die Welt hilft, wird schließlich nicht nur ein neuer, kleiner Mensch geboren. „Es entsteht gleichzeitig eine neue Mama, ein neuer Papa und eine neue Familie“, sagt Margarethe Mroz.

Ihre Ausbildung zur Hebamme liegt einige Jahrzehnte zurück, ihr Aufgabenfeld hat sich seither stetig verändert. „Wer sich für den Beruf der Hebamme entscheidet, entscheidet sich auch für lebenslanges Lernen“, sagt die Expertin. Denn die Gesellschaft und die Familienstrukturen befänden sich in einem kontinuierlichen Wandel. Nicht nur das Alter der Frauen beim ersten Kind sei gestiegen. „Ich habe noch gelernt, dass eine Frau zwischen ihrem 20. und 25. Lebensjahr erstmals Mama wird“, sagt sie und schmunzelt. Danach habe man von Spätgebärenden gesprochen. Heute sei diese Denke längst überholt. „Frauen studieren, arbeiten und bekommen im Alter zwischen dreißig und vierzig Jahren ihre Kinder“, weiß die erfahrene Hebamme, die im Balinger Hebammenhaus beim Klinikum tätig ist.

Natürlich gebe es aber auch junge Mamas. Und die hätten den Vorteil, dass die Geburt oft einfacher und weniger verkopft ablaufe. „Eltern bereiten sich heutzutage ganz anders vor, lesen Fachbücher, informieren sich umfangreich“, weiß die Hebamme. „Es ist schade, dass dabei das Vertrauen in die Fähigkeiten des eigenen Körpers und das Bauchgefühl oft verloren gehen“, sagt sie auch. „Unsere Intelligenz macht uns das Kinderkriegen kaputt“, formuliert sie es ganz prägnant. Auch da sei die Hebamme bei der Geburtsvorbereitung gefragt. „Man muss die Frauen dort abholen können, wo sie sind und ihnen die Angst nehmen können“, beschreibt Margarethe Mroz eine Kernkompetenz ihres Berufsstands. Eine Vermittlerin der Normalität zu sein, ist ihr wichtig.

Denn als Hebamme habe man zwar umfangreiches Fachwissen. „Aber wir sind trotzdem nicht so pathologisch angehaucht wie ein Arzt“, sagt sie. Dass sie trotz aller medizinischen Möglichkeiten dennoch immer wieder mit Babys konfrontiert sei, die eben nicht gesund zur Welt kommen, auch damit müsse eine Hebamme umgehen können. „Unsere Aufgabe ist es immer, für die Familien da zu sein“, sagt sie.

Aber nicht nur die Mütter, auch die Kinder hätten sich verändert im Lauf der Jahre. „Wir leben im Wohlstand, die Schwangeren sind optimal versorgt und ihr Bewusstsein für Ernährung ist ganz anders als früher“, erzählt sie. Wo früher ein Geburtsgewicht von 2500 bis 3500 Gramm als Richtschnur galt, habe sich das heute ein Kilogramm nach oben verschoben.

Und noch etwas hat sich in den letzten Jahren verändert: „Es kommen wieder mehr Kinder zur Welt“, sagt Margarethe Mroz und lächelt. Sie freue sich über diesen Trend, wenngleich das für jede Hebamme mehr Arbeit bedeutet. Denn den Berufsstand plagen Nachwuchssorgen. „Die jungen Frauen mit Abitur legen heute großen Wert auf eine ausgeglichene Work-Life-Balance“, sagt sie. Sechs-Tage-Wochen, Arbeiten am Sonntag, Schichten in der Klinik – all diese Faktoren machten ihren Traumberuf für andere unattraktiv.

„Wenn der Radiomoderator am Freitagnachmittag verkündet, es sei jetzt Wochenende, dann bin ich meistens mit meiner Tasche unterwegs zu einer frischgebackenen Mama“, erzählt sie. „Wir können die Frauen nicht alleine lassen, weil zufällig Sonntag ist, das wirkt sich auch aufs eigene Familienleben aus“, weiß Margarethe Mroz. Ein Mann und Kinder, die Verständnis für den Beruf der Frau und Mutter haben – „zum Glück habe ich beides“, sagt die Hebamme.

Hätte sie einen Wunsch frei, dann würde sie ihre Kolleginnen gerne entlasten. Sie ist Kreissprecherin für die Hebammen im Zollernalbkreis. „Nicht nur was das Arbeitspensum angeht, sind wir oft am Limit“, sagt sie.

Dies treffe nicht nur freiberufliche, sondern auch in Kliniken angestellte Hebammen. „Wenn eine Frau mitten unter der Geburt ist, dann bringt man es nicht übers Herz, sie an eine Kollegin weiterzugeben, sondern bleibt einfach da, bis es geschafft ist“, beschreibt sie die Situation im Kreißsaal.

„Wir brauchen politische Entscheidungen“, findet sie daher. Es habe sicher einen guten Grund, dass Hebammen früher unverheiratete Frauen gewesen seien, die keine eigene Familie haben, fügt sie an und schmunzelt. Denn eine Hebamme sei rund um die Uhr für ihre Frauen da. „Aber unser Verdienst richtet sich strikt nach der Gebührenverordnung“, erklärt Mroz. Während ein Handwerker seinen Stundensatz frei bestimmen könne, sei jeder Hausbesuch und jede Leistung der Hebamme pauschal festgezurrt. „Als Selbstständige im Ein-Mann-Betrieb müssen wir zahlreiche Versicherungen bedienen und natürlich Steuern zahlen“, sagt die Hebamme. Um über die Runden zu kommen, arbeite eine Hebamme dann einfach sehr viel. Das macht sich auch im Kalender von Margarethe Mroz bemerkbar: „Bis Dezember bin ich völlig ausgebucht“, erzählt sie.

Nicht nur Geburtsvorbereitung, Begleitung und Nachsorge gehören dazu. „Es ist auch ein ungeheurer dokumentarischer und verwalterischer Aufwand“, erzählt sie. Eine halbe Stunde Schreibtischarbeit nach jedem Hausbesuch müsse sie schlicht einkalkulieren.

Und apropos Ein-Mann-Betrieb: Nach wie vor sei die Hebammerei ein Frauenberuf. „Es gibt in Deutschland insgesamt zwei männliche Hebammen, die sich Entbindungspfleger nennen“, erzählt Margarethe Mroz. Auch im Zollernalbkreis wäre in Sachen Männerquote durchaus noch Luft nach oben.

Das Landratsamt macht sich stark für Eltern und Hebammen

Im Zollernalbkreis werden Mütter und Väter bei Fragen rund um Schwangerschaft und Geburt gut betreut und begleitet.

Gesundheitsförderung zielt auf die Stärkung und Verbesserung der Gesundheit eines Menschen und seines Umfeldes ab. Hebammen kommt im Rahmen der Primärversorgung und damit der Gesundheitsförderung eine wichtige Schlüsselrolle zu, informiert das Landratsamt Zollernalb.

Ihre Arbeit zielt darauf ab, die Gesundheit des neugeborenen Kindes sowie dessen Mutter zu stärken, auftretende Fragen zu beantworten und junge Familien bei einer gesunden Lebensführung zu begleiten. Bei Fragen oder Schwierigkeiten können sie unterstützen, aktiv entgegensteuern und die Möglichkeiten medizinischer Versorgungsangebote aufzeigen. Gleichzeitig übernehmen sie eine Lotsenfunktion für Familien in besonderen Lebenssituationen. Beispielsweise bietet die Bundesinitiative „Frühe Hilfen“, angesiedelt beim Jugendamt des Landratsamtes, kostenlose, schnelle und passgenaue Information, Beratung und Unterstützung für werdende Eltern und junge Familien mit Kindern von null bis drei Jahren.

Seit Januar 2014 gibt es über das Kooperationsprojekt Familienhebammen und Schwangerenberatung der Diakonischen Bezirksstelle Balingen den Einsatz von Familienhebammen zur Unterstützung von Familien mit psychosozialen Belastungen. Der Einsatz ist eine präventive und ressourcenorientierte Begleitung von Müttern (und Vätern) schon während der Schwangerschaft und insbesondere im ersten Lebensjahr des Kindes.

Die Koordinierung der Einsätze und die Beauftragung der Familienhebammen, sowie deren Begleitung erfolgt über die Diakonische Bezirksstelle. Die erweiterte Geburtennachsorge steht Eltern seit 2008 als Hilfsangebot zur Verfügung. Ziel ist es, durch den Einsatz einer Hebamme oder Familienhebamme, den Eltern, die im Umgang mit ihrem Kind verunsichert oder überfordert sind, bei der Pflege und Versorgung anzuleiten und sie zu befähigen, eine stabile und sichere Beziehung und Bindung zu ihrem Kind aufzubauen.

Ein weiteres Angebot sind Informationsveranstaltungen auf der Wochenstation und Tage der offenen Tür in der Geburtsklinik Balingen.

Um die Hebammen im Kreis zu unterstützen, setzt sich das Landratsamt für eine Verbesserung ihrer Situation ein . Verschiedene Maßnahmen wurden kürzlich beschlossen. So beteiligt sich beispielsweise der Landkreis an Fortbildungskosten.

Homepage bietet Orientierung

Außerdem ist eine Homepage in Arbeit mit einer Liste aller Hebammen im Zollernalbkreis.

Ein integriertes Ampelsystem soll darstellen, welche Hebammen zum Zeitpunkt der Suche werdender Eltern frei oder ausgebucht sind. Ziel soll sein, dass vor allem zeitliche Ressourcen seitens der Hebammen und der Eltern eingespart werden können. Eine moderne Homepage mit Darstellung der Hebammenlandschaft im Zollernalbkreis könne auch zum Anwerben von Nachwuchskräften beitragen.

Hebammen benötigen für ihre Tätigkeit verschiedene Geräte, die in regelmäßigen Abständen geeicht oder referiert werden müssen. Dazu zählen Blutdruckmessgeräte, Wehenschreiber oder Federkernwaagen.

Ein Tag im Jahr, an dem alle Geräte kontrolliert werden können, stellt eine weitere Entlastung der ansässigen Hebammen dar und kann daneben zur besseren Vernetzung beitragen.

Und nicht zuletzt reicht der Zollernalbkreis auch Berufseinsteigerinnen gerne die Hand und möchte eine Hebammentasche, gefüllt mit der notwendigen Grundausstattung, anbieten.

Diese individuellen Anreize durch den Landkreis können zur Entlastung der bereits aktiven Hebammen und gleichzeitig zur Gewinnung von Nachwuchs- und Fachkräften beitragen, hofft das Landratsamt.