Überlingen Der Demokratie verpflichtet

Überlingen / VOLKER TRUGENBERGER 19.11.2013
Wenige Wochen nach Vollendung seines 90. Geburtstages starb in Überlingen der Historiker Professor Dr. Fritz Kallenberg. Zur Erforschung der Geschichte Hohenzollerns hat er Großes geleistet.

Die Mitgliederversammlung des Hohenzollerischen Geschichtsvereins hatte ihn wegen seiner Verdienste um die Erforschung der Geschichte Hohenzollerns und als Historiograph des Hohenzollerischen Geschichtsvereins 1998 zum Ehrenmitglied ernannt.

Wer den Verstorbenen persönlich kannte, wusste ihn auch als Persönlichkeit zu schätzen: aufgeschlossen und menschlich im Umgang, anregend im Gespräch.

Geboren 1923 beschäftigte sich Kallenberg seit seinem Studium mit der hohenzollerischen Geschichte. Er folgte damit einer Anregung des Politikwissenschaftlers und Staatsrechtlers Theodor Eschenburg. Dieser hatte das Interesse des jungen Studenten auf die besondere staats- und verwaltungsrechtliche Entwicklung Hohenzollerns gelenkt und ihm den Weg in die Sigmaringer Archive gewiesen. Kallenberg promovierte 1962 bei einem Historiker, nämlich Martin Göhring, dem er als Assistent von Tübingen an das Institut für Europäische Geschichte in Mainz gefolgt war. Mit seiner Dissertation über die Fürstentümer Hohenzollern am Ausgang des alten Reiches leistete er auf 652 Schreibmaschinenseiten einen bahnbrechenden Beitrag zur politischen und sozialen Formation des deutschen Südwestens. Umfassend wertete er die einschlägigen Quellen im Staatsarchiv Sigmaringen und in dem damals noch selbständigen Fürstlich Hohenzollernschen Haus- und Domänenarchiv aus, darunter auch sehr schwer lesbare Fürstenkorrespondenz in französischer Sprache. Die leider ungedruckt gebliebene Arbeit ist bis heute Grundlage für jede wissenschaftliche Beschäftigung mit den hohenzollerischen Fürstentümern im 18. und frühen 19. Jahrhundert, ja sie diente sogar als Grundlage für literarische Annäherungen an die Sigmaringer Fürstin Amalie Zephyrine.

Als Mitarbeiter des renommierten Instituts für Europäische Geschichte in Mainz und ab 1965 als Professor am Institut für Geschichte an der Technischen Universität Darmstadt beschäftigte er sich weiterhin mit hohenzollerischen Themen. Er widmete sich der Schulorganisation im Fürstentum Hohenzollern-Sigmaringen, stellte die Fürstentümer Hohenzollern im Zeitalter der Französischen Revolution, untersuchte die Politisierung der dynastischen Beziehungen der schwäbischen zu den preußischen Hohenzollern und schilderte, wie in der Weimarer Republik ein preußischer Regierungspräsident sich letztendlich nicht mit der "Staatsautorität der Republik" - so der Titel seines Aufsatzes - gegen die monarchistischen und antirepublikanischen Positionen von Fürst, Stadt und Sigmaringer Gesellschaft durchsetzen konnte. Gerade dieser Aufsatz zeigt, wie Kallenberg sich als Historiker mit Hilfe einer kritischen Geschichtsschreibung für die demokratischen Grundwerte einsetzte.

Seine Auseinandersetzung mit der Geschichte Hohenzollerns gipfelte in der Gesamtdarstellung über Hohenzollern, die 1996 als Band 23 der Schriften zur politischen Landeskunde Baden-Württembergs erschien. Kallenberg war nicht nur Herausgeber dieser vortrefflichen Veröffentlichung, sondern steuerte auch den größten Teil selbst bei. Daneben interessierte er sich früh auch für die Geschichte des Hohenzollerischen Geschichtsvereins. Diese Forschungen fanden in zwei 1979 und 1992 publizierten Aufsätzen ihren Niederschlag.

Stets suchte er den Kontakt zum Geschichtsverein und ließ sich in die Vereinsarbeit einbinden. So war er 1967 beim 100. und 1992 beim 125. Jubiläum des Geschichtsvereins der Festredner. Als Ausfluss seiner nie abreißenden Verbundenheit zu Hohenzollern überließ er vor wenigen Jahren die Hohenzollern betreffenden Werke seiner Bibliothek sowie einschlägige Vortragsmanuskripte und Notizen der Hohenzollerischen Heimatbücherei in Hechingen.

Wie sehr Kallenberg sich mit seinen Forschungen zu Hohenzollern selbst identifizierte, mag die Tatsache zeigen, dass er sich in seinen letzten Lebenstagen von seiner Frau Biographien aus seinem Hohenzollernbuch vorlesen ließ. Er starb am 2. November.