Auf den Tag genau vor 40 Jahren, am 16. Mai 1980, trafen sich ehemalige Kernforscher, darunter Carl Friedrich von Weizsäcker und Karl Wirtz, zu einer Feierstunde im ehemaligen Bierkeller des Haigerlocher Schwanen-Wirts. Dort, in der ehemaligen Forschungsstätte des Kaiser Wilhelm Institutes, wurde an diesem Tag das Haigerlocher Atomkeller-Museum eröffnet.

Nur ein Holzverschlag – sonst nichts

Wie kam es dazu, dass im ehemaligen Felsenlaboratorium heute ein Museum beheimatet ist? Durch verschiedene Veröffentlichungen war zuerst die Fachöffentlichkeit darüber informiert, dass in Haigerloch ein kleiner Versuchsreaktor Ende des Krieges betrieben wurde. Einige Besucher kamen in den 1970er-Jahren nach Haigerloch und wollten im ehemaligen Bierkeller des Schwanen-Wirtes den Ort besichtigen, an dem der Reaktor gestanden hatte. Außer einem Holzverschlag vor dem Keller konnten die Besucher aber weiter nichts finden.
Da sich Anfragen zu den damaligen Versuchen auch im Rathaus häuften, versuchte der damalige Bürgermeister Roland Trojan, zu den ehemaligen Kernforschern Kontakt aufzunehmen. Schließlich war es Professor Karl Wirtz vom früheren Kernforschungszentrum Karlsruhe, der sich als kompetenter Berater zur Verfügung stellte. Prof. Wirtz lieferte die historischen Details und Dokumente. Er war maßgeblich an der Gestaltung der ersten Schautafeln für das neue Atomkeller-Museum beteiligt. Die Stadt kaufte vom Schwanen-Wirt den Keller, in dem der Reaktor 1945 betrieben wurde.

Viele Kernforscher unter den Gästen

Unter Anwesenheit vieler Kernforscher und ehemaliger Mitarbeiter des Uranprojektes von 1945 wurde schließlich im Mai 1980 das Haigerlocher Atomkeller-Museum eröffnet. Der frühere Leiter des Uranprojektes, Professor Werner Heisenberg, war 1976 gestorben. Zur Eröffnung sollte Heisenbergs Frau Elisabeth kommen. Diese sagte ihren Besuch jedoch aus Angst vor „grünen Krawallen“ ab. Und damit hatte sie nicht ganz Unrecht.
Unter die damaligen Gäste der Eröffnungsfeier hatten sich tatsächlich grüne Demonstranten gemischt. Bürgermeister Roland Trojan ging kurzerhand auf die etwas irritierten grünen Protestler zu und lud diese zur Eröffnungsfeier ein. Auf dem Foto der Eröffnungsfeier sieht man sie ganz hinten im Keller stehend.
Der Atomkeller wurde schnell zum Besuchermagneten und hatte in den Anfangsjahren jährlich zirka 20 000 Besucher. Auch die ehemaligen Kernforscher trafen sich immer wieder auf Schloss Haigerloch zu Ehemaligen-Treffen, besuchten das Museum und sprachen über ihre damalige Zeit.

Egidius Fechter übernimmt die Betreuung

1983 übernahm Egidius Fechter als Physiker die fachliche Betreuung des Museums und bot für Besuchergruppen kompetente Führungen an. Nachdem Fechter 1989 Leiter des städtischen Kultur- und Verkehrsamtes wurde, konnte er sich jetzt hauptamtlich um das Museum kümmern. Aufgrund der guten Kontakte zum Deutschen Museum in München konnte er in den folgenden Jahren zahlreiche Sonderausstellungen organisieren.
Einen großen Werbeschub gab es für das Atomkeller-Museum durch einen Fernsehfilm, der Anfang der 90er-Jahre auch in Haigerloch gedreht wurde. „Ende der Unschuld“ ist ein zweiteiliger Fernsehfilm, der die Arbeiten im Zweiten Weltkrieg beleuchtet. Beeindruckend war, wie im Film der letzte Haigerlocher Reaktorversuch nochmals originalgetreu nachgestellt wurde. Auch die Besetzung Haigerlochs durch die amerikanische Spezialeinheit, die Alsos-Mission, durfte nicht fehlen. Allerdings waren es jetzt die Mitarbeiter des Haigerlocher Bauhofes und weitere junge Haigerlocher, die verkleidet als amerikanische GIs in originalgetreuen LKWs die Oberstadtstraße herunterfuhren. Ein Filmausschnitt ist heute noch im Museum zu sehen.

Uranwürfel in Original-Maß

Weitere Exponate für das Museum stellten Leihgeber zur Verfügung. Im Jahr 2002 übergab die Baden-Württembergische Landesanstalt für Umweltschutz (LfU) in Karlsruhe dem Museum einen historischen Uranwürfel mit den Original-Maßen. Lange rankten sich Geschichten um diesen Uranwürfel. Die Auflösung finden die Besucher heute im Museum.
Irgendwann nagte der Zahn der Zeit vor allem an den Schautafeln. Im Jahre 2013 gab es schließlich die Möglichkeit, mit Hilfe von Mitteln aus dem europäischen Leader-Förderprogramm das Atomkeller-Museum völlig neu zu gestalten. Die Schautafeln wurden von Egidius Fechter neu konzipiert. Viele Informationen und Fotomaterial war seit der Eröffnung 1980 freigegeben worden und konnte jetzt auf neuen Tafeln eingearbeitet werden. Auch verschiedene Medienstationen zeigen heute kleine Videoclips. Zum Beispiel erklärt Otto Hahn in einem kleinen Filmausschnitt seinen Experimentiertisch.

Atombombenbau in Haigerloch?

Die Neugestaltung des Museums fand sehr großen Anklang, die Besucherzahlen haben sich in den letzten Jahren bei etwa 10 000 pro Jahr stabilisiert, was für ein kleines Museum sehr beachtlich ist. Seit Bestehen des Museums stand immer wieder die Frage im Raum: Wollte Hitler in Haigerloch noch die Atombombe bauen, wollten es die Wissenschaftler oder haben sie es gar verhindert? Reißerische Buchtitel wie „Hitlers Bombe“ oder auch entsprechende Zeitungsartikel versuchten Legenden zu bilden.
Die Darstellung der Geschichte der Kernenergie in Deutschland wird im Atomkeller-Museum auch nach 1945 weitergeführt und endet bisher mit einer Tafel, auf der die drei größten Atomunfälle aufgelistet sind. Der Unfall in Harrisburg, der Gau in Tschernobyl und die Naturkatastrophe in Fukushima bilden bisher den Schlusspunkt im Museum.
Durch die Corona Krise ist eine weltweite Rezession vorhergesagt. Gegenmaßnahmen erfordern in allen Bereichen neue Ideen ohne Denkverbote, auch in der Energiepolitik. Vielleicht könnte dabei auch eine neue Generation von Kernkraftwerken eine Rolle spielen. So lohnt sich etwa ein Blick auf die Erforschung des Dualfluidreaktors DFR, eine Erfindung von deutschen Kernphysikern am Institut für Festkörperphysik in Berlin.

Info Das Haigerlocher Atomkeller-Museum öffnet unter den vorgegebenen Corona-Hygieneregeln jetzt wieder seine Pforten. Wer sich ausführlich über  die  Geschichte des Atomkeller-Museums informieren möchte, kann dies auch anhand des Buches „Humbug in der Höhlenforschungsstelle“ von Egidius Fechter tun.

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Nicht gewusst, wie eine Bombe gebaut wird


Erst in den letzten Jahren hat der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Forschungszentrums Karlsruhe, Prof. Manfred Popp, eine erneute Analyse aller verfügbaren historischen Dokumente unternommen und kam zu dem Schluss: Die deutschen Physiker wussten nicht, wie eine Bombe gebaut werden kann, weil sie nie an einer realistischen Theorie der Atombombe gearbeitet hatten. Für den Bau einer Bombe muss man sich intensiv mit der Neutronenphysik beschäftigen und das haben die deutschen Physiker damals in der notwendigen Tiefe nie gemacht, ja vielleicht auch nie gewollt.

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Tausend Besucher etwa zählt das Atomkeller-Museum in Haigerloch heute pro Jahr.