Hechingen Das Revolutiönchen vom November 1918

Auftritt Rolf Vogt beim Geschichtsverein: Der Hechinger Historiker lieferte im Alten Schloß vor vollem Saal und Persönlichkeiten an der Wand Fakten, Fakten, Fakten über die Revolutionstage vor 100 Jahren in den Hohenzollerischen Landen.
Auftritt Rolf Vogt beim Geschichtsverein: Der Hechinger Historiker lieferte im Alten Schloß vor vollem Saal und Persönlichkeiten an der Wand Fakten, Fakten, Fakten über die Revolutionstage vor 100 Jahren in den Hohenzollerischen Landen. © Foto: Ernst Klett
Hechingen / Ernst Klett 15.11.2018
Die deutsche Novemberrevolution 1918 war in den Hohenzollernschen Landen nur ein Revolutiönchen.

Ende Oktober 1918. Nach über vier Jahren furchtbarem Krieg haben die Menschen genug. Das deutsche Heer ist in der Auflösung begriffen und ganz gewiss nicht im Felde ungeschlagen, wie später behauptet wird. In der Heimat herrscht bitterster Hunger. Ein Tropfen genügt, um das Fass überlaufen zu lassen. Dafür sorgen meuternde Matrosen in Kiel – mit Salzwasser also. An der Ostsee entstehen ab dem 4. November Soldaten- und Arbeiterräte nach sowjetischem Vorbild. Dann geht es ruck-zuck weg mit der alten Ordnung. Kaiser Wilhelm II. verzieht sich vom Großen Hauptquartier im belgischen Spa ins niederländische Exil, und in Berlin wird am 9. November die Republik gleich zweifach ausgerufen – von der SPD und von den Sozialisten.

Hoch spannende Tage

Was in den revolutionsbewegten Monaten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs vor genau 100 Jahren im preußischen Südwest-Anhängsel geschah, dass hat der Hechinger Historiker Rolf Vogt beim Hohenzollerischen Geschichtsverein einem stattlichen Zuhörerkreis minutiös nähergebracht. Obwohl alles etliche Nummern kleiner war als in den Großstädten und man vielleicht nur von einem Revolutiönle sprechen sollte, waren es doch hoch spannende Tage in der tiefen schwäbischen Provinz – und ein ebenso spannender Vortrag darüber.

„Dem Kaiserstammland war der Kaiser abhanden gekommen“, formulierte es der Referent trefflich. Die Bewohner der Hohenzollernschen Lande, die von Glatt mit Exklaven bis kurz vor den Bodensee reichten, standen vor der bangen Frage, was aus dem preußischen Regierungsbezirk werden sollte. Nachdem das Kaiserreich so abrupt Geschichte geworden war, konnte man sich in der blutjungen Demokratie alles vorstellen. Sogar einen Anschluss an Württemberg!

Die Revolution kam ganz pünktlich nach Hechingen. Am 9. November, es war ein Samstag, erschienen Extrablätter der beiden Zeitungen. Dann war aber erst einmal Pause. Die hohenzollerischen Abgeordneten, drei vom katholischen Zentrum, einer von der Volkspartei, setzten auf Ruhe im Volk. Der Sigmaringer Fürst ging in die Vorwärtsverteidigung: Wilhelm verzichtete auf Sonderrechte und spendete am 11. November beachtliche zwei Millionen Mark für die Soldaten, die verwundet aus dem Krieg heimkamen. Den Deckel auf dem brodelnden Revolutionstopf konnte er damit freilich nicht gänzlich halten.

Insbesondere in der Industriestadt Hechingen, so erzählte Rolf Vogt, ging es zur Sache. Ein Soldatenrat organisierte für den Mittwoch eine Kundgebung vor dem Rathaus. Es war die erste öffentliche und größte Versammlung in Hohenzollern. Gut 1200 Menschen sollen teilgenommen haben, und nach einer Dreiviertelstunde war Schluss. Es wurden acht Forderungen gestellt, unter anderem ging es um Amnestie und Meinungsfreiheit sowie Rede- und Pressefreiheit. Gleichzeitig legten die Revolutionäre Wert darauf, dass die öffentliche Ordnung aufrecht erhalten und die Lebensmittelversorgung verbessert werde. In der Folge des 13. November gab es zum Soldaten- noch einen Arbeiter- und einen Bauernrat. Letztere kamen einen Tag später etwa 800-köpfig zusammen. Im Anschluss zogen rund 60 Demonstranten vor das Oberamt (vergleichbar mit dem heutigen Landratsamt) in die Kaufhausstraße und riefen „weg mit den Preußen“.

Konflikte gab es ebenfalls zwischen dem Soldatenrat – gut 5000 Männer in Uniform kamen von der Westfront heim nach Hohenzollern – und der Polizei, damals Gendarmerie geheißen. Verglichen mit den Straßenkämpfen in Berlin, gab es aber lediglich Scharmützel – mit wenigen Ausnahmen: den Mühlensturm von Gruol, wo hunderte von Menschen die staatlichen Kontrolleure verjagten, und die gewalttätigen Proteste in Sigmaringen im Februar 1919. Dort kamen die Kriegsverwundeten zusammen, weil sie sich um ihre fürstliche Unterstützung betrogen sahen.

Stammtischwitz mit Folgen

Dass die radikalen Spartakisten in Hohenzollern zuschlagen würden, erwies sich am Ende als bloßer Stammtischwitz. Immerhin glaubten das Gerücht ausreichend viele: 40 schwerbewaffnete Soldaten, so schilderte es Rolf Vogt, wurden zur Sicherheit vom Heuberg nach Sigmaringen entsandt. In der Folge kam es fast zur Gegenrevolution: Bürgerwehren wurden gebildet und ausführlich bewaffnet. Der Referent listete 600 Gewehre mit 45 000 Schuss Munition und vier Maschinengewehre allein fürs Oberamt Sigmaringen auf. Im Raum Hechingen ergriff ein Bisinger Textilfabrikant die Initiative.

Der Wege vom Kaiserreich in die Republik verlief in Hohenzollern aber unblutig. Und im Laufe der Monate verloren die Menschen langsam das Interesse an den Räten. Rolf Vogt: „Die Euphorie war der Ernüchterung gewichen.“ Überhaupt war ein Thema beherrschender als alle anderen: „Die Leute hatten fürchterlich Hunger“, unterstrich der Vortragende. Ende 1919 wäre es in Hechingen deshalb beinahe zu Unruhen gekommen.

Die SPD, bei den Wahlen in einem Zwischenhoch gewesen, verlor wieder mächtig Stimmen. Das katholisch geprägte Zentrum blieb das politische Bollwerk zwischen Eyach und Donau. Die Enteignung des Fürsten, dem damals 20 Prozent des Landes gehörten, haute nicht hin – ein Volksbegehren scheiterte kläglich. Die Burg Hohenzollern, vorübergehend im staatlichen Besitz, wechselte 1923 zurück an die Familie. Alles ging allmählich seinen üblichen Gang: Man hatte die Preußen wieder lieb, leugnete die deutsche Kriegsschuld, glaubte schon eifrig an die Dolchstoßlegende und lehnte den Friedensvertrag von Versailles ab. Gesellschaftsfähig wurde im Hohenzollerischen der Antisemitismus, stellte Rolf Vogt fest. Sein ernüchterndes Fazit: „Der Keim gegen die Weimarer Republik war früh gelegt.

Als einzigen dauerhaften und greifbaren Erfolg der Novemberrevolution wertete der Hechinger Historiker in seinem Beitrag das kleine Boll: Die Gemeinde hatte dem Fürsten hartnäckig Waldflächen am Zollerberg und 75 000 Mark abgerungen.

Info Rolf Vogt zum Zweiten: Am Sonntag geht es um „Kaiserhoch und Heldengedenken: Die nationalen Feiertage in Hechingen.“ Der Vortrag ist eine Veranstaltung der Initiative Hechinger Synagoge und beginnt um 19 Uhr in der Alten Synagoge.

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