Visite in einer der zwei neuen Klassen an der Hechinger Alice-Salomon-Schule. Wie im Kasernenhof fahren zehn Schüler kerzengrade in die Höhe, stehen stramm, als Rektor Karl-Heinz Rauch eintritt. Der ist verblüfft, lächelt dann amüsiert. "Setzen Sie sich wieder", sagt er freundlich.

Die Zehn folgen. Zögernd. Ihr Deutsch ist nicht so gut, dass sie genau verstanden hätten, was der Schulleiter gesagt hat. Aber sein Wink mit der Hand ist eindeutig. So behilft man sich in den beiden Klassen derzeit oft: Mit Händen und Füßen. Englisch, das die meisten der Schüler verstehen würden, bleibt außen vor. Es geht darum Deutsch zu lernen, Deutsch, Deutsch, Deutsch.

Die beiden Internationalen Klassen wurden an der Alice-Salomon-Schule erstmals eingerichtet. Asylbewerber, deren Anerkennungsantrag läuft, von denen zwar nicht klar ist, ob sie bleiben dürfen, die aber zumindest die Aussicht darauf haben, erhalten hier die Chance, Deutsch zu lernen. Ihr Aufenthalt in Hechingen ist von den Behörden für die Dauer diesen Jahres garantiert.

Die jungen Frauen und Männer sind zwischen 19 und 21 Jahre alt; sie kommen aus unterschiedlichsten Ländern und entstammen genauso unterschiedlichen Bildungsschichten. Vom Studenten, der mehrere Fremdsprachen beherrscht bis zum Analphabeten ist alles vertreten. In den Internationalen Klassen sollen sie "ausbildungsfähig" gemacht werden. Um das zu erreichen, vermittelt der Unterricht neben Mathematik und Sport auch deutsche Geschichte, Kultur und Gepflogenheiten. Vor allem aber deutsche Sprache.

Wenn alles gut läuft, ist es erfolgreichen Absolventen möglich, nach dem Jahr eine Lehre anzutreten - oder sich schulisch weiter zu qualifizieren. Diesbezüglich herrscht dem Vernehmen nach größte Verwirrung unter den Schülern. Während die einen glauben, nach dem Sprachjahr unmittelbar an die Uni wechseln zu können, erscheint es anderen schier unbegreiflich, dass man im deutschen Bildungssystem tatsächlich den Weg vom Handwerker zum Professor oder Astronauten gehen kann.

Ganz soweit ist es aber noch nicht, noch geht es um Grundbegriffe und darum lehrtauglich zu werden. Grundbegriffe wie "Löffel" und "Teller" lernen die 20 auch in der Ausbildungsküche der Salomon-Schule. Die Küche, wo für sie - und mit ihnen - Frühstück und Mittagessen zubereitet werden, bietet sich als Lernort an. Doch hegt man durchaus Hoffnung, ein paar der momentanen Asylbewerber könnten später in entsprechende Berufe in der Gastronomie einsteigen.

Zu den Hoffenden gehören Industrie- und Handelskammer und heute schon einzelne Unternehmen. Sie, die händeringend nach Lehrlingen suchen, verfolgen die Vorgänge mit Spannung.

Die Euphorie an der Schule ist mit Händen zu greifen. Die neuen Schüler, sagt der Rektor, "sind heiß auf Schule, die wollen lernen". Umgekehrt drängen Mitglieder des Lehrkörpers danach, sich einzubringen. Zwölf Lehrer unterrichten in den Internationalen Klassen, haben teilweise eigens Fortbildungen dafür absolviert. Natürlich - wie sich das alles weiter entwickelt, wisse niemand, dämpft die Stellvertretende Schulleiterin Leonie Schneider-Loye allzu überbordende Erwartungen. Karl-Heinz Rauch stimmt dem grundsätzlich zu, meint andererseits, derartiger Realismus sei eine doch allzu deutsche Betrachtungsweise. Die wird einstweilen aus dem Stundenplan gestrichen.