Hechingen / Von Diana Maute Ausdrucksstarke Bilder der syrischen Künstlerin Khadija Al Ghanem sind in der Hechinger Rathausgalerie zu sehen.

Es ist nur ein Wort, das die Ausstellung im Rathaus überschreibt und doch so unendlich viel ausdrückt: „Nard“, arabisch für Würfel, wird auf den ersten Blick mit einem Glücksspiel, einem jahrtausendealten Zeitvertreib assoziiert. In den Werken von Khadija Al Ghanem steht es für viel mehr. Der Würfel entwickelt sich hier zur Allegorie eines Lebens, in dem der Mensch zum Würfel im Spiel der Mächtigen geworden ist. Verlierer sind die Schwachen, die Wehrlosen und Unterdrückten, deren Schrei nach Frieden und Freiheit viel zu oft ungehört bleibt. „Ich bin sehr traurig, wenn ich sehe, wie Menschen zu Würfeln geworden sind“, sagt die aus Aleppo stammende Khadija Al Ghanem, die in der Rathausgalerie ihre Werke präsentiert.

Bei der Vernissage am Freitag, die mit einer überwältigenden Publikumsresonanz aufwarten konnte, ließ die Künstlerin Würfel über den glatten Steinboden des Rathauses fallen. Und führte damit eindrucksvoll vor Augen, wie sehr diese Spielgeräte den Händen derer ausgeliefert sind, die mit ihnen umgehen. Übertragen auf Menschen in den Krisengebieten dieser Welt, ein erschreckendes Bild: „So sind wir in der Hand der Tyrannen nur Würfel, genormt und hingeworfen im wechselhaften Spiel ihrer Machtinteressen“, konstatierte sie.

Khadija Al Ghanem ist es gelungen, sich dieser Hand zu entziehen und vor dem Krieg in Syrien zu fliehen. Seit zwei Jahren lebt sie in Hechingen, wo sie sich auf vielfältige Weise durch ehrenamtliches Engagement in die Gesellschaft einbringt. „Damit ist sie ein Beispiel gelebter und gelungener Integration“, lobte Bürgermeister Philipp Hahn bei der Vernissage.

 

Wenn die Künstlerin zum Pinsel greift, kehrt sie ihr Innerstes nach außen, verarbeitet ihre Erlebnisse, ihre Gedanken, Ängste, Träume und Hoffnungen in ihren Bildern. „Die Kunst ist eine Vermittlerin des Unaussprechlichen“, zitierte Hahn den Dichterfürsten Goethe. Denn die Sprache der Kunst, die über das Wort und jede Sprachbarriere hinausgehe, mache es möglich, das Unsägliche auszudrücken. „Khadija Al Ghanem nutzt die Stärke der Bilder und erzählt dem Betrachter über die Gefühle und Wunden ihrer Seele“, unterstrich der Bürgermeister. Wie bei jedem Spiel gehe es beim Würfeln ums Gewinnen und Verlieren. „Leider gibt es in unserer Gegenwart viele verlorene Spiele.“

Auch wenn viele Dinge auf der Welt schwer zu begreifen seien, könne jeder dazu beitragen, den Menschen, die durch Krieg und Flucht vieles verloren haben, Hoffnung zu geben. „Das lesen wir in den Bildern von Khadija Al Ghanem“, in dem das Unaussprechliche Gestalt annehme.

Auf einem Rundgang durch die Rathausgalerie machte Dr. Peter Waltner, der den Ausstellungskatalog gestaltet hat, das Publikum mit den Bildern vertraut. Die Werke bestechen durch kräftige Farben, energetische Bewegungsstrukturen und eine eigentümliche Mischung aus Stärke, Anmut und Melancholie. Bilder wie „Der Tod und das Meer der Hoffnung“, in dem sich das Verlangen Bahn bricht, sich von den eisernen Fesseln der Macht zu lösen, oder „Rebellion der Frau“, das die Sehnsucht nach Frieden und Freiheit verkörpert, fesseln unwillkürlich den Blick des Betrachters. Und immer wieder erscheint „Nard“, das Motiv des Würfels.

Einen begeisternden Auftritt legten bei der Vernissage vier junge Musiker des Gymnasiums und der Realschule Hechingen hin. Jule Rhomberg, Luis und Marvin Hähn sowie Hannes Kapala, umrahmten die Veranstaltung mit mitreißenden Liedern.

Info Die Ausstellung in der Hechinger Rathausgalerie ist bis zum 12. April, montags bis freitags von 8.30 bis 12.30 Uhr und donnerstags von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

Portraitzeichnen mit Khadija Al Ghanem

Die VHS Hechingen bietet im Mai unter dem Titel „Ein Bild von einem Freund – Portraitzeichnen mit den Liebsten“ einen Zeichenkurs mit Khadija Al Ghanem an. Infos und Anmeldung unter www.vhs-hechingen.de oder Tel. 07471/5188.