Es ist jetzt offiziell: Die Zollernalb ist Corona-Risikogebiet. „Wir gehören laut Robert-Koch-Institut zu den gefährdeten Regionen.“ Das sagte Dr. Gerhard Hinger, der Geschäftsführer des Zollern-Alb-Klinikums, am Donnerstagnachmittag vor einem Großaufgebot an Medienvertretern. Das Risiko sei schon dadurch begründet, dass seit Aschermittwoch aus zwei Nachbar-Landkreisen (Tübingen und Rottweil) bestätigte Infektionen vorliegen. Deshalb ist es laut Hinger „verständlich, dass die Menschen sich Sorgen machen.“

Klinik: Keine Hektik, keine Panik!

Zentral ist gleichwohl Hingers Botschaft: „Es muss keine Hektik, keine Panik entstehen.“ In den Krankenhäusern in Balingen und Albstadt sei man „für alle Maßnahmen gewappnet“. Prävention spielt laut Hinger in der aktuellen Situation eine zentrale Rolle. Im Klinikum werden konsequent keine Hände gegeben. Die Botschaft lautet: „Wir sind nicht unhöflich, wir sind umsichtig. Wir verzichten auf das Händeschütteln und schenken Ihnen ein Lächeln.“

Und so könne jeder Einzelne etwas zum Schutz für sich und seine Mitmenschen tun, indem er auf Händehygenie achtet – und auch mal auf ein Begrüßungsküsschen verzichten. Wichtig auch die Botschaft: Wer sich unwohl fühlt, muss nicht immer gleich die Krankenhaus-Ambulanz aufsuchen. Auch bei der Hotline des Gesundheitsamtes und beim Hausarzt darf man sich gut beraten fühlen. Wichtig: Nicht in eine Arztpraxis oder in die Ambulanz hineinplatzen, wenn man einen Verdacht spürt, sondern sich telefonisch anmelden!

►Stadt Hechingen ist vorbereitet

Ruhig Blut! Und trotzdem Gewehr bei Fuß stehen. Darauf setzt man in der Stadt Hechingen. „Wir sind organisatorisch auf alle Eventualitäten vorbereitet“, betont Bürgermeister Philipp Hahn. Und er fügt hinzu: Federführend ist im Falle des Falles das kreisweite Lagezentrum im Landratsamt. Die Stadt übt sich für ihre annähernd 330 Beschäftigten derweil selbst in Vorbeugung: Alle Mitarbeiter sind über ein Rundschreiben des Arbeitsmediziners darüber informiert worden, wie sie sich am effektivsten vor Ansteckung schützen. Die Rundmail gilt ebenfalls für die Kindertagesstätten.

► Dr. Stekeler: „Es ist dramatisch“

Dramatisch nennt der Hechinger Allgemeinmediziner Dr. Bernd Stekeler die Ausbreitung des Coronavirus – vor allem aber auch, wie man „die Entwicklung teilweise totgeschwiegen hat“. Jetzt sei „die Hysterie mitten unter uns; die Tragik ist da“. Den Arzt selbst haben die jüngsten Nachrichten aus Tübingen und Balingen nicht überrascht – weshalb er rechtzeitig vorgesorgt hat: Vor gut drei Wochen bereits hat er für seinen Praxisbetrieb Mundschutzmasken (vom Typ FFP 3) und Schutzkittel bestellt. Am Mittwoch wurden sie geliefert. Zum Einsatz kommen werden sie, wenn in seiner Praxis der erste Verdachtsfall vorstellig wird. Wobei: Schon jetzt mehren sich bei ihm die Grippefälle drastisch. Und die Symptome des Coronavirus sind ähnlich – „da klingeln jetzt schon die Alarmglocken“.

Zum Vorteil gerät Bernd Stekeler und seinem Team, dass deren Praxisräume räumlich getrennt nutzbar sind – sogar mit separaten Eingängen. Im Ernstfall, ergänzt der Allgemeinmediziner, werde ihm die Verantwortung für die Coronafälle zukommen. Und der Ernstfall wird eintreten, glaubt Stekeler.

►Große Nachfrage bei Apotheken

Die Nachfrage nach Mundschutz und Desinfektionsmittel für die Hände ist groß. „Wir haben nichts mehr da“, hieß es am Donnerstag in der Apotheke Spranger. „Nur Desinfektionsmittel für Flächen gibt es noch.“ Seitdem der Verdachtsfall in Balingen bekannt wurde, stieg die Abnahme noch einmal spürbar. „Die Menschen haben das Gefühl: Die Krankheit ist hier angekommen“, meint Petra Spranger, der neben der Apotheke am Obertorplatz auch die Eugenien-Apotheke gehört. Auch Betriebe decken sich ein. „Wir haben so viel Mundschutz verkauft, wie in den letzten zehn Jahren nicht.“ Nächste Woche soll Nachschub kommen.

Doch mit Nachschub könnte das so eine Sache sein in einer globalen Welt. Allein in der am meisten vom Coronavirus betroffenen Provinz Wuhan in China gibt es 16 größere Arzneimittelhersteller. Die Produktion dort ist zum Erliegen gekommen. Was dann eben weltweit zu spüren sein wird.

Die Grippe ist in Hechingen bereits angekommen, Corona wird auch kommen, ist sich Petra Spranger sicher. Gerade die Fasnetszeit habe mit ihren Bällen und Umzügen Riesenansteckungspotenzial geboten. Zwei Wochen, davon wird ausgegangen, beträgt die Inkubationszeit beim Coronavirus. Auch in der Stadt-Apotheke und der Löwen-Apotheke von Adrien Nangoum waren Mundschutztücher zunächst ausverkauft, „doch jetzt haben wir wieder etwas bekommen“. Am Freitag erwartet er einen weiteren Karton mit 50 Mundschutztüchern. Auch Desinfektionsmittel seien genügend da. Allein am Donnerstagvormittag gingen bei ihm gut 30 Fläschchen davon über die Ladentheke. „Einige Kunden versuchen wohl schon, sich einen gewissen Vorrat anzulegen.“ Auch nach allem, was das Immunsystem des Körpers stärken kann, werde derzeit übrigens sehr stark gefragt.

Altenheime haben Erfahrung

Ältere Menschen mit schwachem Immunsystem sind besonders gefährdet. Herrscht daher oberste Alarmstufe und Aufregung in den Seniorenheimen? Kaspar Pfister, Geschäftsführer und Inhaber der Benevit, eines der europaweit größten Pflegedienstunternehmen, macht deutlich: Jedwede Ansteckungswelle stelle für die Bewohner von Altenheimen, zumal für die schwächlicheren oder bereits anderweitig erkrankten unter ihnen, eine Bedrohung dar – ob es sich nun um Grippe- oder Magen-Darm-Erkrankungen handelt. Hygiene sei daher ein Dauerthema. Sein Personal sei geschult und verfüge über Erfahrung. Auch habe man genug Hygienemittel und Masken vorrätig. „Wir sind vorbereitet“, sagt Pfister und rät trotz der ernsten Lage zu einem „vernünftigen Umgang“ mit dem Thema.

► Ridi: Fachmesse fällt aus

Schon bevor das Coronavirus die Landkreise Tübingen und Zollernalb erreicht hat, ist man bei der Junginger Firma Ridi Leuchten präventiv tätig geworden. In Absprache mit dem eigenen medizinischen Dienst, informiert der Kaufmännische Leiter Claus Peter Pitzen, sei am Firmensitz die Zahl der Desinfektionsspender mit dem Wirkstoff Viruzid aufgestockt worden. Außerdem habe man Sonderreinigungen vor allem für Türklinken, Geländer und Aufzüge veranlasst. Mitgetragen werde von Ridi selbstverständlich auch die Entscheidung der Messeveranstalter und der Industrie, die für Anfang März in Frankfurt anberaumte Fachmesse Light & Building abzusagen – und auf den Herbst zu verschieben. Schließlich wären dort „Menschen aus der ganzen Welt“ aufeinander getroffen – aus Asien, China… Apropos: Dass das Junginger Unternehmen im Norden Italiens eine Niederlassung unterhält, nennt Claus Peter Pitzen unproblematisch: „Mit Italien gibt es keinen Personalaustausch und Warenlieferungen ausschließlich nach Italien.“

►Tubex spürt nichts

Bei der Rangendinger Firma Tubex spürt man noch nichts von den Auswirkungen des Coronavirus. „Wir beziehen unsere Waren aus dem europäischen Raum, nicht aus China“, sagt Karin Bauer, HSE-Managerin für Umwelt, Arbeitsschutz und Gesundheitsschutz. Italien zählt nicht dazu. Tubex bekommt seine Rohmaterialien demnach aus der Schweiz, aus Österreich und Spanien. Da das Unternehmen Leichtverpackungen für die Kosmetikindustrie produziert, unterliegen die Mitarbeiter schon strengen Hygienevorschriften.

►Marc Cain: Alle sind sensibilisiert

Das Modeunternehmen Marc Cain spürt aktuell ebenfalls noch keine Auswirkungen auf die internationalen Handelsbeziehungen. Die Mitarbeiter wurden aber laut Carolin Gebhardt, einer Marc Cain-Pressesprecherin, über das Coronavirus per E-Mail sowie über das Intranet informiert. Außerdem wurden sie für noch stärkere Hygienemaßnahmen sensibilisiert. „Desinfektionsspender sind schon immer in unseren Sanitärräumen zu finden. Eine Mundschutzvergabe findet nicht statt.“

►Wie sieht’s mit Reisen aus?

Sarah Domscheit, Mitarbeiterin des Hechinger Reisebüros Bühler, berichtet: „Die Nachfrage für Reisen nach China oder Italien ist gerade gar nicht da.“ Bisher habe es aber auch noch keine Anfragen wegen Stornierungen gegeben. Vor dem Ausbruch des Coronavirus sei vor allem Italien bei den Hechingern sehr gefragt gewesen, China hingegen nicht so, sagt die Reisefachfrau.

►Auf der Burg ist alles normal

Auf der Burg Hohenzollern geht alles seinen gewohnten Gang. Es kommen deutsche und internationale Gäste, in der Gruppe, als Einzeltouristen und als Familien. Die internationalen Gäste sprechen englisch, französisch, spanisch, italienisch, russisch, japanisch, portugiesisch, chinesisch, arabisch... Woher diese Gäste letztendlich kommen, kann die Burgverwaltung nur bedingt sagen. Japanische Gäste reisen hauptsächlich in der Gruppe. Von daher kann definiert werden, dass rund 80 Prozent der asiatischen Gäste aus Japan kommen. Von den asiatischen Einzeltouristen, die chinesisch sprechen, kann die Burgverwaltung weder sagen, ob diese aus China, Taiwan, Malaysia, Indonesien oder Singapur stammen noch, ob diese Gäste direkt aus einem dieser Länder eingereist sind.

Sowohl die Gäste als auch die Mitarbeiter der Burg Hohenzollern sind sich der Thematik bewusst und es ist jedem freigestellt, wie er damit umgeht. „Wenn Burgmitarbeiter bei der Arbeit Mundschutz tragen möchten, können sie das gerne tun, und regelmäßiges Händewaschen ist eigentlich eine Selbstverständlichkeit“, erklärt Burgverwalterin Anja Hoppe und fügt hinzu: „Japanische Gäste tragen seit jeher einen Mundschutz.“ Nichtsdestotrotz hat die Burgverwaltung aber auch einen Händedesinfektionsautomat in der Eingangshalle aufstellen lassen.

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