Es war der 30. Dezember, als die Corona-Schutzimpfungen mit einer 97-jährigen Frau aus Straßberg auch im Zollernalbkreis starten konnten. Insgesamt 5429 Infektionen mit dem Coronavirus hat das Landratsamt seither bestätigt.
Geimpft, jedoch nicht immer vollständig immunisiert, waren die Betroffenen laut Landratsamt in seither insgesamt 347 Fällen, also bei gut sechs Prozent aller Neuinfektionen (Alle Zahlen: Stand 23. August). In fast 94 Prozent der Fälle waren die seither Infizierten also weder einfach geimpft, noch vollständig immunisiert gewesen.

Landratsamt dokumentiert Fälle

Die Behörde hat zudem einen kleinen Geschlechterunterschied festgestellt: In 56 Prozent der Fälle sind die Infizierten Frauen.
Das Landratsamt dokumentiert die Fälle seit Beginn der Impfungen und teilt die Gruppen auf Anfrage auf: Ein Großteil dieser 347 Fälle, insgesamt 267 Fälle, traten nach der ersten Impfung auf.

Kaum Impfdurchbrüche

Vollständig geimpft, also zwei Mal respektive ein Mal beim Wirkstoff von Johnson & Johnson, waren die Menschen in 57 Fällen. In 23 Fällen sind 14 Tage nach der vollständigen Impfung vergangen, was der vollständigen Immunisierung des Geimpften entspricht.
Das zeigt: Nur in gut 0,4 Prozent der Fälle ist ein Infizierter im Zollernalbkreis auch vollständig durch eine Corona-Schutzimpfung immunisiert gewesen.

Wie viele Geimpfte infiziert wurden

Zwei Wochen vor unserer Anfrage beim Landratsamt waren über 95.000 Zollernälbler doppelt geimpft, gelten nun als vollständig geimpft. Gerechnet auf diesen Teil der Bevölkerung würden die 23 Fälle bedeuten: 0,024 Prozent der Geimpften sind trotz vollständiger Immunisierung nachweislich mit dem Coronavirus infiziert worden.
Im Durchschnitt seien die Infizierten bei einem Impfdurchbruch 62,3 Jahre alt, schreibt das Landratsamt. Eine Infektion gilt in der Statistik als „Impfdurchbruch“, wenn ein vollständig Immunisierter auch Symptome einer Covid-Erkrankung hat.

Ungeimpfte öfter infiziert

Mittlerweile steigt die Inzidenz im Zollernalbkreis wieder stetig, liegt am Montag bei einem Wert von über 90. Die aktuelle 7-Tage-Inzidenz bei den Ungeimpften: 178. Bei den Geimpften sind es 16 Infektionen pro 100.000 Geimpfter, wie das Landratsamt schreibt.

Statistik ist nur eine Momentaufnahme

Freilich ist das nur eine Momentaufnahme und könnte sich täglich stark ändern, wie das Landratsamt betont – das zudem darauf verweist, dass diese Berechnung, die unsere Zeitung angefragt hat, auf der 7-Tage-Inzidenz des Landkreises sowie der (sich stetig ändernden) Impfquote des Sozialministeriums beruht. Und letztere ist nicht perfekt, in seltenen Fällen würden beispielsweise Impfungen von Betriebsärzten noch in der Statistik fehlen.

Infektionen aus dem Urlaub nach Hause gebracht

Für Dr. Gabriele Wagner, Chefin des Gesundheitsamts, ist der Anstieg der Neuinfektionen keine Überraschung: „Das war zu erwarten – vor allem durch Rückkehrer aus dem Sommerurlaub – und folgt der bundesweiten Entwicklung.“ Bei den meisten Infektionen im Zollernalbkreis handle es sich aktuell um Reiserückkehrer und Urlauber sowie deren Familienangehörige – auch wenn diese zu Hause geblieben waren.

Plädoyer für die Impfung

Hier helfe nur die Impfung. Denn: „Rund 85 Prozent der derzeit Infizierten waren nicht geimpft“, sagt Wagner, die an die Vernunft der Menschen appelliert. Mittlerweile sind rund 54 Prozent der Zollernälbler vollständig geimpft.
Weiter sagt Wagner: „Infizierte mit komplettem Impfschutz erkranken in der Regel nur sehr leicht und müssen deshalb nicht im Krankenhaus und erst recht nicht auf der Intensivstation behandelt werden.“

Mehr Infizierte wieder im Krankenhaus

Der Chefarzt der Intensivstation, Prof. Dr. Boris Nohé, bestätigt Wagners Aussagen, und sieht die Anzahl der Krankenhauseinweisungen und Intensivaufnahmen bundesweit wieder steigen.
Zwar hätten die Infektionszahlen bereits jetzt das Herbstniveau des Vorjahres erreicht, doch schlage der Effekt in geringerem Maße auf die Krankenhausbehandlungen durch. Aktuell werden im Zollernalb-Klinikum sieben Patienten mit Covid-19 behandelt, einer davon auf der Intensivstation, schreibt Nohé.

Impfeffekt in Klinik spürbar

Dort bemerken sie den Impfeffekt: „Über 95 Prozent der seit dem 13. Juli im Klinikum detektierten Coronainfektionen betrafen Patienten ohne vollständigen Impfschutz.“
Nohé erläutert Ausnahmefälle: „In einem Infektionsfall trotz vollständiger Impfung handelte es sich lediglich um einen Zufallsbefund ohne jegliche Erkältungssymptome, der bei der Routinetestung vor einer geplanten Operation auffiel.“
Der zweite Fall betreffe einen Patienten, der sich höchstwahrscheinlich wenige Tage nach der zweiten Impfung infiziert habe, also bevor die volle Schutzwirkung gegeben war. „Zudem steht der Patient nach einer Transplantation unter starker Immunsuppression, sodass es sich hier um einen echten Sonderfall handelt“, erklärt Nohé.
Die Schutzwirkung einer vollständigen Impfung gegen Covid-19 sei mit circa 87 Prozent trotz der Delta-Variante sehr gut.

Nahezu jeder wird mit Virus in Berührung kommen

„Da das Coronavirus nicht mehr aus unserer Welt verschwinden wird, kann man in anderen Worten sagen, dass nahezu jede Person in den nächsten zwei Jahren mit dem Virus in Kontakt kommen wird und die Impfung ein hochwirksamer Schutz gegen eine schwere Erkrankung ist“, sagt Nohé. Letzteres gelte auch für die jüngere Bevölkerung in der Altersgruppe bis 59 Jahre, die jetzt die Mehrzahl der Krankenhauseinweisungen stelle.

Auch Jüngere können stärker betroffen sein

Weshalb er auch diesen die Impfung empfiehlt? „Unser vorletzter Intensivfall war gerade 24 Jahre alt und konnte erst nach 90 Tagen Intensivtherapie mit langdauernder Beatmung und Dialyse für die weitere Therapie des Long-Covid-Syndroms in eine Reha-Klinik verlegt werden“, sagt Nohé.
Anhaltende Beschwerden nach Covid-19 würden nicht nur nach schweren Verläufen auftreten. Etwa 15 Prozent der Patienten mit mildem, ambulanten Verlauf würden acht Monate danach darüber berichten, so Nohé.

Chefarzt sieht seine Abteilung gerüstet

Intensivmedizinisch sieht Nohé das Zollernalb-Klinikum auch für die vierte Welle gut aufgestellt. Er lässt Revue passieren: „In den vorangehenden Wellen waren wir mit außergewöhnlich hohen Patientenzahlen konfrontiert. Täglich lagen bis zu 16 Covid-Patienten auf der Intensivstation.“
Bis Ende Juni 2021 wurden laut Nohé 133 Covid-Patienten mit Lungenversagen auf den Intensivstationen des Zollernalb-Klinikums behandelt, 90 Prozent hiervon mit maschineller Beatmung.

Erfolg: weniger Tote bei Beatmung

Trotz dieser „hohen Belastung“ sei die Sterblichkeit der beatmeten Covid-Patienten auf 35 Prozent begrenzt worden. „Große Studien berichteten zuletzt im Mai über eine bundesdeutsche Sterblichkeit von 51 Prozent bei Beatmung“, sagt Nohé.
Als Intensivmediziner sehe er dem Herbst daher gelassener entgegen als den vergangenen Wellen. „Der Schutz vor Infektion, anhaltenden Beschwerden oder gar schwerer Erkrankung sollte jedem ein persönliches Anliegen sein, zumal es mit der Impfung so einfach geworden ist“, meint Nohé.
„Wenn wir uns dann im persönlichen Kontakt noch vernünftig verhalten und uns die möglichen Impfdurchbrüche nicht ungeschützt gegenseitig entgegenhusten, dann sollte der Winter 2021 deutlich besser werden als es der Winter 2020 war.“