Die täglichen Fallzahlen im Zollernalbkreis liegen auf Rekordhoch: 128 meldete das Landratsamt am Mittwoch, 80 am Donnerstag. Angesichts dieser Vielzahl an neu bestätigten Corona-Infektionen sei man dann aktuell auch nicht mehr vollständig mit der Kontaktnachverfolgung hinterhergekommen, berichtete Dr. Gabriele Wagner, Chefin des Gesundheitsamts, am Donnerstag im Gespräch mit Journalisten. Doch wie sind diese Zahlen einzuschätzen, woher rühren sie? Für Landrat Günther-Martin Pauli ist klar: Sie sind zu einem großen Teil auf die vermehrten Tests in der Bevölkerung zurückzuführen. So fische man nun häufiger asymptomatische Personen raus, die bereits bestehende Dunkelziffer werde schlicht besser beleuchtet, meint Pauli. Was aber generell, betont er, aus seiner Sicht gut sei.

Wie eine Blitzeroffensive

Pauli vergleicht das so: „Wenn die Polizei eine Blitzeroffensive startet, wird man auch mehr Raser erwischen.“ Der Landrat ist deshalb im Gespräch mit den Vertretern der örtlichen Medien am Donnerstag auch vorsichtig, was den Begriff der „dritten Welle“ angeht. „Wir haben natürlich die Fallzahlen, aber was bedeuten sie?“, fragt er. Es sei naiv zu glauben, dass die Inzidenz nicht nach oben gehe, wenn man „enorm viel testet“, führte Pauli im Gespräch mit unserer Zeitung weiter aus. Deshalb reiht sich der Landrat offensiv in die Stimmen derjenigen ein, die das Festhalten am Inzidenzwert als Richtwert für Corona-Maßnahmen kritisieren. „Es fehlt hinten und vorne an einer Langzeitstrategie“, sagt er. Eine solche sei nicht erkennbar, nicht im Bund, nicht im Land, kritisiert Pauli.

Pauli wünscht sich „maßgeschneiderte Lösungen“

Zugleich sei er froh, dass die sogenannte Bundesnotbremse nun Sache des Parlaments war. „Bei Grundrechtseinschränkungen ist es Aufgabe des Parlaments, da mitzuentscheiden“, betont Pauli, der mit den aktuellen Maßnahmen spürbar hadert. „Wir fahren damit vieles an die Wand“, sagt er. „Ganze Jahrgänge in der Schule“, befürchtet Pauli, „aber auch Gastronomie und Einzelhandel“. Dass es da an Perspektiven mangele, bringe viele auf die Palme, ist Pauli sicher. Er halte die Fokussierung auf die Inzidenz aber auch deshalb nicht für zielführend, „weil wir noch monate- und wahrscheinlich jahrelang mit dem Virus, mit immer neuen Mutanten leben müssen“. Pauli wünscht sich deshalb – „da sind so viele kluge Köpfe am Werk“ – kreativere, maßgeschneiderte Lösungen. Er sagt: „Das würde ich erwarten.“

Appell an die Eigenverantwortung – auch der Kommunen

Zugleich appelliert Pauli aber auch ausdrücklich an die Eigenverantwortung – und nimmt als Chef der Kreisverwaltung nicht nur Bürger, sondern auch Kommunen in die Pflicht, eigeninitiativ an Lösungen zu arbeiten. „Unser System basiert eigentlich auf der kommunalen Selbstverwaltung.“ Was den Landrat unterdessen besonders umtreibt: Dass aus seiner Sicht mit den Maßnahmen diejenigen bestraft würden, die mit Hygienekonzepten Sicherheit gewährleisten können, Gastronomen, Einzelhändler, auch Möbelhäuser und Fitnessstudios. Pauli sagt, es habe dort keine Ausbrüche gegeben, noch dazu würden Fitnessstudios die Gesundheit der Bürger fördern. Man habe es im Zollernalbkreis vielmehr mit einem diffusen Geschehen zu tun, „deshalb knallen die Zahlen nach oben“. Einen Absolutheitsanspruch aber will Landrat Pauli nicht erheben: „Es kann sein, dass ich falsch liege.“ Doch es seien auch zunehmend kritische Rückmeldungen von Kinderärzten und -psychologen, die ihn umtreiben und „die wir ernstnehmen müssen“. Man dürfe nicht die Gesundheit des einen gegen die des anderen ausspielen, sagt Pauli.

Maßnahmen aus der Gießkanne

Auch wenn die „Flickenteppiche“ bei den Corona-Maßnahmen kritisiert worden seien (und in den Corona-Verordnungen ohnehin kaum mehr jemand durchblickt), warnt Pauli davor, Maßnahmen „mit der Gießkanne“ zu erlassen. „Man muss zwischen Metropolen und dem ländlichen Raum trennen“, findet Pauli. Es könne sein, dass Maßnahmen in den Metropolen sinnvoll seien, auf dem Land hingegen nicht. Auch zweifelt der Landrat am Nutzen von nächtlichen Ausgangssperren, „die ja nicht dafür da sind, dass niemand mehr spazieren geht, sondern sich die Leute nicht privat treffen“. Ob sich dieses Problem damit lösen lässt? Pauli hat Bedenken, lobt aber, dass diese Fragen „lebendig diskutiert werden“. Wenngleich manche Kritik in diesen Tagen wilde Blüten treibt, das spürt auch Pauli selbst. Offenkundig Gegner der Corona-Maßnahmen haben ihn mittels einer Wandschmiererei für das Infektionsschutzgesetz kritisiert. Allein: „So weit geht die Zuständigkeit des Landrats nicht“, sagt ebendieser. Und einig, daran lässt er keinen Zweifel, ist er mit dem, was aus Bund und Land kommt, ja ohnehin nicht.

Pauli: „Akzeptanz der Maßnahmen sinkt“

So oder so: „Die Akzeptanz der Maßnahmen sinkt“, findet Pauli. Auch deshalb dürfe man Dinge nicht „ohne Not“, wie er formuliert, kaputtmachen. Ganz wichtig aber sei gleichwohl, die Hygienemaßnahmen ernstzunehmen: Abstand, nicht die Hände schütteln, Maske tragen. „Das hilft uns nachhaltig und wird uns auch noch länger begleiten“, ist Pauli sicher. Denn, natürlich, seien Ansteckungen zu vermeiden. „Wir müssen unbedingt vorsichtig sein.“ Aber eben auch zur Normalität zurückfinden.
Pauli blickt dabei auch auf die Impfquote: „Wenn vielleicht mal 20, 30 oder 40 Prozent der Einwohner im Zollernalbkreis geimpft sind, muss einfach wieder mehr normales Leben möglich sein.“ Deshalb legen sie im Kreisimpfzentrum in Meßstetten den Impfturbo ein, jedenfalls im Rahmen des verfügbaren Impfstoffs. Täglich seien derzeit 500 Impfungen möglich, samstags auch 1000, erklärt KIZ-Leiter Stefan Hermann, dem das Sozialministerium bescheinigte, eines der leistungsfähigsten Impfzentren des Landes zu betreiben. In den Praxen der niedergelassenen Ärzte seien derweil, Stand Mittwoch, 3640 Impfungen durchgeführt worden, meldet das Landratsamt.

Experten mahnen zur Vorsicht

Experten wie der Chef-Virologe der Berliner Charité, Christian Drosten, warnen jedoch seit geraumer Zeit davor, den Impfeffekt anfangs überzubewerten: Wenn die Risikogruppen durchgeimpft seien und Maßnahmen nicht mehr durchsetzbar, „werden wir zu einem Zeitpunkt in eine Situation kommen, in dem die Infektionen in der Bevölkerung in großem Maße laufen“, mahnt Drosten. „Und das haben wir bisher noch nicht erlebt.“